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„Die Vielfalt ist unsere Stärke“

„Die Vielfalt ist unsere Stärke“

Ein entschleunigter Tagesablauf, zusätzliche Angebote, keine Hausaufgaben. Schulleiter von gebundenen Ganztags-Gemeinschaftsschulen sehen in der Schulform Vorteile und wünschen sich mehr Wahlfreiheit.

Keine Zeit für Sportvereine , die Musikschule oder die Familie: Dass Kinder, die verpflichtenden Nachmittagsunterricht bis 16 Uhr haben, hierfür kaum Zeit hätten, hören die Schulleiter der St. Wendeler Gemeinschaftsschule, Ursula Seelmann, und der Neunkircher Gemeinschaftsschule, Clemens Wilhelm, oft. "Doch wenn wir das pädagogische Konzept einer gebundenen Ganztagsschule erklären, nehmen wir oft die Ängste", sagen beide Lehrer . Denn in den Schultag würden Musikschulen und Sportvereine integriert. Auch gebe es keine Hausaufgaben , denn in einer Lern-übungs- und -Vertiefungsphase pro Tag können Schüler die "Schulaufgaben" unter Betreuung eines Lehrers erledigen. "Um 16 Uhr ist wirklich Schluss, sodass Eltern die Zeit wirklich mit ihrem Kind verbringen können und es nicht bis in den Abend bei Hausaufgaben unterstützen müssen", sagt Seelmann. Zudem ist das Angebot - anders als die Nachmittagsbetreuung an freiwilligen Ganztagsschulen - kostenlos.

Die Schulleiter der acht Gemeinschaftsschulen im gebundenen Ganztag haben nun einen Arbeitskreis gegründet, dem Seelmann und Wilhelm als Vorsitzende und Stellvertreter vorstehen. Sie wollen sich besser vernetzen, aber auch für die Schulform werben. "Die Anmeldezahlen an gebundenen Ganztagsschulen steigen", sagt Wilhelm (siehe Infobox). Doch müsse es mehr Wahlfreiheit zwischen gebundenen und freiwilligen Ganztagsschulen geben. Doch vom Ziel der Landesregierung, binnen von 2012 bis 2017 25 neue gGTS (Grundschulen und weiterführende Schulen) einzurichten, fehlen noch acht.

"Vertrauen braucht Zeit", findet Seelmann. Neben Eltern und Schülern müssten auch Lehrer für den neuen Weg gewonnen werden. Denn ein Ganztagsbetrieb verlangt auch von den Lehrern eine längere Anwesenheitszeit. Damit dies funktioniere, brauche es ein gutes Raumkonzept mit Ruhe- und Arbeitsräumen für Lehrer wie Schüler .

Zudem sei auch ausreichend Personal nötig. So stellt das Land das Personal für 32 zusätzliche Wochenstunden bei Grundschülern und fast elf Stunden an weiterführenden Schulen bis zur zehnten Klasse.

Die große Stärke "ihrer" Schulform liege in der "Entzerrung" des Schulalltags, denn der Unterricht wird auf Vor- und Nachmittag verteilt. Diese andere Rhythmisierung sorge bei Schülern wie Lehrern für Entspannung. Dabei habe jede der gebundenen Ganztagsschulen eigene Konzepte. "Bei uns gibt es jeden Morgen 15 Minuten für einen beruhigten Unterrichtsbeginn, die Schüler können ankommen, sich auf den Tag einstellen, aufnahmefähig werden, bis es um 8 Uhr losgeht", schildert Seelmann.

An freiwilligen Ganztagsschulen fehlt ihnen das Ganzheitliche. "Bildung braucht Mehrwert. Kunst, Musik und Sport kommen an Halbtagsschulen zu kurz", sagt Wilhelm. An der Gemeinschaftsschule in St. Wendel gibt es 22 AGs für die derzeit 325 Schüler - jeder besucht mindestens eines der Angebote, die von Theater, Musik bis zu Natur- und Umweltpädagogik reichen. Die Schulen verfügen über Budgets, auch Honorarkräfte von außen einzustellen. Auch sei an gGTS das Vertrauensverhältnis zwischen Schülern und Lehrern intensiver - weil sie einfach mehr Zeit miteinander verbringen. In den jüngeren Klassen begleiten die Lehrer ihre Schützlinge zum Mittagessen.

Beide schätzen die Möglichkeit, Neues ausprobieren zu können. Im nächsten Jahr soll in St. Wendel "modularisierter Förderunterricht" angeboten werden. Ein Modul widmet sich beispielsweise der Komma-Setzung, ein anderes der quadratischen Gleichung. Schüler verschiedener Jahrgangsstufen können sich anmelden und so etwaige Wissenslücken auch von früheren Schuljahren stopfen. Ursula Seelmann ist überzeugt: "Die Vielfalt ist unsere Stärke. Es wird größeren Wert auf selbstständiges Lernen gelegt, was die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler fördert und sie auf eine sich verändernde Gesellschaft vorbereitet."

Zum Thema:

Hintergrund Im Schuljahr 2011/2012 gab es im Saarland sieben gebundene Ganztagsschulen (gGTS). Laut Bildungsministerium hat sich die Zahl der Schüler an gGTS seit 2012 fast verdreifacht und wird im neuen Schuljahr bei 4376 Schülern liegen - 1000 weitere Schüler besuchen Ganztagsklassen, die an freiwilligen GTS existieren. ukl