90 Jahre und kein bisschen müde

Oberlinxweiler. Geboren wurde Heinrich Schwingel noch im Kaiserreich, wenige Wochen vor dem Ende des Ersten Weltkrieges. Als er fünf Jahre alt war, starb der Vater an den Folgen einer Kriegsverletzung, und von früher Jugend an musste er der Mutter in der kleinen Landwirtschaft helfen

Oberlinxweiler. Geboren wurde Heinrich Schwingel noch im Kaiserreich, wenige Wochen vor dem Ende des Ersten Weltkrieges. Als er fünf Jahre alt war, starb der Vater an den Folgen einer Kriegsverletzung, und von früher Jugend an musste er der Mutter in der kleinen Landwirtschaft helfen. Dann war er während des gesamten Krieges Soldat, und danach musste er ganz von vorne anfangen - zunächst als "Trümmerräumer" in Saarbrücken, dann als Straßenbau- und Hüttenarbeiter. Als Ende der 50er Jahre dann im Landratsamt ein technischer Zeichner gesucht wurde, konnte er seine große Leidenschaft - das Zeichnen - endlich zum Beruf machen. Voller Stolz zeigt er Kopien der Baupläne, die er für den Ausbau der Wasserversorgung oder zur Konstruktion von Brücken angefertigt hat.Skizzen aus Schulzeiten Gemalt hat Heinrich Schwingel, so lange er denken kann. Er bewahrt immer noch Skizzen auf, die er als Schüler angefertigt hat. Im Laufe der Zeit hat er seine Techniken immer weiter perfektioniert und einen ganz eigenen Stil entwickelt: Ob Öl, Sepia, Kohle oder Tusche - bei den meisten Werken erkennt man sofort, dass es sich um ein Werk Schwingels handelt. Keine Ansicht hat er so oft und in verschiedenen Techniken gemalt wie die "Römerbrücke" mit der "Alt Letsch" im Hintergrund. Als Federzeichnung ist sie fast zum Wahrzeichen von Oberlinxweiler geworden. Den Grundstock für seine vielfältige Sammlung von bäuerlichem Gerät und Mobiliar, aber auch von bergmännischem Gezähe und Grubenlampen, hatte er zwar schon vor dem Zweiten Weltkrieg gelegt. Als in den 50er und 60er Jahren dann die meisten Bauernhäuser umgebaut wurden, nahm er sich der Dinge an, die nur noch als "alter Plunder" galten und für die kein Platz im Haus und in den Herzen mehr war. So konnte er alte Steinguttöpfe ebenso vor der Müllkippe retten wie Spinnräder, Webstühle und alles, was früher in Haus und Hof unentbehrlich war. Seine Sammlung "Vom Flachs zum Leinen" kann heute in der Johann-Adams-Mühle besichtigt werden, andere Teile im Freilichtmuseen in Konz und in Sobernheim. Seit dem 1. Januar 2000 steht der Steinberg in Oberlinxweiler unter Naturschutz, und Heinrich Schwingel gilt als der "Vater" des Naturschutzgebietes. Als Anfang der 70er Jahre Pläne bekannt wurden, in dem ehemaligen Steinbruch im Steinberg eine Kreismülldeponie einzurichten, gehörte er zu den Gründern und dann zu den Sprechern der Bürgerinitiative "Kein Müll im Steinberg". In mühevoller Kleinarbeit fertigte er die erste Biotop-Kartierung des Steinbergs an, indem er die Tiere und Pflanzen im Steinberg fotografierte und bestimmte. Diese Daten bildeten die Grundlage für das Verfahren zur Ausweisung des Naturschutzgebietes. Mehr als zehn Jahre war Schwingel auch der Naturschutzbeauftragte von Oberlinxweiler. Bei seinen vielfältigen Aktivitäten blieb Heinrich Schwingel von Rückschlägen ebenso wenig verschont wie von privaten Schicksalsschlägen. Besonders hart traf ihn der Tod seiner Frau Ursel im Januar 2000. Es dauert lange, bis er wieder Lebensmut fand und mit mehr als 80 Jahren wieder neue Projekte anging. Besondere Erwähnung verdient dabei das Modell des alten Ortskerns von Oberlinxweiler nach Plänen aus dem Jahr 1767, das er aus Anlass der Eröffnung der Kulturscheune im Jahr 2003 anfertigte und das heute im deren Foyer bewundert werden kann.Auch mit 90 sehr beweglich Besucher verblüfft Heinrich Schwingel immer wieder mit seiner unglaublichen Beweglichkeit: Beim Auslegen seiner Pläne auf dem Wohnzimmerboden kniet sich der jetzt 90-Jährige hin, um im nächsten Moment wieder aufzustehen. Allerdings spielt seit einigen Jahren das Herz nicht mehr so mit. Aber auch davon lässt Heinrich Schwingel sich nicht unterkriegen: Mit Sauerstoff lassen sich die Beschwerden weitgehend lindern, und so hat er immer seine Sauerstoffflasche mit dabei. Jürgen Zimmer