Mit der Polizei auf Streife: Brennpunkt: Erstmals sind die Kameras dabei

Mit der Polizei auf Streife : Brennpunkt: Erstmals sind die Kameras dabei

Kontroll-Aktion in der St. Wendeler Innenstadt, bei der der Stadtpark in den Fokus rückt. Beamte sind mit neuer Technik ausgestattet.

Die Sonne strahlt an diesem Freitagnachmittag vom blauen Himmel über St. Wendel. Im Stadtpark sitzen junge Leute auf dem Boden. Einige halten Bierflaschen in der Hand, andere ihre Mobiltelefone. Ein junger Mann sitzt in einem Polizeibus. Ihm gegenüber ein Beamter, der fleißig schreibt. Seine Kollegen behalten derweil die übrigen Kandidaten im Auge. Sie alle sollen kontrolliert werden.  

Etwa zwei Stunden zuvor, gegen 15 Uhr, kommt der Chef der St. Wendeler Polizeiinspektion aus der Einsatz-Zentrale unterm Dach des Gebäudes in der Mommstraße. Er hat eine Mappe unter den Arm geklemmt. Dort sind Aufnahmen verschiedener Brennpunkte in der Kreisstadt gesammelt. Mit seinem Team hat Martin Walter gerade die erste Brennpunktkontrolle in 2018 besprochen. Jetzt heißt es für 25 Beamte: Einsatz.

Seit einem halben Jahrzehnt gibt es bereits das Brennpunkt-Konzept der Polizei in St. Wendel. Dieses sieht regelmäßige Kontrollen markanter Orte im Stadtkern vor. Zunächst war es nur auf die Sommermonate ausgelegt, seit 2016 wird auch in der kalten Jahreszeit gezielt patrouilliert. Pro Quartal soll eine große Kontrollaktion starten, erklärt Polizeirat Walter. In diesem Jahr habe sich die erste Kontrolle zeitlich etwas verzögert.

An diesem Tag stehen vier Orte im Fokus: der Stadtpark, das Glashaus auf der Mott, der Bahnhof und der Skaterpark. Bei letzterem lägen aktuell Beschwerden von Anwohnern vor – wegen Lärmbelästigung. Anscheinend trifft sich dort auf dem Parkplatz eine Tuning-Szene und lässt Motoren aufheulen und Reifen quietschen.

Die Polizisten achten auf alles, was die öffentliche Ordnung stört. Denn das ist für sie auch eine Chance, überhaupt zu kontrollieren. „Wir brauchen immer einen Anlass“, erläutert Martin Walter. Das sei beispielsweise in der Landeshauptstadt anders. Wegen der Nähe zur Grenze könnte in Saarbrücken ohne konkreten Anlass kontrolliert werden. Für den Polizeichef ist es wichtig, mit den Kontrolltagen verstärkt Präsenz zu zeigen. Zum einen, um einen gewissen Druck auf das Störerklientel auszuüben. Und zum anderen, um der Bevölkerung zu zeigen: Die Polizei ist zur Stelle.

Eine Besonderheit bei den Brennpunkten der Stadt nimmt der Bahnhof ein. Hier besteht eine Sicherheitspartnerschaft zwischen Stadt, Deutscher Bahn als Gebäudeeigentümer, Bundespolizei und der St. Wendeler Wache. Hier gibt es regelmäßig gemeinsame Kontrolltage von Bundes-und Landespolizei.

Es klopft an der Tür. Ein Beamter in zivil betritt das Büro des Polizeirats. Er gehört zu einem Team, das unerkannt in der Stadt unterwegs ist, um auszuloten, wo der erste Einsatz sein könnte. „Auf der Mott ist alles ruhig, im Stadtpark auch“, lautet sein erstes Fazit. Die Sonne scheint, es ist warm. Möglicherweise treffen sich die Leute erst später?

Während es für den Beamten wieder auf Streife geht, zückt Martin Walter einen Plan vom Stadtpark. Der ist mit Nummern versehen. „So teilen wir die Fläche ein und können die Polizisten dahin lotsen, wo sie gebraucht werden.“ Einsätze laufen in der Regel wie folgt ab: Sternförmig nähern sich die Einsatzkräfte der zu kontrollierenden Gruppe, bilden dann quasi einen Ring. Wobei Walter ganz wichtig ist, dass nicht der Eindruck entsteht, dass die Menschen eingekesselt werden. Außerdem müssten Unbeteiligte den Bereich auch problemlos verlassen können. 80 Prozent der Kontrollierten werden der Erfahrung nach direkt wieder entlassen, für 20 Prozent geht es mit auf die Wache.

