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Ein Prinz und Engel wachen über sie

Ein Prinz und Engel wachen über sie

Seit Dezember 2004 erinnert eine Stele aus schwarzem Granit auf dem St. Wendeler Friedhof an die Sternenkinder. Jene Babys, die fehl- oder totgeboren wurden. Die Initiative von Marienkrankenhaus und Mitgliedern des Frauenbundes organisiert zwei Mal im Jahr Bestattungen – für die Eltern sind diese kostenlos. In einer Messe am kommmenden Mittwoch wird der Sternenkinder gedacht.

Die Novembersonne streichelt sanft den schwarzen Granitstein. Goldene Sterne blitzen auf. Am Fuß der Stele sind Kerzen und Blumen aufgestellt, wacht eine Schar weißer Engelsfiguren über die Sternenkinder. Unsere Welt haben sie nie kennen gelernt. Sie sind im St. Wendeler Marienkrankenhaus fehl- oder totgeboren worden. Vor zwölf Jahren ist auf dem Friedhof in St. Wendel dieser Ort der Trauer für die Eltern entstanden. "Das ist für mich die schönste und traurigste Landschaft auf der Welt" ist auf der Stele zu lesen. "Hier ist der kleine Prinz auf der Erde erschienen und wieder verschwunden." Diese Textauszüge stammen aus Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz". Auf dem Stein verewigt hat diese Zeilen der Bildhauer Gerd Kraushaar, der die Stele geschaffen hat. Die Idee dazu kam von Elisabeth Zimmermann. Und nicht nur diese.

Es war bei einer Diskussion über das "Leben vom ersten Tag an" vor mehr als zehn Jahren, als die Beisitzerin im Vorstand des katholischen Frauenbundes St. Wendel von dem Thema eingenommen wurde. Sie kritisierte Kirche und Gesellschaft, die sich um die fehlgeborenen Kinder nicht kümmere. "Die Kirche hat sich früher gesperrt", sagt Zimmermann im SZ-Gespräch. "Hat die Ungetauften nicht beerdigt." Schlimmer noch, diese Kinder wurden mit dem Klinikmüll entsorgt.

Zimmermann erfuhr von einer Aktion für Sternenkinder in Bayern. Las in einem Artikel von einer Mutter, die ihr Baby verlor. Dessen Leben so kurz war wie das Aufblitzen eines Sterns. Emotional berührt nahm sie Anfang 2004 Kontakt zu Schwester Elia Glock vom Marienkrankenhaus in St. Wendel auf. Sie war die Vorgängerin der heutigen Krankenhausoberin Hildegard Marx. Zimmermann rannte mit ihrer Idee damals offene Türen ein. So entstand die Initiative Sternenkinder, getragen vom Krankenhaus und dem Frauenbund, den Elisabeth Zimmermann mit ins Boot holte.

Mehr als ein Jahrzehnt später sitzen Elisabeth Zimmermann, Gisela Hoffmann und Hildegard Marx zusammen und erinnern sich an die Anfänge. "Es war ein harter Kampf": Dieser Satz fällt bei dem Gespräch mehrfach. Er habe sich aber gelohnt. "Es tut gut zu sehen, dass man den Menschen etwas geben kann", sagt Marx. Trauern zu dürfen sei wichtig für die Eltern , das hätten sie früher nicht gekonnt.

Kinder, die ohne Lebenszeichen, aber mit einem Gewicht von mehr als 500 Gramm zur Welt kommen, wurden schon immer standesamtlich erfasst. Jene unter 500 Gramm lange Zeit nicht. Erst seit 2013 gibt es die Möglichkeit für Eltern , ihr Sternenkind beim Standesamt eintragen zu lassen - mit Namen. Auf Wunsch kann es auch bestattet werden.

Im Marienkrankenhaus spielt es keine Rolle, in welcher Schwangerschaftswoche oder mit welchem Gewicht ein Kind zur Welt kommt. "Wir verstehen Leben vom Beginn der Zeugung an", betont Marx. Alle Kinder, die hier fehl- oder totgeboren werden, sind Sternenkinder, und sie alle werden bestattet.

Wenn eine Frau eine Fehlgeburt hatte, wird der Fötus in die Pathologie auf dem Winterberg in Saarbrücken gebracht. Dort werden die winzigen Bündel aufbewahrt. Zwei Mal im Jahr gibt es Bestattungstermine für die Sternenkinder auf dem St. Wendeler Friedhof. Das Beerdigungsinstitut Dubreuil holt die Föten in Saarbrücken ab, überführt sie kostenlos ins Krematorium in Völklingen und bringt die Urne schließlich in die Kreisstadt. Dort gibt es eine Feier in der Friedhofshalle. "Diese ist ökumenisch", sagt Gisela Hoffmann. Danach wird die Urne an der Stele beigesetzt. "Bei der letzten Beerdigung war zum ersten Mal eine muslimische Familie dabei", so Zimmermann. Seien anfangs nur die Frauen zu den Bestattungen gekommen, sind es heute ganze Familien. Giesela Hofmann und Elisabeth Zimmermann haben in den zurückliegenden zwölf Jahren nie einen Termin verpasst. Auch die Krankenhausoberin kommt so oft wie möglich dazu, ebenso Mitarbeiter der Gynäkologie. "Es ist jedes Mal ergreifend", sagt Zimmermann.

Den drei Frauen ist es wichtig, das Thema Fehlgeburt weiter aus der Tabu-Ecke zu holen. Viel zu lange hätten Frauen aus Scham und Schuldgefühl heraus über ihren Verlust geschwiegen. Selbst in der eigenen Familie hätten sich Betroffene nicht getraut, über ihre Gefühle zu sprechen. "Heute haben wir schon die Möglichkeit, die Frauen im Krankenhaus zu betreuen", sagt Marx. Durch Seelsorger oder Psychologen. Schätzungsweise 60 bis 90 Fehlgeburten verzeichnet das Marienkrankenhaus pro Jahr. Alle diese Sternenkinder werden beerdigt.

Elisabeth Zimmermann, die als Initiatorin der Aktion 2015 mit der Wendelinus-Plakette ausgezeichnet wurde, erinnert sich noch gerne an die Einweihung der Stele auf dem Friedhof zurück. "Damals lag Schnee", sagt sie. Es war im Dezember 2004 zum Fest der unschuldigen Kinder. Seitdem gibt es den Ort des Gedenkens. "Und wenn Ihr zufällig da vorbeikommt, dann eilt nicht weiter, ich flehe Euch an - wartet ein bisschen, gerade unter dem Stern" (Antoine de Saint-Exupéry ).

Im Gedenken an die Sternenkinder gibt es einmal im Jahr eine Messe. Diese ist am kommenden Mittwoch, 9. November, 8.30 Uhr, in der Basilika in St. Wendel .

Zum Thema:

Hintergrund Nach Informationen des Frauenbundes St. Wendel gab es 2003 im Marienkrankenhaus 62 Fehlgeburten und vier Totgeburten. Ein Jahr später startete die Initiative Sternenkinder. Seitdem werden alle im Marienkrankenhaus fehl- oder totgeborenen Kinder an einer Stele auf dem St. Wendeler Friedhof beerdigt. Eine Bestattungspflicht gibt es im Saarland für Fehlgeburten nicht. Als Fehlgeburten gelten Kinder ohne Lebenszeichen mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm. Auf Wunsch der Eltern können diese Kinder beerdigt werden. Eine Bestattungspflicht von fehlgeborenen Kindern gibt es übrigens in Bayern und Nordrhein-Westfalen. evy