Bagger gibt den Gnadenstoß

Das ehemalige Rathaus II der Stadt St. Wendel wird dem Erdboden gleichgemacht. Es weicht einem Wohnpark. Längst nicht alle Bürger befürworten das, sehen darin einen Verlust des städtischen Erscheinungsbildes.

Gestützter Schutzbunker im Keller. Foto: Anton Foto: Anton

Viele St. Wendeler bedauern den Abriss des einstigen Rathauses II in der Gymnasialstraße. Damit verschwinde ein Gebäude , das den Stadtkern über Jahrzehnte geprägt habe. Seit Donnerstag reißen Bagger die Wände ein (wir berichteten). Mit dem Arbeitsauftakt erreichten die St. Wendeler SZ-Redaktion massenweise Reaktionen. Die meisten Schreiber bedauerten, dass an jener Stelle ein Neubau hochgezogen werden soll, der dem alten Erscheinungsbild nicht im Geringsten ähnle.

Dabei kam dies alles andere als überraschend. Denn bereits im Sommer vergangenen Jahres hatte die Stadt den Altbau an die Immobiliengesellschaft Schreiter & Collegen verkauft. Der Verkaufspreis der Altimmobilie laut Investor: 500 000 Euro. Weitere 100 000 Euro verschlinge der Abriss, teilt Firmenchef Horst Schreiter mit. 150 000 Euro seien veranschlagt, das Gelände für den Neubau zu präparieren.

Klar war von Anfang an: Der alte Verwaltungsbau soll einem Komplex mit 20 Eigentumswohnungen weichen. Die jeweiligen Größen variieren zwischen 57 und 163 Quadratmeter.

Muss für die neuen Wohnflächen ein historischer, eventuell sogar schützenswerter Bau den Platz räumen? Willi Anton sieht das nicht so. Der Leiter der städtischen Bauverwaltung: "Es ist ein altes Haus, aber kein Innenstadt prägendes Gebäude ." Dafür sei in den Jahrzehnten seines Bestehens zu viel verändert worden. Von der ursprünglichen Ansicht einer Stadtvilla sei kaum etwas übrig geblieben. Aus dem Jahr 1913 stammte die erste Baugenehmigung. "Damals entstand das Bürgermeisteramt Alsweiler." 1953 sei dann der Bürgermeister für die damalige Verbandsgemeinde St. Wendel-Land eingezogen. Nach dem Anschluss des Saarlandes an Westdeutschland Ende der 50er zog die Stadtverwaltung ein und teilte sich laut Anton den Bau zeitweise mit dem Kreiswehrersatzamt.

Veränderte Aufgaben ließen auch das Aussehen des Baus verändern. Anbauten folgten. Umbauten des Dachgeschosses. Und während der Kuba-Krise 1962 entstand ein Luftschutzbunker - aus Furcht vor einem dritten Weltkrieg wegen Stationierung russischer Nuklearwaffen auf der USA-nahen Insel. Dafür ließ St. Wendel Stahltüren einbauen. Später wurden Fenster umgebaut.

Das Bauunternehmen ist in der Kreisstadt schon mit mehreren Objekten vertreten. So unter anderem in der Beethoven- und Urweilerstraße. Über 200 Wohnungen errichteten die Geschäftsleute in der Stadt, die ab diesem Jahr um die nun in der Gymnasialstraße ergänzt werden sollen. Gleichzeitig vermietet Schreiter & Collegen als Immobilienmakler auf Wunsch auch die Wohnungen. Wie andere Mehrfamilienhäuser des Unternehmens auch, sollen die neuen altersgerecht ausgebaut und per Fahrstuhl zu erreichen sein. Horst Schreiter: "Das Haus wird unter anderem mit Dreifachverglasung ausgestattet." Der Quadratmeterkaufpreis liege bei bis zu 2500 Euro. Üblich in St. Wendel seien knapp unter 3000 Euro. Zum Gesamtbaupreis machte Schreiter keine Angaben.

Ein Umbau des alten Hauses sei indes zu kostspielig gewesen. Es energiesparend auszustatten, habe sich nicht rentiert. Und der Keller sei größtenteils feucht. Hätte das alte Rathaus II in der St. Wendeler Gymnasialstraße erhalten werden sollen? Oder ist es besser, das in die Jahre gekommene Gemäuer abzureißen? Auf der lokalen, kostenlosen Internetseite der St. Wendeler Zeitung bei Facebook beteiligen sich viele an der Debatte darüber.

So auch Gaby Gärtner. Sie schreibt: "Es ist schade um das Gebäude , da hätte man was draus machen können." Carsten Müller hingegen sieht's ganz anders: "Na ja. So dolle sah der Bau jetzt auch nicht aus." Heinz Roeh rig ist Befürworter eines Erhalts. Er kritisiert: "Stadtplanung und Kultur sind offenbar unvereinbare Gegensätze in WND." Stefanie und Bernhard Valentin lassen übers Internet wissen: "Ja, genau das wird unserem schönen Städtchen angetan: Der Charme wird ihm mehr und mehr genommen." Worauf Normann Peter Hess kontert: "Die Frage wäre, ab welchem Jahr St. Wendel Charme hatte." Weiter geht Ebi Hard mit der Vermutung: "Was der normale Bürger denkt, hat nichts zu sagen. Geld regiert die Welt. Warum sollte es in WND anders sein? Schade."

Norbert Staub resümiert: "St. Wendel hat sich in den vergangenen Jahren zum Nachteil entwickelt. Trostlos." ´Horst Scheer stimmt zu: "Der alte Charme von St. Wendel ist doch schon längst weg, oder? Mir hat St. Wendel früher besser gefallen."

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