Und plötzlich sind junge Flüchtlinge da

Steinberg-Deckenhardt · Für den St. Wendeler Landrat und den Oberthaler Bürgermeister kam er überraschend – der Einzug von minderjährigen syrischen Flüchtlingen im Max-Braun-Zentrum. Der Kreis Saarlouis hatte vergessen zu informieren. Jetzt läuft das Projekt.

 Die jugendlichen Flüchtlinge sind im Max-Braun-Zentrum in Steinberg-Deckenhardt untergebracht. Dort ist ein Pilot-Projekt gestartet. Fotos: Bonenberger & Klos

Die jugendlichen Flüchtlinge sind im Max-Braun-Zentrum in Steinberg-Deckenhardt untergebracht. Dort ist ein Pilot-Projekt gestartet. Fotos: Bonenberger & Klos

 Blick in eine der Hütten, die von den Jugendlichen bewohnt wird. Montag ziehen sie in ein größeres Holzhäuschen um.

Blick in eine der Hütten, die von den Jugendlichen bewohnt wird. Montag ziehen sie in ein größeres Holzhäuschen um.

Alle fünf Minuten klingelt das Mobiltelefon von Jörg Bernarding. Am anderen Ende meldet sich das Kreisjugendamt Saarlouis. Es gebe neue unbegleitete jugendliche Flüchtlinge , die untergebracht werden müssen. "Aktuell sind 27 junge Flüchtlinge im Max-Braun-Zentrum", sagt der Vorsitzende des Vereins Zeltlagerplatz Steinberg. Der Träger des Max-Braun-Zentrums in Steinberg-Deckenhardt übernimmt jetzt ein einmaliges Pilotprojekte im Saarland. Bis Ende der Woche kommen 54 Jugendliche, meist aus Syrien, in dem Jugendzeltlager an. Dort werden sie bis Mai 2016 von 15 hauptamtlichen Fachkräften sowie zehn Ehrenamtlern betreut (siehe Text unten). Starten sollte das Projekt eigentlich am kommenden Montag. "An dem ein oder anderen Haus muss noch gearbeitet werden", berichtet Bernarding. Dass bereits jetzt mehr als zwei Dutzend Flüchtlinge in Steinberg-Deckenhardt wohnen, hat auch den Vereinsvorsitzenden überrumpelt. Vor zwei Wochen habe er einen Anruf aus Saarlouis bekommen. Die Botschaft: "Bitte helfen Sie!" Und so hat er spontan zugesagt, dass die ersten sechs Jugendlichen kommen können. Jetzt sind es 27.

Vergessen ging dabei die Kommunikation in Richtung Bürgermeister der Gemeinde Oberthal und Landrat des Kreises St. Wendel. Es sei Bernarding gewesen, der am vergangenen Donnerstag mit Stephan Rausch (CDU ) über das Flüchtlings-Projekt sprach. Der Oberthaler Verwaltungschef fand es seltsam, dass bei einem solch großen Projekt weder die Gemeinde noch der Landkreis vorinformiert wurde. Rausch war es dann, der das Gespräch mit St. Wendels Landrat Udo Recktenwald (CDU ) gesucht hat. "Ich war überrascht und irritiert", beschreibt Recktenwald seine erste Reaktion auf die Neuigkeit, dass schon bald 54 junge Flüchtlinge in Steinberg-Deckenhardt untergebracht werden. Er hätte sich gewünscht, dass sein Amtskollege in Saarlouis trotz aller Probleme den Hörer in die Hand genommen hätte, um ihn zu informieren. "Ich bin der Meinung: So geht man nicht miteinander um", sagt Recktenwald. "Vom Grundsatz her richtig", räumt der Saarlouiser Landrat Patrik Lauer ein. Der Sozialdemokrat hat zu seinem CDU-Kollegen im Nachbarkreis einen guten Draht, insofern bedauert er diese "Kommunikationspanne". Gleichzeitig verweist der Saarlouiser auf die Situation in seiner Region. Mehr als die Hälfte der 900 jungen Flüchtlinge , die bislang ohne Begleitung ins Saarland gekommen sind, landen in Lebach und somit im Zuständigkeitsbereich des Landkreises Saarlouis. "Die anderen Kreise können sich gar nicht vorstellen, was da abgeht", sagt Lauer. "Wir kriegen die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ohne Vorlauf." Innerhalb von Stunden müssten Unterkünfte und Betreuung organisiert werden.

So ist dann auch nach Einschätzung von Landrat Udo Recktenwald das Max-Braun-Zentrum als Unterkunft "eine Lösung, die aus der Not heraus geboren wurde." Vielleicht, so stellt er in den Raum, hätte gemeinsam eine bessere Lösung gefunden werden können. Kosten fallen auch für den Landkreis St. Wendel an. Der schultert zwar nicht das Projekt, das Landratsamt müsse aber an Personal in Sachen Amtsvormünder aufstocken. Während der Kreis Saarlouis davon ausgeht, bis zur Volljährigkeit, die Amtsvormundschaft für die jugendlichen Flüchtlingen zu übernehmen, sagt der St. Wendeler Landrat: "Das ist noch nicht abschließend geklärt". Ein Gericht könnte die Jugendlichen auch dem St. Wendeler Kreisjugendamt zuweisen.

