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Else Schirra aus Urweiler bei St. Wendel wird am 11. Januar 100 Jahre

Ganzes Jahrhundert : Ein Piccolöchen statt der großen Feier zum Jahrhundert-Ereignis

Else Schirra aus Urweiler wird an diesem Montag 100 Jahre alt. Sie gilt als älteste aktive Tennisspielerin Deutschlands.

Ein Mensch und sein Jahrhundert: Am heutigen Montag feiert Else Schirra, geborene Lörscher, aus dem St. Wendeler Stadtteil Urweiler ihren 100. Geburtstag. „Eine große Feier wird es wegen Corona nicht geben. Auch mein Sohn Wolfgang wird nicht kommen“, bedauert das Geburtstagskind. Mit dem 68-Jährigen werde sie telefonieren, den Ehrentag begeht sie mit ihrer Freundin Magdalena Markmann (89). „Wir machen ein Piccolöchen auf, eine Flasche Sekt ist für uns zu viel“, ergänzt sie gleich.

Es ist einfach sagenhaft und beeindruckend, mit welch präzisem Erinnerungsvermögen Else Schirra, wegen Kontaktreduzierung im Telefongespräch mit der SZ, auf ihre nun dreistellige Anzahl von Lebensjahren zurückblicken kann. Am 11. Januar 1921 ist sie in St. Gangolf, einem Ort mit ein paar Häusern, der seinerzeit zum Gebiet der selbstständigen Gemeinde Besseringen zählt, als erstes von zwei Kindern geboren worden. „Ich hatte einen Bruder, mein Vater war Wagenmeister bei der Eisenbahn. Meine Jugendzeit war sehr schön, und ich bin in einem sehr guten Elternhaus aufgewachsen“, betont die Jubilarin. Später sei die Familie Lörscher ins nahe Mettlach umgezogen. Im Anschluss an die Volks-und Berufsschule arbeitet sie als Büroangestellte, dann als Finanzbuchhalterin in einer Sektkellerei und später in der Generaldirektion bei Villeroy & Boch in Mettlach. Dort läuft ihr der Vermessungstechniker Willi Schirra über den Weg, der sie 1940 zum Traualtar führt. Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor.

„Während des Zweiten Weltkrieges waren wir nach Rostock evakuiert worden“, hat Else Schirra eine schreckliche Zeit miterlebt. Ein Firmenwechsel ihres Mannes führt die Familie 1961 von Mettlach nach St. Wendel. „Er hat die Leitung auf einer großen Baustelle in St. Wendel übernommen. Den großen Schornstein im Heeresinstandsetzungswerk hat mein Mann damals geplant und gebaut“, sagt sie. Anfangs wohnen Schirras im Kapellenweg, ehe sie in der damals noch eigenständigen Gemeinde Urweiler ein Baugrundstück erwerben und 1964 in den Neubau einziehen. „Hier wohne ich wunderbar“, stellt Else Schirra gleich fest. Ehemann Willi ist 1979 verstorben.

Nach dem Schicksalsschlag widmet sich Else Schirra verstärkt ihren sportlichen Aktivitäten. „Ich war sehr gerne in Tirol zum Skifahren“, schildert sie. Und mit ihrem Freundeskreis geht sie regelmäßig auf den Tennisplatz. „Das war einfach mein Ding. In einem Verein habe ich nie gespielt, weil wir selbst eine gute Mannschaft und ein sehr guter Freundeskreis waren“, schwärmt Else Schirra. Das tut sie auch von Steffi Graf und Boris Becker, deren große Tennismatches sie in den 1980er-Jahren mit Spannung vor dem Fernsehgerät verfolgt. Allerdings werden im Freundeskreis die Tennispartner altersbedingt immer weniger. „Ich habe dann sehr spät noch den Führerschein gemacht, weil ich muss doch jede Woche von Urweiler in die Tennishalle nach St. Wendel kommen“, meint sie. Seit mehr als 30 Jahren geht Else Schirra gemeinsam mit Tennispartner Georg Schmidt einmal wöchentlich unter dem Hallendach ans Netz. „Da brauchen wir hinterher auch den Platz nicht noch extra abzuziehen“, scherzt sie.

Ein SZ-Bericht über die damals  99-jährige Tennisakteurin löst deutschlandweit ein reges Medieninteresse um die Großmutter aus. Laut der Reportage im ARD/ZDF-Morgenmagazin ist sie derzeit die älteste aktive Tennisspielerin Deutschlands. „Durch den Sport bleibt man doch mobil“, verrät sie. Ihren Haushalt erledigt die gelernte Finanzbuchhalterin ebenso wie die Steuererklärung und die Buchhaltung für das Dreifamilienhaus selbst. Seit Beginn der Corona-Pandemie besorgt Mieterin Anne Zeyer die nötigen Einkäufe für die Seniorin. „Sie will nicht mehr, das ich dahin gehe, weil es zu gefährlich ist“, erklärt Else Schirra. Aber die Sachen auf der Bank und Post regele sie noch eigenhändig. „Sonst halte ich mich zurück und brauche glücklicherweise nicht zum Arzt, und mir stehen keine Untersuchungen bevor“, freut sie sich.

Auch jetzt, mit 100 Jahren, will Else Schirra sportlich weiterhin aktiv bleiben. „Wenn man das machen kann, bleibt man geistig und körperlich fit – und das Glück habe ich“, findet sie. So wird sie gemeinsam mit Freundin Magdalena Markmann ihren Geburtstag am heutigen Montag feiern. Fest steht: „Wenn nichts Vernünftiges im Fernsehen läuft, dann schauen wir uns eine DVD an“, so Else Schirra. Im Hinterkopf plant sie bereits eine große Geburtstagsfeier nach dem Ende der Corona-Pandemie. Aber im Moment sei die Situation katastrophal, und dem müsse Rechnung getragen werden.