Netzwerktreffen: Bekenntnis zum Standort St. Wendel

Netzwerktreffen : Bekenntnis zum Standort St. Wendel

Beim Treffen des Netzwerks WND stand die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung des Landkreises im Fokus.

Der Landkreis St. Wendel mausert sich mehr und mehr zum Spitzenreiter der Kreise im Saarland und ist als solcher ein attraktiver Standort für neue wirtschaftliche Aktivitäten. Dieser Trend, der bereits in mehreren Untersuchungen festgestellt wurde, hat sich auch beim jüngsten Jahrestreffen des Netzwerkes WND bestätigt. So verwies der Netzwerk-Sprecher und frühere Sparkassen-Direktor Josef Alles auf neuere Statistiken der Arbeitsagentur, wonach im Kreis St. Wendel zwischen 1998 und 2017 die Zahl der Arbeitsplätze um 28,8 Prozent auf 27 148 gestiegen ist. Dies sei die höchste Steigerung im ganzen Land. Der saarländische Durchschnitt liege bei 11,7 Prozent. Der aus Alsweiler stammende frühere thüringische Innenminister Richard Dewes, der vor 1994 auch saarländischer Landespolitiker und Vorsitzender des SPD-Unterbezirks St. Wendel war, erklärte, der Landkreis sei „in gutem Zustand“. Dewes äußerte sich nach einem Besuch bei mehreren Firmen im früheren Kasernengelände in St. Wendel „zutiefst beeindruckt davon, was hier im Kreis St. Wendel stattfindet und weltweit zum Einsatz kommt“.

Die Serie von Besichtigungen und Gesprächen war vom Netzwerk WND organisiert worden, das sich als Forum des Austauschs zwischen früheren und heutigen Bewohnern des St. Wendeler Landes versteht und durch Impulse aus dem Kreis der Aus- und Zuwanderer die Entwicklung der Region fördern will. Bisher gehören dem 2015 gegründeten lockeren Verbund mehr als 140 Menschen an, unter ihnen viele Wissenschaftler, Manager und Kulturschaffende. Sie versammeln sich einmal im Jahr. Bei früheren Treffen sprachen die Teilnehmer unter anderem mit dem Globus-Chef Thomas Bruch und dem Hasborner Dichter Johannes Kühn, in diesem Jahr standen Besuche in einem Business-Zentrum des Unternehmers Helmut Zimmer und im Hospital St. Wendel auf dem Programm.

Helmut Zimmer, der in St. Wendel einen Dachdecker-Betrieb mit Zimmerei und Klempnerei betreibt, hat in den vergangenen zehn Jahren an verschiedenen Standorten sechs Business-Parks gegründet, in denen 35 Firmen eine Unterkunft fanden. So entstanden rund 400 Arbeitsplätze, so auch in der früheren französischen Kaserne. Der Unternehmer engagiert sich auch ehrenamtlich, vor allem in der beruflichen Bildung und Vermittlung von Jugendlichen.

Für Bernd Wegner, Präsident der Handwerkskammer des Saarlandes, ist Zimmer deshalb „einer unserer Vorzeige-Unternehmer“. Nach Wegners Worten umfasst das Handwerk im Kreis St. Wendel rund 1000 Betriebe mit etwa 7000 Beschäftigten, davon 500 Auszubildenden. Dies entspricht fast einem Viertel der insgesamt 27 000 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer im Kreis. Derzeit erlebe das Handwerk einen Boom, „die Gesamtperspektiven sind sehr gut“, wie Wegner sagte. Das größte Problem sei der Mangel an Facharbeitern, die Firmen „suchen händeringend Leute, die angreifen wollen“. Es gingen „viele Millionen verloren“, weil Aufträge wegen Personalknappheit nicht ausgeführt werden könnten.

