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Montafon-Reisende aus Güdesweiler sprechen über Kritik und Zusammenhalt

Kostenpflichtiger Inhalt: Montafon-Reisende berichten : Zusammenhalt gegen die Kritik

Weil eine Güdesweiler Gruppe Mitte März nach Montafon reiste, wurde sie angegriffen. Dabei gab es in ihren Reihen kein Fall von Corona.

Schneebedeckte Berge, Pisten von 200 bis 300 Kilometern, eine gut gelaunte Truppe im Alter von 20 bis Ende 70: Diese Kombination ist es, die 38 Männer Jahr für Jahr nach Montafon (Österreich) lockt. Unter ihnen hat der Kurztrip längst Kultstatus. Aber wer hätte gedacht, dass die Tour einmal einen Landkreis-weiten Bekanntheitsgrad erlangen würde? Corona machte es 2020 möglich.

Aber der Reihe nach. Was einst als Fahrt der Alten Herren des Güdesweiler Fußballvereins begann, entwickelte sich über die Jahre zum Ausflug der Ski-, Wander- und Huggerfreunde Güdesweiler (letztere hugge gern). Während die Premiere der Tour noch ins Pitztal führte, lautet das Ziel seit nunmehr 18 Jahren Montafon. „Und immer geht es in die gleiche Hütte“, sagt Timo Backes. Ein Selbstversorger-Haus auf einer Höhe von 1000 Metern. Alles ist herrlich vertraut.

Doch dieses Mal mischte sich in die Vorfreude auf die Fahrt nach Österreich auch etwas Unsicherheit. „Man hat sich so seine Gedanken gemacht und sich gefragt, ob die Reise stattfindet“, sagt Michael Wilhelm. Der Güdesweiler ist seit sieben Jahren bei der Montafon-Tour dabei. Um sich Klarheit zu verschaffen, hielt er Rücksprache mit Timo Backes, dessen Vater die Tour organisiert. „Am Vortag der Reise haben wir nochmal Kontakt mit der Montafon-Touristik aufgenommen“, blickt Backes, der Ortsvorsteher in Güdesweiler ist, zurück. Zu diesem Zeitpunkt gab es weder in dem Skigebiet noch im Landkreis St. Wendel einen bestätigten Covid19-Fall. Somit lautete die Entscheidung: Die Tour wird starten. Mittwoch, 11. März, 9 Uhr, ging es los. Während die Ski-, Wander- und Huggerfreunde mit dem Bus unterwegs nach Österreich waren, wurden in der Heimat die ersten Infektionen bekannt: Acht aus St. Anton zurückgekehrte Skifahrer waren positiv auf das Coronavirus getestet worden.

Am Abend postete Timo Backes ein Foto von der Ankunft an der Hütte bei einem sozialen Netzwerk. Zunächst tauchten darunter Statements wie „Viel Spaß“ auf. „Über Nacht haben sich dann die Kommentare überschlagen“, erinnert sich Backes. Und diese waren nicht mehr positiv. Auch lange nach dem Urlaub gab es noch böse Kritik auf verschiedenen Plattformen. Timo Backes hatte fast ein bisschen das Gefühl, dass die Leute nach jemandem suchten, den sie für die Corona-Fälle verantwortlich machen konnten. „Den Schuldigen haben sie in uns gefunden.“ Zu unrecht, wie der Güdesweiler betont. „Denn aus unserer Reisegruppe hat sich keiner in Montafon mit dem Coronavirus infiziert.“ Zu dem Zeitpunkt, als die Gruppe in den Kurzurlaub startete, gab es weder in der Heimat noch am Reiseziel Krankheitsfälle. Daran erinnert Hartmut Seibert, der zum 15. Mal Teil der Reisegruppe war. „Wir wurden irgendwie in ein negatives Licht gerückt. Dabei haben wir auf alles geachtet. Wir haben sehr verantwortungsbewusst gehandelt“, resümiert Seibert im Nachhinein. Der Hirsteiner arbeitet beim Landkreis Neunkirchen, ist dort Teil des Krisenstabs. Mit diesem stand er von Montafon aus auch in Kontakt. Gleiches galt für Timo Backes. Nur dass er sich mit dem Leiter des operativ-taktischen Stabs des Landkreises St, Wendel, Dirk Schäfer, austauschte. Jeden Abend aufs Neue diskutierte die Gruppe: Bleiben wir oder nicht?

