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Menschen in Oberthal zeigen sich hilfsbereit und spenden für Mitbürger

Kostenpflichtiger Inhalt: Hilfsbereitschaft in Oberthal : Gemeinde Oberthal rückt in der Not zusammen

Mehr als 70 000 Euro sind bei Hilfsaktionen für zwei Familien gespendet worden. Ortsvorsteher und Bürgermeister freuen sich über die Solidarität.

Zwei Schicksale in einer Gemeinde. Beide grundverschieden und doch haben sie eines gemeinsam: Sie haben Menschen bewegt.

Samstag, 4. Januar, Steinberg-Deckenhardt. Ortsvorsteherin Inken Ruppenthal sitzt mit ihrer Familie beim Frühstück. Gemeinsam beraten sie,  wofür sie ihre Aufwandsentschädigung, die sie als Ortschefin von der Gemeinde erhält, verwenden kann. Gemeinsam mit ihrem Groniger SPD-Amtskollegen Björn Gebauer hat sie nämlich beschlossen, dieses Geld zu spenden. „Ich habe mich daran erinnert, dass sich die Leute schon immer einen Zebrastreifen an der Bäckerei in der Ortsdurchfahrt gewünscht haben.“ Dieser sei aber nicht realisierbar. Aber vielleicht könnte sie von dem Geld Verkehrsbuddys anschaffen?

Als kurz darauf der Melder ihres Mannes, der in der Feuerwehr ist, schrillt, ist dieser Gedanke schnell vergessen. Und ein paar Stunden später weiß sie, was mit dem Geld geschehen soll. Leider. Denn in ihrem Ort hat sich ein Unglück ereignet. Ausgerechnet neben jener Bäckerei, an die sie noch am Morgen dachte, brennt ein Haus. Nach einem Ehestreit, der teils auf offener Straße ausgetragen wird, geht der Familienvater zurück ins Haus. Nach Angaben eines Sprechers des Landespolizeipräsidiums verteilt er dort großflächig Brandbeschleuniger. Dieser entzündet sich. Wodurch, konnten die Ermittler im Nachgang nicht mehr herausfinden. Die Flammen fressen sich durchs Gebäude, erwischen auch den Mann, der seinen Verletzungen in einer Spezialklinik erliegt. Seine Frau und die beiden Kinder kommen in einer Wohnung der Gemeinde unter. Ihr Zuhause ist erstmal unbewohnbar.

Steinberg-Deckenhardt steht unter Schock. So beschreibt die Ortsvorsteherin ein paar Tage später die allgemeine Gefühlslage. Doch gleichzeitig startet eine Welle der Hilfsbereitschaft. „Mein Telefon hat nicht mehr still gestanden“, erinnert sich Inken Ruppenthal. Sie hat die Unterstützung koordiniert. Auf zwei Konten summieren sich stetig die Geldspenden. Aber es melden sich auch Menschen, die mit Sachspenden helfen wollen. Die Ortschefin notiert alles auf Listen, die sie später nochmal abtelefoniert, nachdem feststeht, was die Familie braucht. Ortsvorsteher-Kollegen melden sich, Vereine im Ort bringen Geld vorbei. „Einmal hat ein anonymer Umschlag mit 200 Euro im Briefkasten gelegen“, sagt Ruppenthal. Manche haben beim Überweisungsbeleg auch eine Nachricht notiert. „Viel Kraft“ sei häufiger gewünscht worden. Ob in der Gemeinde selbst oder völlig Fremde, die Menschen sind vom Schicksal der Familie berührt. So sind 54 000 Euro zusammengekommen. „Die Spendenbereitschaft war einfach unglaublich“, sagt Ruppenthal. Auch Firmen hätten Beträge überwiesen und es stehe noch eine Summe von etwa 2800 Euro aus. Die hat die Grundschule in Oberthal gesammelt. „In einem solchen Unglück merkt man, wie die Leute zusammenhalten.“

Als in Steinberg-Deckenhardt das Brandhaus gesichert wird und sich die Menschen langsam aus der Schockstarre lösen, laufen einige Kilometer weiter in Gronig die Vorbereitungen für eine besondere Veranstaltung.

Denn „Loud for Aaron“ (Laut für Aaron) sollte es Mitte Januar werden. Der 14-Jährige leidet unter Muskeldystrophie des Typs Duchenne und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Nachdem Familie Paul bereits einen Fahrstuhl ans Haus angebaut hat, müsste nun dringend das Badezimmer umgebaut werden (wir berichteten). Musiker Ralf Dieter Ost hat nicht nur die Idee zu einem Benefizkonzert, sondern auch den Kontakt zu sieben Bands und Künstlern, die alle ohne Gage auftreten wollen. Familie Paul selbst und Ortsvorsteher Björn Gebauer steigen ebenfalls in die Vorbereitungen ein. Georg Andler stellt die Location zur Verfügung.

Was folgt, ist „überwältigend“, wie Andreas Paul sagt. Einen Monat nach dem Konzert ist er noch immer begeistert, wie viele Leute gekommen sind. „Ich habe so an 250 gedacht – und dann waren es doppelt so viele.“ Trotzdem habe alles gut geklappt. „Und wenn es mal irgendwo gehakt hat, ob beim Spülen oder beim Ausschank, sind die Leute einfach eingesprungen“, ergänzt Gronigs Ortsvorsteher Björn Gebauer. Beide schwärmen von der Stimmung, der positiven Energie. Die Veranstalter haben sich darauf verständigt, keinen Eintritt zu erheben. Jeder Gast konnte geben, was er wollte. „Immer wieder ist der Spendenstand durchgesagt worden – quittiert von Applaus“, erinnert sich Andreas Paul und lächelt. Es sei einfach ein schöner Abend gewesen – für die ganze Familie. Auch Aaron habe es genossen, im Mittelpunkt zu stehen.

Inzwischen sind die Pauls wieder im Alltag angekommen, sie haben, wie der Familienvater gesteht, ein bisschen Ruhe gebraucht. Noch immer kann er es nicht glauben, wenn er verkündet: Es sind 20 000 Euro an Spenden zusammengekommen. Ein Kostenvoranschlag für den Badezimmerumbau ist eingeholt. Das Geld reiche in etwa dafür. „Ich bin stolz auf alle, die mitgewirkt haben und da waren“, sagt Ortsvorsteher Gebauer. Seine Aufwandsentschädigung und der Erlös aus dem Verkauf eines Kalenders hat er an Aaron weitergereicht. Diese besondere Benefizaktion ist für den Ortschef auch ein Stück Hoffnung. „Es zeigt, dass Gesellschaft noch funktioniert. Gerade in der heutigen Zeit ein schönes Gefühl.“ An dem Abend für Aaron sind auch Konzert-T-Shirts verkauft worden. Die Hälfte des Erlöses (250 Euro) geht an die Familie in Steinberg-Deckenhardt – das haben die Pauls von Anfang an so gewollt.

So sah das Haus kurz nach dem Brand Anfang Januar in Steinberg-Deckenhardt aus. Es ist aktuell nicht bewohnbar. Foto: Frank Faber

Innerhalb weniger Wochen sind die Menschen auf zwei Schicksale in der Gemeinde Oberthal aufmerksam geworden. Mehr als 70 000 Euro kamen als Spenden zusammen. Diese Welle der Hilfsbereitschaft macht auch den Bürgermeister stolz. „Es ist Wahnsinn, wie sich die Leute solidarisch erklärt haben“, sagt Stephan Rausch (CDU). Sie haben sich engagiert, in der Not zusammengestanden. „Es zeigt, dass die Menschen erkennen, wo es angebracht ist zu helfen.“