Astronaut Matthias Maurer aus Gronig spricht über die Mondlandung

SZ-Serie Ein Groniger auf dem Weg ins All : „Sie waren ihrer Zeit damals weit voraus“

Der Esa-Astronaut Matthias Maurer blickt auf die Mondlandung vor 50 Jahren zurück. In einer neuen SZ-Serie begleiten wir ihn bei den Vorbereitungen zu seinem Flug ins Weltall.

Mehr als siebeneinhalb Milliarden Menschen leben auf der Erde. Auf dem Mond waren bislang nur zwölf. Der erste setzte seinen Fuß vor ziemlich genau 50 Jahren auf den staubigen Untergrund des Himmelskörpers, der bislang letzte im Dezember 1972. Nun planen die Amerikaner einen erneuten Versuch. Bereits 2024 wollen sie wieder zu dem Trabanten reisen. Mit dabei sein könnte dann auch ein Esa-Astronaut aus Gronig. Der 49-jährige Matthias Maurer bereitet sich zurzeit auf seinen ersten Flug in den Weltraum vor. Im SZ-Interview spricht er über seine Chancen, der erste Europäer auf dem Mond zu werden. Und klärt über den Nutzen der Raumfahrt auf.

Herr Maurer, an diesem Wochenende jährt sich die Mondlandung zum 50. Mal. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder sehen?

Matthias Maurer Ich habe die Bilder jetzt schon so oft gesehen und sie beeindrucken mich immer wieder. Die Mondlandung ist zwar schon 50 Jahre her, aber damals haben die Amerikaner etwas geschafft, was heute immer noch unglaublich wirkt. Das war eine enorme Leistung und sie waren ihrer Zeit weit voraus. Ich lerne jedes Mal noch etwas dazu, wenn ich mich mit der Apollo-11-Mission beschäftige. Ich bin beeindruckt und begeistert, wie das damals alles gelaufen ist. Gleichzeitig versuche ich, das aber auch in die Zukunft zu übersetzen. Was würden wir gleich machen? Was anders?

Was können Sie denn zum Beispiel noch von damals lernen?

Start der Mondrakete mit der Apollo-11-Kapsel. Foto: dpa

Maurer Das Geologie-Training der Apollo-Leute war richtig gut aufgestellt. Das ist definitiv etwas, was wir übernehmen werden und wo- 
rauf man aufbauen kann. Wir beginnen erst jetzt mit dem geologischen Training. Bei der Esa gab es das bisher für Astronauten nicht. Ich war in der vergangenen Woche in Norwegen auf den Lofoten. Dort haben wir solch eine Einheit absolviert. Denn es stellt sich immer die Frage, wie man den Mond erkundet und welche Steine man mit zur Erde nimmt. Aber in den vergangenen 50 Jahren sind auch viele Geräte und Instrumente weiterentwickelt worden. Wir werden viel bessere Technologie mitnehmen können. Da wird es für uns wahrscheinlich leichter sein, auf dem Mond zu arbeiten.

Wann haben Sie das erste Mal zum Mond geschaut und gedacht, da will ich hin?

Maurer Das war irgendwann als Kind. Ich glaube, jedes Kind guckt in den Himmel, sieht den Mond und fragt sich, wie es wäre, da oben herumzulaufen und auf die Erde zu schauen.

Wie realistisch sind denn Ihre Chancen, einmal auf dem Mond herumzulaufen?

Maurer Das ist eine sehr gute Frage, die ich gar nicht so direkt beantworten kann. Im November steht eine Esa-Konferenz an, bei der die Mitgliedsländer der europäischen Raumfahrtagentur Gelder einstellen und Projekt-Wünsche äußern können. Der Mond ist ein Thema, was jetzt ziemlich aktuell dazugekommen ist. Die Amerikaner wollten dort ursprünglich 2028 landen, das haben sie jetzt aber vier Jahre vorgezogen. Und wir Europäer haben die unglaubliche Möglichkeit, dabei mitzumachen. Dazu müssen wir aber zusätzliche Gelder werben, die nicht vorgesehen sind. Wenn wir diese bekommen, können wir an der Mission teilnehmen. Sollten wir das nicht tun, werden wir in den nächsten Jahren auch nicht noch mal die Möglichkeit dazu bekommen. Die Amerikaner haben jetzt gefragt, ob wir mit wollen. Lautet die Antwort nein, ist der Zug abgefahren. Wenn wir die Gelder nicht bekommen, geht meine Chance, zum Mond zu fliegen, quasi Richtung Null.

