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Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel widmet Alex Deutsch eine Veranstaltung

Zum Schicksal von Alex Deutsch : Bäcker, Auswanderer, Holocaustüberlebender

Anlässlich seines zehnten Todestages erinnert das Adolf-Bender-Zentrum an das Schicksal von Alex Deutsch.

„Lasst Euch nicht hineintreiben in Hass und Gewalt gegen andere Menschen. Lebt miteinander nicht gegeneinander.“ Immer, wenn Alex Deutsch als Zeitzeuge mit jungen Menschen ins Gespräch kam, war dieses bewegende Zitat Richard von Weizsäckers etwas, was er ihnen als Wunsch und Aufforderung mitgegeben hat. Dabei wusste er sehr genau, wovon er sprach, denn er hatte selbst am eigenen Leib erlebt, wozu Hass und Gewaltbereitschaft führen können. Er und seine Familie wurden in der Shoah selbst Opfer des größten Verbrechens der Menschheit.

Wie ein Sprecher berichtet, nimmt das Adolf-Bender-Zentrum in St. Wendel den zehnten Todestag des am 9. Februar 2011 in Neunkirchen verstorbenen Alex Deutsch zum Anlass, noch einmal an die bewegte Geschichte eines Mannes zu erinnern, der sein Schicksal als Holocaustüberlebender unzählige Male erzählte, um für ein Miteinander zu werben. Es gibt eine Online-Veranstaltung am Mittwoch, 24. Februar, um 18.30 Uhr.

In unzähligen Veranstaltungen vor Schulklassen in unserer Region erzählte Alex Deutsch seine Geschichte in einfachen, starken Worten. Die Gemeinschaftsschule in Wellesweiler trägt seinen Namen. Dort war Deutsch selbst regelmäßig zu Gast. Nach seinem Tod führt Ehefrau Doris sein Erbe fort. Ein Raum der Begegnung in der Schule ehrt das Andenken an Alex deutsch und ist Vermächtnis seiner Lebenseinstellung. Zahlreiche Schulklassen aus dem Saarland kommen hierher, um sich über das Leben und Wirken von Alex Deutsch zu informieren, um sich von Doris Deutsch die Botschaft zur Toleranz erklären und um sie schließlich auf sich wirken zu lassen. Unterstützt wurde und wird Doris Deutsch dabei vom jeweiligen Vorsitzenden des Fördervereins, früher von Reinhold Strobel und heute von dessen Nachfolger Arno Schley. Neben Schulklassen und Jugendgruppen sind häufig auch Erwachsene zu Gast im Raum der Begegnung, so schreibt die Schule auf ihrer Website.

Zur Geschichte: Am 7. August 1913 wurde Alex Deutsch als achtes Kind einer jüdischen Familie in Berlin geboren. Gerne wäre er Friseur geworden, die Umstände ließen dies jedoch nicht zu. Stattdessen wurde er Bäcker. Doch schon 1935, mit 22 Jahren, war es ihm durch das NS-Regime verboten worden, im Lebensmittelgewerbe zu arbeiten. Er konnte nur noch Hilfstätigkeiten verrichten, bis er später zu verschiedenen Arbeiten zwangsverpflichtet wurde. Inmitten dieser schwierigen Zeit, so blickt der Sprecher weiter zurück, heiratete Alex Deutsch am 29. Juni 1938 Thea Kohn. Zwei Jahre später erblickte Sohn Dennis das Licht der Welt.

Doch das Leben von Alex Deutsch nahm eine tragische Wendung, als er sowie seine Ehefrau und sein dreijähriger Sohn am 27. Februar 1943 von den Nazis verhaftet und in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden. Thea und Dennis wurden direkt nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet. Er selbst wurde als arbeitsfähig eingestuft und musste Zwangsarbeit im Auschwitz-Außenlager Buna-Monowitz leisten. „Die Schrecken, die er dort zwei Jahre lang erlebte, sind für uns heute kaum vorstellbar“, sagt der Sprecher. Nach einer Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager nahm seine Gefangenschaft ein Ende, als er samt seiner Mitgefangenen von amerikanischen Soldaten im Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge, knapp 700 Kilometer nord-westlich von Auschwitz befreit wurde.

