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Workshop: Alles eine Frage der Perspektive

Workshop : Alles eine Frage der Perspektive

SZ-Redakteurin Evelyn Schneider lässt sich auf eine Kunsterfahrung ein: vier Stunden malen in der Natur. Vier Mitstreiterinnen, die mit Spaß bei der Sache sind.

Der Duft beim Öffnen der Schachtel ist noch ganz vertraut. Dabei hatte ich die Ölkreide ewig nicht mehr in der Hand. Es muss während meines Studiums gewesen sein, als ich die Schachtel mit den farblich sortierten Stiften, die wie Wachsmalkreide aussehen, in eine Schublade verbannt habe. Jetzt hat deren tristes Dasein ein Ende. Sie kommen zum Einsatz. Denn ich habe mich bei einem Workshop angemeldet. „Sculpture Sketching“ ist dessen verheißungsvoller Name. Es geht darum, in der Natur zu malen oder zu zeichnen. Und zwar nicht nur Bäume, Wiesen, Wege und Sträucher, sondern auch Skulpturen. Denn der Kurs ist Teil des Projektes „Die Straße der Skulpturen St. Wendel – Reloaded“ (siehe Infobox).

Ich bin etwas nervös, als ich an diesem Samstagnachmittag auf dem Parkplatz an der Skulpturenstraße auf der Baltersweiler Höhe stehe. Früher habe ich gerne gemalt und gezeichnet. Aber kann ich das noch? Ehe ich noch weiter grübeln kann, lerne ich die anderen Kursteilnehmer kennen. Meine Mitstreiterinnen – Ute, Ursel, Heidrun und Cornelieke – sind vier sympathische, gestandene Frauen, die sich gut gelaunt auf das Abenteuer „Malen im Freien“ einlassen wollen. Die eine mit mehr, die andere mit weniger Erfahrung.

Hahn im Korb ist Künstler Armin Rohr. Er leitet den Kurs. Gespannt sind alle Blicke auf ihn gerichtet. Doch statt langer Einführung oder Erklärungen ist seine Devise: Wir legen einfach los. Heißt, die Kursteilnehmerinnen suchen sich auf dem Areal eine Skulptur aus und bringen diese samt Umgebung zu Papier. „Um 15 Uhr treffen wir uns wieder zur Besprechung am Parkplatz“, sagt Armin Rohr.

Ich hänge mir meine Tasche um, nehme meinen Klapphocker und blicke umher, bis meine Augen an jener Skulptur, die von allen „Pilz“ genannt wird, hängen bleiben. Das Werk von Gernot Rumpf soll es sein. An ihm will ich meine Zeichenfähigkeiten testen. Die Sonne strahlt am Himmel über der Baltersweiler Höhe. Immer wieder pfeift ein kräftiger Windstoß über die Wiesen und Felder hinweg. Das bringt auch die Windräder ganz weit am Horizont zum Drehen. Kaum haben sie meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, beziehe ich mit meinen Hocker Position.

Jetzt wird es ernst. Ich lege den Skizzenblock auf meine Knie, greife zu einem Bleistift und ziehe die ersten wackeligen Linien. Kurz darauf tut sich etwas auf dem Papier, steht grob der Umriss der Skulptur. Aber wie kriege ich Tiefe ins Bild? Und überhaupt wirkt alles so fade. In meiner Vorstellung wollte ich eine Zeichnung mit Bleistiften in verschiedenen Härtegraden zaubern. Na, von dieser Illusion kann ich mich verabschieden. Und so kämpfe ich nicht nur mit den Elementen – der Wind weht mir nämlich ständig mein Blatt weg, scheinbar gefällt ihm auch nicht, was darauf zu sehen ist – sondern auch mit der Künstlerin in mir.

Es wird Zeit für die Geheimwaffe, das Vertraute, meine Ölkreide. Die würde mich im Gegensatz zu den neuen Bleistiften sicher nicht im Stich lassen. Beherzt lege ich los. Mit schnellen, festen Strichen entsteht allmählich eine Wiese, der Himmel etwas zarter. Nur der „Pilz“ in der Mitte, der bereitet mir Sorgen. Also bekommt er jetzt ordentlich Farbe ab. Dann muss ich auch schon aufbrechen. Unglaublich, wie schnell die Zeit verflogen ist. Dachte, es könnte ein seltsames Gefühl sein, so allein in der Natur zu sitzen. Aber ich war ja beschäftigt.

