Astronaut Matthias Maurer hat sich die Saarfeldspatwerke in Oberthal angesehen

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Ein Groniger auf dem Weg ins All : Astronaut übt in Güdesweiler für Mond-Mission

Sein Geologie-Training absolviert Matthias Maurer für gewöhnlich auf Lanzarote oder in Norwegen. Doch dieses Mal hat es ihn für eine zusätzliche Einheit in den Steinbruch der Saarfeldspatwerke verschlagen.

Der Mond ist eine menschenfeindliche, unbekannte Welt. Ein toter Himmelskörper, auf dem es keinerlei Leben gibt. Die Oberfläche ist mit einer grauen Staubschicht überzogen und Meteoriten haben riesige Krater in den Boden gerissen. Doch Wissenschaftler sehen in dem Erdtrabanten mehr als nur eine Wüste aus Gestein. Für sie ist der Mond wie ein Buch, in dem die Geschichte unseres Sonnensystems niedergeschrieben ist.

Aus diesem Grund lernen Astronauten der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) die geologischen Schätze, die sie vielleicht auf der Mondoberfläche finden werden, zu verstehen. Die Pangea-Kampagne – benannt nach dem einstigen Superkontinent – soll die Weltraumpiloten auf die Erforschung fremder Himmelskörper vorbereiten. Auch Matthias Maurer nimmt an diesem Programm teil. Der Unterricht findet für gewöhnlich in den bizarren Landschaften auf Lanzarote oder in der unberührten Natur der Lofoten in Norwegen statt. Doch bei seinem jüngsten Heimatbesuch hat es den 49-Jährigen für eine optionale Trainingseinheit in den Güdesweiler Steinbruch verschlagen.

Dort bauen die familiengeführten Saarfeldspatwerke H. Huppert GmbH & Co. KG seit mehr als 100 Jahren verwitterten Rhyolith ab – dessen Feldspat-Anteil bei über 60 Prozent liegt. Und genau deshalb interessiert sich Maurer auch für den Tagebau. „Als mir die Experten der Esa gesagt haben, dass wir beim Geologie-Training unter anderem nach Feldspat suchen, habe ich gleich vorgeschlagen, dass wir auch mal in Güdesweiler üben könnten“, erzählt der Astronaut. Aber mit dieser Idee habe er die Spezialisten zum Lachen gebracht. „Sie haben mir dann erklärt, dass wir nach Mondstein und somit Kalknatronfeldspat suchen. In Güdesweiler wird jedoch Kalifeldspat abgebaut“, erläutert Maurer. Das sei ein großer Unterschied. Allerdings gebe es viele thematische Überschneidungen. „Deshalb werde ich beim Besuch der Saarfeldspatwerke auf jeden Fall etwas lernen“, ist der Groniger überzeugt.

Zusammen mit Geschäftsführer Hendrik Huppert, Vertriebsleiter Manfred Schwanbeck und dem Geologen Jürgen Ost steigt er den steilen Hang zum Steinbruch empor. Oben angekommen müssen die Männer die Augen zusammenkneifen, um überhaupt etwas erkennen zu können. Der helle Rhyolith reflektiert das Sonnenlicht und blendet. „Hier sieht man die Schichten ganz gut“, sagt Huppert und deutet auf die derzeit etwa 45 Meter tiefe Grube. Die Farbe des Gesteins sei ein wichtiges Indiz dafür, welches Produkt einen erwarte. „Je weißer, desto besser für uns. Je roter, desto höher ist der Eisenanteil“, erläutert der Geschäftsführer.

Doch wie ist der Rhyolith überhaupt entstanden? Vor etwa 260 Millionen Jahren habe es zwischen dem heutigen Birkenfeld und Oberthal einen Vulkanausbruch gegeben. „Dadurch wurde das Material an die Oberfläche gepresst und ist dann von Nordosten nach Südwesten geflossen“, weiß Schwanbeck. Im nördlichen Saarland gebe es seither ein Rhyolithmassiv – eine geologische Spalte, die etwa 15 Kilometer lang und vier Kilometer breit ist. Darauf liegen mehrere Feldspatgruben, beispielsweise bei Birkenfeld und Türkismühle. Das dort abgebaute Material werde jedoch nur noch zum Straßenbau benutzt. „Der Feldspat entspricht von der Qualität nicht mehr den Anforderungen der keramischen Industrie“, erläutert Schwanbeck. Das sei in Güdesweiler anders.

Hier wird das Gestein im Tagebau vorzerkleinert und im firmeneigenen Werk nahe der Grube aufgemahlen und getrocknet. Danach stellen die Mitarbeiter Kalifeldspäte mit unterschiedlichen Eisengehalten und in verschiedenen Mahlfeinheiten her. „Außerdem produzieren wir noch Mischfeldspäte und vermarkten Natronfeldspäte, die wir in der Türkei ankaufen“, erklärt Huppert. Die Rohstoffe würden vor allem verwendet, um Keramikfließen, Sanitärkeramik und Geschirr zu produzieren.