Von dort aus startet der nächste Streifenwagen auf Kontrollfahrt. Zwei Beamte, darunter auch Marco Ames, Sprecher der Wache, fahren verschiedene Punkte in der Stadt ab. Wobei sie den ein oder anderen cleveren Schleichweg nutzen. „Bestimmtes Klientel flüchtet, wenn es ein Polizeiauto sieht“, erläutert Ames. Das sei aber okay. Denn der Streifenwagen solle wahrgenommen werden. Aus diesem Grund gibt es die Vorhut in zivil. Im Stadtpark sind einige wenige Leute unterwegs. „Die dürfen sich dort ja treffen“, sagt Ames, betont aber gleichzeitig, dass keine Betäubungsmittel im Spiel sein dürfen. Alleine schon wegen des Kinderspielplatzes in der Nähe. Er bringt einen Vergleich zum Fußball: „Manches laufen zu lassen, ist in Ordnung. Aber ein Schiedsrichter muss da sein, um einzugreifen, wenn nötig.“ Über Funk melden sich die anderen Einsatzteams. Auch an den anderen Brennpunkten scheint alles ruhig zu sein.

Einige Minuten vergehen. Dann kommt plötzlich Bewegung in die Sache. Eine Streife meldet zwei „kontrollwürdige Gruppen“ im Stadtpark. Über Funk werden die Einsatzwagen an ihre Positionen beordert. Und zwar zunächst so, dass sie nicht sofort erkennbar sind. Nacheinander geben die Teams durch, dass sie startklar sind. Aus der Einsatzzentrale der Wache kommt schließlich das „Go!“ Schnell fahren die Autos an, die Polizisten steigen aus. Mögliche Fluchtwege werden besetzt.

Zwei Gruppen wollen die Beamten kontrollieren. „Manchmal gewinnen wir schon einen Mehrwert alleine, weil wir sehen, wer mit wem zu tun hat“, sagt Walter. Im ersten Moment wirken die Gruppen wie zufällig zusammengewürfelt. Junge Frauen, junge Männer, aber auch reifere Herren. Die Stimmung ist ruhig. Hektik kommt nur bei einer Person auf, die versucht, flugs noch ein Messer verschwinden zu lassen. Doch die Beamten kriegen es mit: Verstoß gegen das Waffengesetz.  Pässe werden kontrolliert, Personalien aufgenommen. Die Leute vertreiben sich die Zeit mit Quatschen, Bier trinken oder am Handy spielen. Teils unterhalten sie sich auch mit den Polizisten. An dreien fällt ihnen eine Neuerung auf. Sie tragen neben den üblichen gelben Polizeiwesten welche mit dem Aufdruck „Videodokumentation“. An der linken Schulter ist zudem eine Kamera positioniert, eine Body-Cam. Seit Anfang April haben sich ausgewählte Polizisten der St. Wendeler Wache mit der Technik vertraut gemacht.

So auch ein junger Beamter der Operativen Einheit. Er demonstriert, wie das Gerät funktioniert. In der Regel ist es ausgeschaltet. Deutet sich aber eine brenzlige Situation an, kann der Polizist die Kamera in den Pre-Recording-Modus schalten. Das bedeutet, auf dem Display erscheint ein Bild, aufgezeichnet wird aber noch nicht. „Es wird alles dargestellt, wie es das menschliche Auge sieht“, erläutert der junge Beamte. Ehe er den Aufnahmeknopf bedienen darf, muss er laut ankündigen, dass er jetzt aufzeichnet. 30 Sekunden davor und danach schneidet das Gerät automatisch mit. Wie der St. Wendeler Polizeichef erklärt, darf die Body-Cam bislang nur im öffentlichen Raum eingesetzt werden. Nach Ende eines Einsatzes werde das Videomaterial gesichtet. Findet sich eine Aufnahme mit Beweismittelcharakter darauf,  wird die entsprechende Sequenz auf CD gebrannt und somit gesichert. Alles andere wird gelöscht.

Das Gelächter von Kindern schallt zu der Gruppe Kontrollierter rüber. Auf dem Spielplatz nebenan sind einige Eltern mit ihrem Nachwuchs. Während die Kleinen rutschen und schaukeln, entdecken die Beamten bei zwei Kandidaten Marihuana. Bedeutet für die Ertappten: Anzeigen wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Und ihr Stoff landet in der Asservatenkammer der Wache.  

Bei solchen Kontrollen fällt für die Einsatzkräfte auch einiges an Schreibarbeit an. Es gibt vorgefertigte Bogen, die es auszufüllen gilt. Zwischendrin wird Rücksprache mit der Einsatzzentrale gehalten. Informationen über einzelne Personen werden ausgetauscht. Dann fährt der erste Wagen wieder ab. Er bringt eine Person zur Inspektion.

Jene, die zurückbleiben, werden langsam unruhig. Mit Aussagen wie „Ich muss zum Bus“ will der ein oder andere das Prozedere beschleunigen. Ein junger Mann wird gar dramatisch „Ihr habt mir eineinhalb Stunden meines Lebens geraubt.“ Tatsächlich braucht die Kontrolle einiges an Zeit. Immer wieder beäugen Passanten das Geschehen, fragen bei den Polizisten nach, ob etwas passiert sei. Die können beruhigen: reine Routine, Kontrollen zur Sicherheit.