Bei der Besprechung kehrt die Nervosität plötzlich zurück. Ist mein Bild passabel? Erträglich? Ich blicke in die Runde. Ob meine Mitstreiterinnen auch angespannt sind? Als könnte Armin Rohr meine Gedanken lesen, sagt er: „Man hat immer Angst, etwas falsch zu machen. Dabei muss man nur zeichnen, was man sieht.“ Auch müsse man sich lösen von den Erwartungen, am Ende etwas vorzeigen zu können. Nacheinander legen wir unsere Skizzenblöcke auf den Boden. Eine Kursteilnehmerin hat schwungvoll mit schwarzem Edding gemalt, eine andere skizzierte mit Bleistift den Stein-Fuß des Künstlers Hashimoto, auf dem sich gerade jemand sonnte. Ein anderes Blatt zeigt eine Skulptur im Mittelpunkt, in zartem Braun gehalten. Gleich daneben ist auf dem Papier eine Landschaft in sanften Farben mit Wischtechnik entstanden. Unglücklicherweise liegt mein Block direkt daneben und fällt durch die viele Farbe auf.

Leider auch dem Kursleiter. Seine Mundwinkel formen sich zu einem Lächeln, als er mich anschaut. „Find ich gut“, sagt er. Und mir fällt erst einmal ein Stein vom Herzen. Eine kraftvolle Zeichnung sei es. Den Umgang mit den Farben nennt er mutig. Gefällt mir. Ich bin eine mutige Künstlerin. Oh ja, sonst hätte ich mein Bild wohl kaum meinen Mitstreiterinnen gezeigt, die so fein und schwungvoll gearbeitet haben. Armin Rohr grinst, als er die Bewertung meines Bildes abschließt. „Das mit der Perspektive funktioniert allerdings nicht.“

Gepackt vom Ehrgeiz, suche ich mir die nächste Skulptur: „Durchblick in die Landschaft“ von Richard Schneider. Wie der Name schon verrät, ist in der Mitte des roten Sandsteins ein Loch eingearbeitet. Als ich durchschaue, sehe ich einen Traktor. Mein Künstlerherz hüpft. Schönes Motiv. Doch will es einfach nicht den Weg auf meinen Block finden. Armin Rohr, der alle Kursteilnehmer während des Arbeitsprozesses besucht, schaut auch bei mir vorbei. Seit 2003 ist er Dozent für „Freies Zeichnen“ an der Hochschule für Bildende Künste Saar. Neben Aktzeichnen ist er auch mit seinen Studenten in der Natur beziehungsweise in Saarbrücken unterwegs – im Deutsch-Französischen Garten, am Schloss oder am Staden. „Urban Sketching“ nennt sich das. Davon abgewandelt hat er den Titel des Kurses in St. Wendel kreiert. „Es ist wunderschön hier“, schwärmt Rohr. Die Landschaft begeistert den Künstler. Sie biete soviel Potenzial, so viele Motive. „Oft geht es auch erst einmal darum, den richtigen Blickwinkel zu finden“, sagt er und rät mir, die Skulptur mit mehr Distanz zu betrachten. Der Hochschul-Dozent ist davon überzeugt, dass jeder Mensch eine eigene Bildsprache hat. „Man muss sie nur entdecken“, sagt er und zieht lächelnd zur nächsten Kursteilnehmerin weiter.

Entdecken, den Blickwinkel ändern, sie Sache mal von Weitem betrachten ... Wie war das nochmal mit dem Fluchtpunkt? Das habe ich doch in der Schule im Kunstunterricht alles mal gelernt. Mein Teenager-Ich wäre sicher nicht sehr zufrieden mit den unbeholfenen Strichen auf dem Papier. Und so gelingt es mir an diesem Nachmittag nicht, das Geheimnis der Perspektive zu knacken. Aber es hat Spaß gemacht. Die vier Stunden sind unglaublich schnell vergangenen. „Alle Zeichnungen machen Mut“, sagt Rohr. Und so nehme ich mir vor, die Ölkreide nicht wieder so lange in der Schublade verschwinden zu lassen.

Wer Lust hat, mit Armin Rohr und anderen Kursteilnehmern Skulpturen in der Natur zu zeichnen, hat noch an den Samstagen, 26. Mai und 16. Juni, sowie an den Sonntagen, 27. Mai und 17. Juni, jeweils von 14 bis 18 Uhr Gelegenheit dazu. Die Teilnahme ist kostenlos. Wer will kann an einem oder mehreren Tagen dabei sein. Anmeldung Museum St. Wendel, Tel. (0 68 51) 8 09 19 45, E-Mail: museum@sankt-wendel.de

 Mit ein wenig Farbe wirkt das Bild schon etwas interessanter.
Mit ein wenig Farbe wirkt das Bild schon etwas interessanter. Foto: B&K/Bonenberger/
 Künstler und Kursleiter Armin Rohr analysiert mit den Workshop-Teilnehmerinnen die ersten Entwürfe.
Künstler und Kursleiter Armin Rohr analysiert mit den Workshop-Teilnehmerinnen die ersten Entwürfe. Foto: B&K/Bonenberger/

www.skulpturenstrasse-wnd.de