Diesen Prozess kennenzulernen und zu sehen, wie das Rohmaterial zum Endprodukt wird, ist für Maurer eine aufschlussreiche Erfahrung. „Wir möchten auf dem Mond ja auch Ressourcen nutzen. Das bedeutet, wir müssen Material abbauen“, sagt er. Daher sei es für ihn interessant gewesen, die Saarfeldspatwerke zu besichtigen. „Außerdem habe ich dabei noch mal ein besseres Gefühl dafür bekommen, dass Feldspat nicht gleich Feldspat ist. Die Unterschiede liegen eben im Detail“, hat der Astronaut gelernt.

Sein nächstes offizielles Geologie-Training steht im Oktober in Italien an der Universität von Padua an. „Dort werden wir ins Labor gehen und uns die Mondproben aus Norwegen ansehen“, verrät Maurer. Bisher waren die Astronauten immer im Feld unterwegs. Auf Lanzarote haben sie sich auf das vulkanische Tiefland des Mondes vorbereitet. Auf den Lofoten sind die geologischen Formationen denen im Hochland des Mondes sehr ähnlich. „Wir haben dort zuerst einmal gelernt, das Umfeld wie ein Geologe zu beschreiben. Also mitzuteilen, was man sieht und was die Besonderheiten sind“, erzählt Maurer von seiner Ausbildung. Danach habe er geübt, Messungen durchzuführen, ohne dabei das Gestein zu beschädigen. „Die Geräte, die wir dazu benutzen, sind noch sehr spezialisiert. Das heißt, ein Gerät kann dies, das andere kann jenes. Für unsere Expedition zum Mond hätten wir gerne viele Funktionen in ein Gerät gepackt“, erklärt er. Die Astronauten und Esa-Experten arbeiten daher mit den Herstellern zusammen und versuchen, die Geräte zu optimieren.

Zudem lernen die Weltraumpiloten, unter Zeitdruck zu arbeiten. Auf der Erde hätten Geologen jede Menge Zeit, um sich alles sehr genau anzusehen. Das sei auf dem Mond nicht möglich. „Wir haben nur Luft für sechs bis acht Stunden. Da muss es sehr schnell voran gehen“, weiß Maurer. Ziel der Pangea-Kampagne ist es, die Teilnehmer so gut auszubilden, dass sie auf dem Mond selbstständig das benötigte Material sammeln und den Wissenschaftlern wertvolle Daten und Proben zur Verfügung stellen können. „Aber wir werden nicht ganz auf uns allein gestellt sein“, gesteht er. Es sei geplant, auf dem Mond Kamerasysteme aufzubauen und die Landschaft in Echtzeit als Modell zur Erde zu übertragen. Dann könnten die Geologie-Experten am Boden ihre 3D-Brillen aufsetzen und quasi mit den Astronauten die Oberfläche erkunden. „So hätten sie die Möglichkeit, mir zu sagen, welchen Stein ich mitnehmen soll“, erklärt er.

Optionales Geologie-Training in der Heimat: Der Groniger Astronaut Matthias Maurer (im T-Shirt) lässt sich von Geschäftsführer Hendrik Huppert erklären, wie Feldspat abgebaut und weiterverarbeitet wird. Foto: Sarah Konrad
Der Groniger Astronaut Matthias Maurer besucht die Saarfeldspatwerke in Oberthal für ein optionales Geologie-Training. Foto: Sarah Konrad
Der Groniger Astronaut Matthias Maurer besucht die Saarfeldspatwerke in Oberthal für ein optionales Geologie-Training. Foto: Sarah Konrad

Von den Proben erhoffen sich die Wissenschaftler jede Menge Erkenntnisse. Sie sollen etwa helfen, unser eigenes Sonnensystem besser zu verstehen. Zudem könnten sie vielleicht sogar die Frage beantworten, ob es irgendwo da draußen noch weiteres Leben gibt. Unser Sonnensystem ist vor viereinhalb Milliarden Jahren entstanden. Die Erde habe sich in dieser Zeit sehr gewandelt, die Oberfläche sei noch ganz frisch. Hier gebe es daher kaum Spuren, die etwas über die Geschichte des Sonnensystems verraten. „Auf dem Mond ist das anders. Dort hat sich nichts verändert. Es gibt kein Wetter, kein Klima, keine Plattentektonik. Lediglich Meteoriten-Einschläge haben die Oberfläche ein bisschen umgeformt“, erläutert Maurer. Die tote Wüste aus Gestein könnte also dazu beitragen, eines der größten Geheimnisse der Menschheit zu lüften. Vergleichbar mit einem Buch, auf dessen Seiten geschrieben steht, wie einst das Leben entstanden ist.