„Die Absicht, sich an denen, die ihm und seiner Familie all dies angetan hatten, zu rächen, diese Absicht gab ihm die Kraft zum Weiterleben. Doch zur Rache kam es nicht“, heißt es weiter. Um sich ein neues Leben aufzubauen, emigrierte Alex Deutsch in die USA, wo Familienmitglieder lebten. In St. Louis lernte er Englisch, arbeitete wieder als Bäcker und baute sich sogar einen eigenen Supermarkt auf.

In dieser Zeit lernte er Debora Spiller kennen, die er 1948 heiratete. Sie adoptierten ein Kind. 1951 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Doch das Leben in den USA war auch nicht nur von Leichtigkeit geprägt. Es kam zu Anfeindungen und sein Supermarkt wurde mehrfach überfallen und geplündert. In den 1970er Jahren, nachdem er mit einem Gewehr im Nacken bedroht wurde, sah er sich nicht mehr imstande, sein Geschäft weiter zu betreiben. Seine Frau verstarb kurz vor seinem Ruhestand.

1978 besuchte Alex Deutsch Doris Löb, die Witwe seines Freundes Karl Löb, der ebenfalls in Auschwitz interniert war und den er auf einem sogenannten Todesmarsch 1945 kennengelernt hatte. Für Doris Löb aus dem saarländischen Wiebelskirchen und Alex Deutsch wurde klar, dass sie von nun an einen gemeinsamen Lebensweg bestreiten wollten – in Deutschland. 1983 heirateten beide und lebten von nun an in Wiebelskirchen.

30 Jahre lang, bis ins hohe Alter von 97 Jahren gab er unermüdlich, stets freundlich, immer ohne Hass seine Botschaft weiter. Er verstand es jedes Mal, seine Zuhörer emotional zu ergreifen. „Ich habe vergeben, vergessen kann ich nicht“, waren dann seine letzten Worte des Vortrags. 1986 erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2002 den saarländischen Verdienstorden und 2007 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

2011 verstarb Alex Deutsch in Wiebelskirchen. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Neunkirchen beigesetzt. Reinhold Strobel, stellvertretender Vorsitzender des Adolf-Bender-Zentrums, begleitete gemeinsam mit Willi Portz, dem damaligen Geschäftsführer des Adolf-Bender-Zentrums, die Familie Deutsch über viele Jahre zu zahlreichen Veranstaltungen.

„Heute erinnert neben den Spuren, die er bei den Jugendlichen hinterlassen hat, noch immer einiges an dieses sehr bewegte Leben“, sagt der Sprecher und zählt diese auf: Vor dem Haus in Berlin-Kreuzberg, wo er als junger Mensch lebte, liegen Stolpersteine, die Gemeinschaftsschule Neunkirchen-Wellesweiler gab sich selbst im September 2001 den Namen Alex-Deutsch-Schule, im Dezember 2010 rief der Kreistag des Landkreises Neunkirchen die Alex-Deutsch-Stiftung ins Leben, drei Jahre zuvor, im Jahr 2007, erschien ein Dokumentarfilm des Adolf-Bender-Zentrums zu seinem Leben. Doris Deutsch ist weiterhin unermüdlich unterwegs, zumal er auf dem Sterbebett noch sagte: „Meine Frau macht das weiter.“

2013: Das Redaktionsteam des Buches „Alex Deutsch. Erinnerungen und Gedichte zum 100. Geburtstag“. Foto: Eberhard Jung

Veranstaltung:  Das Adolf-Bender-Zentrum bietet am Mittwoch, 24. Februar, um 18.30 Uhr  eine Online-Veranstaltung an. Darin liest Thomas Döring aus seinem 2013 erschienen Buch „um es einfach zu erzählen: Das Leben des Zeitzeugen Alex Deutsch“. Anmeldungen sind beim Adolf-Bender-Zentrum unter info@adolf-bender.de unter Angabe einer gültigen Email-Adresse möglich. Den Teilnehmern wird im Vorfeld der Veranstaltung ein Einladungslink zugesandt.