Ein starkes Wachstum verzeichnet auch die St. Wendeler Niederlassung des internationalen Gesundheitskonzerns Fresenius Medical Care. Das Werk ist heute einer der weltweit wichtigsten Standorte für die Entwicklung und Produktion von Dialysatoren, die man für die Blutwäsche von Nierenkranken braucht. Obgleich in der Fertigung immer stärker Roboter zum Einsatz kommen, habe sich auch die Zahl der Beschäftigten in jüngster Zeit auf mehr als 2000 erhöht. Fresenius ist damit der größte Arbeitgeber im Kreis St. Wendel geworden und hat in dieser Position die Firma Globus (1800 Arbeitsplätze) überholt. Es wurde zusätzlicher Raum gebraucht, weshalb die Abteilung Netcare in eines der Gebäude der ehemaligen Kaserne ausgelagert wurde. Sie betreut von St. Wendel aus auch die Niederlassungen in Österreich, der Schweiz, Frankreich und Italien, wie der St. Wendeler Netcare-Koordinator Detlef Emil Grohs den Besuchern erläuterte. Faszinierende Einblicke brachte für die Mitglieder des Netzwerks die Begegnung mit Bernd Backes, dem Geschäftsführer der Firma Irsch & Backes Engineering, die ebenfalls in Zimmers Business-Zentrum in der Kaserne ihren Sitz hat. Das 2004 gegründete Ingenieur-Büro mit seinen 18 Beschäftigten konstruiert Radlader und Kräne verschiedenster Art, ferner technische Anlagen, die nach diesen Plänen weltweit für die internationale Kundschaft gebaut werden. Ein solches Ingenieur-Büro wäre jederzeit auch in Hamburg oder Los Angeles vorstellbar, warum hat es seinen Sitz gerade in St. Wendel? „Hier bin ich daheim“, sagte Bernd Backes und lachte. Er stammt aus Gronig.

Vielerlei erhellende Einsichten vermittelten auch die Kurzreferate von Mitgliedern des Netzwerkes, die aus dem Kreis St. Wendel stammen und schon lange in der Ferne leben. Der Minister a. D. Richard Dewes beispielsweise, der seinerzeit auch dem St. Wendeler Kreistag angehörte, bezeichnete die in den 1970er Jahren getroffene Entscheidung für das Projekt Bostalsee als mutig und richtig: „Das war der Vitaminstoß für die ganze Region.“ Dewes verwies aber auch auf Probleme wie den Leerstand von Häusern in vielen Dörfern.

Im weiteren Verlauf des Treffens wurde auch der relativ starke Bevölkerungsrückgang thematisiert. „Wie kann man dafür sorgen, dass wieder mehr junge Leute in den Kreis St. Wendel kommen?“, fragte Professor Anne Spang, die aus Türkismühle stammt und als Biochemikerin an der Universität Basel forscht und lehrt. Sie plädierte unter anderem für eine Verbesserung der Kinderbetreuung und einen Ausbau der Infrastruktur, insbesondere des digitalen Netzes.

Einen besonderen Akzent setzte schließlich der Frankfurter Journalist Markus Schmidt-Auerbach, der sich als Chefredakteur des „NaNa-Briefes“ auf Verkehrsfragen spezialisiert hat. Der Sohn eines Busunternehmers aus Marpingen berichtete von neuesten Versuchen, durch den Einsatz von Apps auf Mobiltelefonen den Öffentlichen Personen-Nahverkehr neu zu stukturieren und etwa neuartige Mitfahrgemeinschaften zu gründen oder „virtuelle Haltestellen“ einzurichten. Auch für den Kreis St. Wendel gehe es darum, neue Angebote zu prüfen, sagte Schmidt-Auerbach.

Am Ende waren die Teilnehmer einhellig der Meinung, dass auch das vierte Jahrestreffen des Netzwerkes WND ergiebig war und wichtige Elemente für ein neu zu zeichnendes Bild des Kreises geliefert hat. „Die Zeit ist im Nu vergangen“, resümierte der Sprecher Josef Alles, der zuvor schon beim Besuch im Business Park seine Anerkennung für die „hohe Qualität“ der Arbeit in den besuchten Firmen ausgesprochen hatte.

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