Und wenn die Gelder bereitgestellt werden?

Maurer Dann sind die Chancen, dass ein Europäer in den nächsten zehn Jahren über den Mond läuft, unglaublich hoch. Ob ich dieser Europäer sein werde, ist eine andere Sache. Aber wir haben momentan ja nur sieben europäische Astronauten. Die Astronauten, deren Mitgliedsländer ein bisschen mehr investieren, haben größere Chancen mitzufliegen. Also im November werde ich sagen können, ob es klappen könnte.

Im Gespräch sind neben dem Mond ja auch noch die internationale Raumstation ISS und die chinesische Raumstation. Was wäre von diesen beiden Zielen Ihr Favorit?

Maurer Die ISS ist technisch wesentlich anspruchsvoller. Dort haben wir ja schon 20 Jahre Erfahrung. Die Chinesen beginnen jetzt erst, jedoch mit einem sehr hohen Anfangsniveau. Vom wissenschaftlichen Standpunkt her ist die ISS deutlich interessanter. Bei der chinesischen Raumstation reizt mich allerdings das Kulturelle. Einer der Ersten zu sein, der mit dem neuen Partner hochfliegt, das wäre kulturell deutlich spannender. Die Brücke mit China zu bauen, ist vielleicht auch wichtiger als die super-stabile Brücke zu pflegen, die wir schon im ISS-Programm haben. Da ist man einer von vielen Astronauten, der da hoch fliegt. Bei der chinesischen Raumstation hätte man schon eine hervorgehobene Stellung.

Warum sind Forschungsstationen im Weltraum so wichtig?

Maurer Wir erzielen dort viele Ergebnisse. Das sind oft auch ganz grundlegende Dinge, die uns den Alltag erleichtern.

Können Sie ein paar dieser Forschungsergebnisse nennen?

Maurer Jetzt, wo wir 50 Jahre Mondlandung feiern, fange ich mal damit an, was die Apollo-Mission gebracht hat. Damals haben sie noch mit Rechenschiebern gearbeitet. Aber die Computer-Entwicklung wurde für die Mondlandung enorm vorangetrieben. Das heißt, alle Handybesitzer profitieren davon, dass die Amerikaner damals zum Mond wollten. Heutzutage hat ein modernes Mobiltelefon mehr Rechenleistung als die komplette Nasa beim Apollo-Programm. Das kann man sich gar nicht vorstellen.

Haben Sie noch mehr Beispiele?

Foto: Boris Roessler/dpa. Foto: dpa/Boris Roessler

Maurer Jeder Heimwerker im Saarland hat einen Akkuschrauber zu Hause. Auch der ist eine Entwicklung aus der Raumfahrt. Denn außen an der Station gibt es keine Steckdosen, deswegen braucht man gute Akkus. Ähnlich ist es bei den Solarzellen. Im Weltraum muss man den Strom selbst herstellen, dazu hat man Solarzellen entwickelt. Die mittlerweile ja auch auf der Erde stark genutzt werden und zum Energiewandel beitragen. Ein weiteres Beispiel sind Rauchmelder. In der Apollo 1 ist noch auf der Startrampe ein Feuer ausgebrochen. Die Astronauten sind erstickt und verbrannt. Da hat man erkannt, dass Feuer eine Gefahr darstellt und Rauchmelder entwickelt. Viele Fußballstadien haben Zeltdächer, um die Fans vor Sonne oder Regen zu schützen. Diese Zeltdächer bestehen aus dem gleichen Material wie die Apollo-Raumanzüge damals.

Die Forschung im Weltraum spielt aber auch in der Medizin eine wichtige Rolle. Wo etwa?