Jörg Bernarding lobt im Gespräch mit der SZ übrigens das unbürokratische Vorgehen von Seiten der Politik. Alle Behörden seien be- aber nicht überlastet. "Da ist solch eine Energie und Power. Toll, das zu sehen." Bei Stephan Rausch ist der Unmut darüber, nicht informiert worden zu sein, bereits verflogen. "Die Situation ist wie sie ist, und wir sind gefordert, das bestmöglich hinzubekommen." Wo es möglich sei, werde die Gemeinde unterstützend zur Seite stehen. Er und Landrat Recktenwald waren bereits auf Stippvisite im Max-Braun-Zentrum. Beide Kommunalpolitiker äußerten eine gewisse Sorge wegen der Abgeschiedenheit der Unterkunft.

Und tatsächlich geht es ein gutes Stück über Feldwege, bis das Freizeit- und Bildungszentrum bei Steinberg-Deckenhardt erreicht ist. Die Sonne scheint am Dienstag und eine Gruppe von Flüchtlingen sitzt auf der Wiese vor den Hütten. "Wir fahren ein Notprogramm", sagt Thomas Etringer aus dem Vereins-Vorstand. Noch sind die Jugendlichen in den kleineren Hütten untergebracht. Anfang nächste Woche ziehen sie in größere Unterkünfte. Die kleinen Holzhäuschen bieten acht Schlafplätze, aber die Jugendlichen werden jeweils zu sechst einziehen. Neben den Schlafzimmern gibt es einen Gemeinschaftraum mit Küchenzeile sowie ein Bad.

Thomas Etringer ist Koch und ein "Papa-Ersatz". Er freut sich auf die Arbeit mit den Flüchtlingen. "Es ist das Sinnvollste, was ich je gemacht habe." Seit den 1970er Jahren nutzen regelmäßig Wohlfahrtsorganisationen das Max-Braun-Zentrum für ihre Jugendprogramme. Aber auch der Verein Zeltlagerplatz Steinberg, Träger des Freizeit- und Bildungszentrums in Steinberg-Deckenhardt , verwirklicht eigene Projekte. Wie dessen Vorsitzender Jörg Bernarding erläutert, habe sich der Verein beispielsweise mit straffällig gewordenen Jugendlichen beschäftigt.

Jetzt nehmen sich Bernarding und ein 15-köpfiges Team einer ganz neuen Herausforderung an: der Betreuung von jugendlichen Flüchtlingen, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen sind. Das Kreisjugendamt Saarlouis habe Bernarding angesprochen, ob er sich ein Projekt mit jungen Flüchtlingen vorstellen könne. Der nötige Platz und die Leute seien da. Aber das reiche nicht. "Wenn wir das machen, dann nicht nur um eine Grundversorgung zu erreichen", hat Bernarding zur Bedingung gemacht und ein Konzept der Integration entwickelt. "Die Jugendlichen sollen eine Chance in der Gesellschaft haben", gibt der Vereins-Chef als oberstes Ziel vor.

Damit die jungen Flüchtlinge Struktur in den Tag und einen Hauch Familie bekommen, ist eine gemeinsame Mahlzeit am Tag vorgesehen, bei der alle an einem Tisch sitzen. Jeder Jugendliche erhalte zudem zwei Stunden Deutschunterricht pro Tag. "So schnell wie möglich sollen sie mit Deutschkenntnissen die Schule besuchen", so Bernarding. Außerdem sieht das Konzept Praktikas für alle jungen Flüchtlinge im Alter von 14 bis 18 Jahren vor. Dabei werden Gebiete wie Haushalt, Metall und Holz oder Elektro und Sanitär abgedeckt. "Wir wollen die Jugendlichen auf Schule oder Lehre vorbereiten."

Über zehn Ferienhäuser mit insgesamt 74 Betten verfügt das Max-Braun-Zentrum. Bis Mai 2016 finden dort jugendliche Flüchtling, die zu 90 Prozent aus Syrien stammen, ein Übergangs-Zuhause. Was danach wird, ist laut Bernarding noch ungewiss. "Wir haben vom Landkreis Saarlouis den Auftrag bis zu diesem Zeitpunkt. Solange wird das Projekt aus dessen Budget finanziert." Danach könnte sich Bernarding durchaus vorstellen, einen Teil der Jugendlichen im Max-Braun-Zentrum zu behalten. Drei Häuser könnte er den jungen Syrern zur Verfügung stellen. Der Rest sei ab Pfingsten wieder für Jugendgruppen reserviert. Thomas Etringer, Vorstands-Mitglied und derzeit als Koch im Max-Braun-Zentrum, hofft, dass das Projekt Erfolg hat. Seit 14 Tagen kümmert er sich um die Jugendlichen und schwärmt: "Noch nie habe ich so herzliche und dankbare Menschen kennen gelernt."

Der Zuspruch aus dem Ort sei positiv, meldet Bernarding. Ihm ist es ein Anliegen, die Jugendlichen zu integrieren, wenn möglich auch über die Vereine .

Wer möchte, kann die jugendlichen Flüchtlinge im Max-Braun-Zentrum unterstützen. Laut Etringer würden Kleidung, aber vor allem Schuhe gebraucht. Außerdem würden sie sich über Unterhaltungsgeräte wie zum Beispiel tragbare CD-Player freuen.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort