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Der haarige Pädagoge auf vier Pfoten

Der haarige Pädagoge auf vier Pfoten

Seit Sommer arbeitet Pan an der Bliestalschule in Oberthal, dem sonderpädagogischen Förderzentrum des Landkreises St. Wendel.

Als die Schulglocke klingelt, findet das Spielen und Toben auf dem Pausenhof ein Ende. Einige Schüler stapfen fast schon lustlos in Richtung Schulgebäude. Andere wiederum können nach der großen Pause gar nicht schnell genug zum Klassenzimmer kommen. Zwar soll in den Fluren nicht gerannt werden - doch eine flotte Gangart einlegen, das geht allemal.

Es ist Freitagmorgen an der Oberthaler Bliestalschule, und für die elf Kinder der Klasse 4/5 der Förderschule Lernen stehen nun die schönste Stunden des Schultags auf dem Unterrichtsplan. In einer Box, die direkt neben dem Lehrerpult steht, wartet bereits der Pädagoge, der die Kinder in den nächsten beiden Schulstunden unterrichten wird. Pan heißt er, und der legt keinerlei Wert darauf, mit Herr angesprochen zu werden. Dem Pädagogen auf vier Pfoten sind andere Dinge wichtig. Leckerlis zum Beispiel. Oder gestreichelt und gelobt zu werden.

"Pan ist ein Labrador-Rüde", erklärt sein Frauchen, Förderschullehrerin Anne Becker-Kuhn. Nicht ganz zwei Jahre ist der schwarze Vierbeiner alt. Seit Sommer des vergangenen Jahres unterstützt er sein Frauchen im Unterricht. Und zwar montags, mittwochs und freitags. Ein halbes Jahr hat er sich dazu ausbilden lassen - beziehungsweise sein Frauchen ihn zu einem sogenannten Schulbegleithund. "Im Therapiehundezentrum in Mandelbachtal", erzählt die Förderschulpädagogin, die "schon immer einen eigenen Hund haben" wollte.

Pan und sie, das sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. "Ich habe ihn zwar nicht danach ausgesucht, ob er als Schulbegleithund taugen würde. Aber ich hatte früher schon einmal von dem Konzept gehört", berichtet Becker-Kuhn. Und als sie Pan dann hatte, ließ sie ihn testen, ob er für eine solche Aufgabe geeignet sei. "Ich habe das Glück, dass er vom Wesen her ein sehr gemütlicher und lockerer Typ ist, aber auch belastbar, und er verträgt Stress recht gut." Denn ein Schul-Arbeitstag kann durchaus anstrengend sein für den Lehrer-Labi.

Aufgabe des wöchentlich unter den Schülern wechselnden Hundedienstes ist es unter anderem, Pan nach der Pause und auf Anweisung der Lehrerin aus seiner Box zu lassen. Vorwitzig erkundet der Rüde das Klassenzimmer. Was gibt es Neues, mag er sich fragen, während er, die schwarze feuchte Nase nur Millimeter über dem Boden, den Raum untersucht. Der Typ mit dem Schreibblock ist sonst nicht da. Außerdem riecht der nach Hund. Vermutlich hat er einen eigenen. Das muss schnüffeltechnisch genauestens erforscht werden. Dann ruft Becker-Kuhn ihren Hilfslehrer nach vorne. Schwanzwedelnd marschiert er ab. Jetzt ist Arbeitszeit.

Zunächst werden Verhaltensregeln wiederholt. Becker-Kuhn pappt dazu mehrere bemalte Magnet-Täfelchen an die Schultafel. Darauf sind Kinder und ein Hund zu sehen, die in verschiedenen Situationen miteinander agieren. "Ich hätte jetzt gerne von euch gewusst, was ihr auf den Bildern seht", erklärt die Lehrerin die Aufgabe. Pan liegt derweil auf seiner Hundedecke und scheint das Geschehen interessiert zu verfolgen.

"Man geht nett mit Tieren um", erklärt eine Schülerin, was sie auf einem der Bildmotive erkennt. Becker-Kuhn bestätigt: "Genau, man geht lieb mit ihnen um, quält sie nicht und setzt sich nicht zum Spaß drauf oder so." Weiter geht es. Man soll einem Hund nicht direkt in die Augen gucken, nicht rennen, Befehle klar und deutlich aussprechen und dergleichen mehr. Auf den Schwanz treten geht auch gar nicht. "Das tut dem Hund nämlich richtig weh", weiß eines der Kinder. Dann verteilt Kuhn-Becker Leckerlis. Aber nicht an Pan, sondern an die Schüler.

Danach muss jedes Kind ein Kärtchen ziehen, darauf stehen Anweisungen, wie sie mit dem Hund interagieren sollen. "Und ihr wisst ja, ihr müsst klar und deutlich reden, sonst versteht euch der Pan nicht", schickt Becker-Kuhn vorweg. Leonie macht den Anfang. Mit ihrem Leckerli in der Hand geht sie zu Pan, hält es ihm hin und sagt laut und deutlich: "Lass es!" Pan weiß nun, dass er das Leckerchen nicht nehmen darf, bis Leonie es ihm schließlich erlaubt. Die Übung klappt. Beide sind sichtlich stolz.

Jedes Kind kommt einmal an die Reihe und darf eine Übung mit Pan machen. Das große Los gezogen haben Daniela und Tobi. Beide dürfen zwischen den Tischen und Stühlen durchgehen. Mit Pan bei Fuß, was der vierpfotige Pädagoge auch bereitwillig umsetzt. Dann kommt das Kommando "Touch". Nun prescht Pan nach vorne und haut mit seiner Pfote auf einen großen orangefarbenen Buzzer. Es ertönt eine Art Haustürklingel - Aufgabe erfüllt.

Auch dafür gibt es ein kleines Belohnhäppchen. So vergehen die beiden Unterrichtsstunden wie im Flug. Schließlich klingelt die Schulglocke erneut - Feierabend für Pan und die Schüler des Sonderpädagogischen Zentrums des Landkreises St. Wendel. "Bitte alle die Hände waschen", fordert die Lehrerin die Kinder auf. "Ihr wisst ja, warum?" Marvin erklärt: "Weil meine Katze zuhause sonst riecht, dass ich den Hund gestreichelt habe. Und dann faucht sie." Becker-Kuhn sagt schmunzelnd: "Das vielleicht auch, aber warum hauptsächlich?" "Wegen der Bakterien und der Hygiene", antwortet ein anderes Kind. Das sei richtig, sagt die Lehrerin.

Zwischen 800 und 900 Euro hat Pans Ausbildung gekostet "Mit Prüfung, Unterrichtsmaterial und Ausstattung für die Schule sind wir fast bei 1500 Euro", rechnet Kuhn-Becker vor. Der Klassensaal hat sich inzwischen geleert, Pan entspannt auf seiner Hundedecke. Die Ausbildung habe sie selbst bezahlt, einen Zuschuss gab es nicht. "Das wollte ich nicht, denn dann würde es irgendwie verpflichtend. So kann ich, wenn ich merken sollte, dass es Pan zu viel wird oder ihm das Unterrichten keinen Spaß mehr macht, damit aufhören, ohne jemandem etwas schuldig zu sein."

Dafür bekommt sie aber Ermäßigung bei der Hundesteuer oder ist sogar ganz befreit - schließlich ist der Hund ein ausgebildeter Helfer. "Von wegen. Ich hatte kürzlich noch eine Unterredung genau zu diesem Thema mit unserem Bürgermeister. Ich muss die volle Hundesteuer bezahlen, es gibt keinen Nachlass." Dabei gehe es ihr gar nicht ums Geld, "sondern um seinen Status". Die in Freisen lebende Förderschullehrerin hätte gerne, dass Pan beispielsweise einem Blindenhund gleichgestellt ist. Denn auch er helfe ja Menschen mit Handicap. In diesem Falle Kindern und Jugendlichen, die in ihren Bildungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten als mehr oder weniger schwer behindert bezeichnet werden.

 Schulbegleithund Pan hat bei der Übung mit Leonie alles richtig gemacht. Dafür bekommt der Labrador ein Leckerli von Frauchen Anne Becker-Kuhn.
Schulbegleithund Pan hat bei der Übung mit Leonie alles richtig gemacht. Dafür bekommt der Labrador ein Leckerli von Frauchen Anne Becker-Kuhn.

Was bewirkt denn der Kontakt mit dem Hund bei den Kindern? "Sie gewinnen Selbstsicherheit, verbessern ihre Kommunikationsfähigkeit, die Motorik wird gefördert, das Sozialverhalten insgesamt, die Konzentrationsfähigkeit wird gestärkt, das Einfühlungsvermögen auch", zählt Becker-Kuhn auf. "Zudem dient der Hund quasi als Eisbrecher. Kinder, die sonst sehr verschlossen sind, tauen durch den Umgang mit dem Tier regelrecht auf, erzählen plötzlich, was sie bewegt und was in ihnen vorgeht. Da leistet der Poädagoge auf vier Pfoten wirklich eine ganz wichtige Arbeit."