Maurer Der Eye-Tracker wurde zum Beispiel für die Raumfahrt entwickelt. Das ist ein Beobachtungsgerät für die Augen, mit dem man erkennen konnte, wenn ein Astronaut die Weltraumkrankheit bekam. Heute ist das Gerät überall im Einsatz, wo Augen mit Laser behandelt werden. Wir entwickeln auf der ISS aber auch viele Medikamente oder besser gesagt, die Vorstufen davon. Manchmal gibt es Krankheiten, die durch ein bestimmtes Protein verursacht werden. Um dagegen ein Medikament zu finden, muss man dieses genau studieren. Da ein Protein aber keine feste Struktur hat, kann man es nicht so einfach unter ein Röntgengerät legen. Im Weltraum gelingt es uns jedoch, Proteinkristalle in einer sehr guten Qualität zu züchten. Die wiederum kann man unter einem Röntgengerät platzieren. Und die Forscher können dann anhand dieser Informationen ein Medikament entwickeln. Die Japaner haben da vor Kurzem einen Durchbruch geschafft und ein Medikament in die klinische Testphase gebracht. Das soll gegen Duchenne-Muskeldystrophie helfen. Eine Krankheit, die hauptsächlich kleine Jungen trifft. Aktuell arbeiten wir auf der Raumstation an einem Proteinkristall für Parkinson. Das ist aber nur ein Experiment von vielen. Jeder Astronaut wirkt in den sechs Monaten, die er in der Raumstation verbringt, an bis zu 150 Experimenten mit.

Müssen Sie sich mit all diesen Themenfeldern auskennen?

Maurer Nein, wir sind nur die Laboranten. Die Wissenschaftler auf dem Boden entwickeln die Experimente und bauen sie so auf, dass sie ein geschulter Laie umsetzen kann. Wir bekommen eine detaillierte Anleitung zur Raumstation geschickt, die uns Schritt für Schritt erklärt, was wir tun sollen. Das ist eine Kunst, diese Experimente zu entwickeln. Wenn die Wissenschaftler sie selbst durchführen würden, wären sie nicht so „idiotensicher“ aufgebaut.

Dürfen Sie die Raumstation auch mal verlassen?

Maurer Ich hoffe es. Aber das hängt nicht davon ab, ob ich es mir wünsche. Entweder geht außen etwas kaputt, was repariert werden muss. Oder wir haben ein Experiment, was erfordert, dass jemand aussteigt und es installiert. Das ist nicht immer der Fall. Allerdings wird die Station immer älter und desto mehr müssen wir außen reparieren. Ich habe Anfang des Jahres schon geübt, wie man die neuen Solarzellen auf der Raumstation installiert. Wir haben acht Solarzellen, die in den nächsten Jahren ausgetauscht werden müssen. Da sind mit Sicherheit ein paar Weltraumspaziergänge drin.

Wann werden Sie denn nun endlich hochfliegen?

Maurer Vergangenes Jahr, als ich mit dem Training fertig war, hatten wir eine kleine Veranstaltung. Dabei hat der Chef der Esa dem saarländischen Ministerpräsidenten gesagt, dass ich in spätestens drei Jahren oben sein werde. Also bis 2021. Ich hoffe, das ist auch einzuhalten. Ich werde – das ist zumindest jetzt der Stand – mit den neuen amerikanischen Kapseln fliegen. Aber die Amerikaner haben Verzögerung, diese einsatzbereit zu bekommen. Das heißt, mein Flug könnte sich verschieben. Das liegt dann aber nicht an der Esa, sondern an den Amerikanern, dass ich warten muss.

Sie müssen ständig warten. Sind Sie ein geduldiger Mensch?

Maurer Wer keine Geduld hat, sollte definitiv kein Astronaut werden. Ich habe Kollegen, die haben weit mehr als 14 Jahre auf einen Flug warten müssen. Und die wussten damals überhaupt nicht, was kommt. Ich meine, ich weiß immerhin, dass Europa einen Flug pro Jahr hat. Also von daher kann man es sich wenigstens annähernd ausrechnen, wann man dran ist.

Mehr von Saarbrücker Zeitung