Die Wahl fiel auf Bleiben. Tagsüber waren die Urlauber immer draußen unterwegs. „Wir sind quasi eine drei geteilte Gruppe, bestehend aus Wanderern, Spaziergängern und Skifahrern“, beschreibt Seibert. „Am Abend waren wir alle in unserem Domizil.“ Ein Kontakt zu Fremden, so ergänzt Backes, habe es nicht gegeben. Auch nicht in den Skilifts. „Es ist eigentlich Tradition, dass wir einen Abend zum Aprés Ski in eine der Hütten an der Talstation gehen“, sagt der Güdesweiler. Doch darauf haben die Reisenden dieses Mal verzichtet. „Es war ein sehr gesunder und sportlicher Kurzurlaub“, scherzt Seibert. Er habe nichts vermisst. Die Reisenden waren sensibilisiert, was das Thema Corona betraf, haben sich das Gemeinschaftserlebnis aber nicht verderben lassen. „Ich habe das Gefühl, wir sind noch mehr zusammengewachsen“, sagt Seibert. Durch den Kontakt in die Heimat hat die Montafon-Truppe von Kuriositäten wie dem Run auf Klopapier erfahren. Auch Michael Wilhelm telefonierte täglich mit seiner Freundin. „Sie fragte immer, wie es uns geht. ,Gut‘ habe ich dann geantwortet. Wir fühlten uns komplett sicher in Montafon“, so der 43-Jährige.

Bei Timo Backes war neben der eigenen Familie Dirk Schäfer ein Dauer-Gesprächspartner am Telefon. So erfuhr der Güdesweiler, dass der Landkreis Kontakt zu Busunternehmen aufgenommen hatte. Auch zu dem, mit dem die Gruppe unterwegs war. „Wir sollten auf der Rückfahrt nicht direkt nach Hause, sondern zum Gesundheitsamt kommen“, berichtet Backes. Für die Ski- , Wander- und Huggerfreunde Güdesweiler keine große Sache. „Es war sofort klar, dass wir das machen“, betont Seibert. Der vereinbarte Treffpunkt: Sonntag, 17 Uhr, am Gesundheitsamt ging in der Folge rum wie ein Lauffeuer. „Skifahrer kennen sich untereinander“, sagt Seibert. Und so haben viele der Montafon-Gruppe Bekannte im Skiurlaub kontaktiert. „Ich allein wusste von zwei anderen Gruppen“, sagt Timo Backes.

So kam es, dass an jenem Sonntag, 15. März, neben dem Bus der Ski-, Wander- und Huggerfreunde 40 weitere Rückkehrer Station am St. Wendeler Gesundheitsamt machten. „Wir wurden nach Symptomen gefragt“, blickt Wilhelm zurück. Doch weder er noch andere aus der Gruppe klagten über Husten, Fieber oder ähnliches. Tests wurden daher bei den Montafon-Reisenden keine veranlasst. Bei anderen schon. „Ich muss gestehen, da war zum ersten Mal eine gewisse Unsicherheit bei mir da“, sagt der Wilhelm. Auch Timo Backes hätte sich gerne testen lassen. Als er so auf dem Gelände des Gesundheitsamts stand und all die Ski-Reisenden sah, kam für eine Sekunde so etwas wie ein schlechtes Gewissen auf. „Ich dachte plötzlich: Hab ich die jetzt verpetzt?“, sagt Backes und muss lachen. Denn in Wahrheit war alles gut, so wie es gelaufen war. Denn es gab tatsächlich Corona-Fälle unter den anderen Rückkehrern.

Timo Backes war übrigens mit zwei Freunden schon einen Tag vor der geplanten Rückfahrt aus Montafon mit dem Auto Richtung Heimat gefahren. Da inzwischen Rückkehrer aus Urlauben in der Schweiz oder Österreich im Fokus standen, war sich Backes sicher, es würde Kontrollen an der Grenze geben. Doch dort erwartete die Skifahrer lediglich eine große LED-Anzeige, deren Blink-Schrift verkündete: „Sie kommen aus Österreich! Begeben sie sich in Quarantäne.“ In der ersten Nacht zuhause sei er irgendwie verunsichert gewesen und schlief auf der Couch. Auch ging er tatsächlich in freiwillige Quarantäne so wie viele andere aus der Montafon-Truppe.

Bereit, sich ins Ski-Vergnügen zu stürzen. Die Aufnahme entstand während des Kurzurlaubs Mitte März. Foto: Werner Backes

Enttäuschung und Ärger wegen so mancher böser und ungerechtfertigter Kritik fallen langsam ab. Der Termin für die nächste Tour der Ski- , Wander- und Huggerfreunde steht bereits. „Wenn Corona es erlaubt, bin ich zum 16. Mal dabei“, verkündet bereits Hartmut Seibert.