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Saarland als „Labor“ für Europa

Saarland als „Labor“ für Europa

Französisch soll im Saarland zur Verkehrssprache werden. Die Franzosen klinken sich in die Frankreichstrategie ein: Die EU soll die Region als beispielhaftes „Labor“ für das europäische Zusammenwachsen anerkennen und fördern. Blick auf eine Tagung in der Europäischen Akademie Otzenhausen.

"Sie sind eine Frau der Tat!" - gemeint war die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU ). Es war der neue Botschafter der französischen Republik Philippe Etienne, der das gestern in Otzenhausen sagte. Im Saarland hielt er seine erste offizielle Rede überhaupt in Deutschland - wenn das mal kein gutes Omen ist.

Generell bekam die Frankreichstrategie der Landesregierung, die das Saarland binnen einer Generation, bis 2043, zum ersten zweisprachigen Bundesland der Republik machen soll, gestern mächtig Wind unter die Flügel. Etienne eröffnete einen Kongress, der rund 200 Teilnehmer aus Verbänden und Institutionen der Großregion in der Europäischen Akademie versammelte. Denn die Landesregierung versteht die Frankreichstrategie als partizipatorisches Projekt: 300 konkrete Anregungen und Hinweise von rund 150 Organisationen und Personen gingen seit Januar ein. Die gestrige Schluss-Anhörung sollte die Erkenntnisse aus den Rückmeldungen öffentlich machen und hinterfragen. In fünf Gesprächsrunden "talkten" die Fachminister - Anke Rehlinger (Wirtschaft), Stephan Toscani (Europa), Monika Bachmann (Innen), Kramp-Karrenbauer (Hochschulen) Ulrich Commerçon (Kultur/Bildung) - mit über 30 Experten, von der Perspectives-Festivalchefin bis zum Mitgeschäftsführer von Airbus Defence and Space. Zu den Inhalten der Rückläufe hörte man nichts, stattdessen wurden die rund 200 Zuhörer Zeuge einer eindrucksvollen Leistungsschau dessen, was an deutsch-französischem Miteinander längst vorhanden ist. Und meist enorm erfolgreich, wie beispielhaft die Vizepräsidentin der Deutsch-Französischen Hochschule erläuterte: 70 Prozent der Absolventen fänden direkt nach ihrem Abschluss einen Arbeitsplatz. Nichts als Bestätigung, wohin man auch hörte. Kritik: Fehlanzeige. Es sei denn, man verstünde die Einlassungen von Lehrer- und Elternseite als solche, dass Zweisprachigkeit ab der Kita nun mal mehr Geld koste und Pädagogen dafür noch gar nicht ausgebildet seien. Von Uni-Präsident Volker Linneweber stammte dann immerhin noch die einzige knackfrische Idee des Tages. Er regte ein Institut für eine gemeinsame deutsch-französische Berufsschullehrer-Ausbildung an. Die Franzosen wiederum brachten ausschließlich Begeisterung mit nach Otzenhausen . "Großartig" sei die Initiative, hörte man unisono, vom Präsidenten der Région Lorraine bis zum Vertreter des französischen Außenministeriums. "Wir begleiten und unterstützen ihr Projekt." Doch es scheint mehr drin als ideelle Ermutigung. Die Lothringer haben sich anstecken lassen, haben eine eigene Deutschland-Strategie aufgelegt. Sie erkennen ihre Chance. Zusammen mit dem Saarland wollen sie zur "Referenzregion" für die Europäische Union werden, zu einem förderfähigen "Labor" für grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit dem "Recht auf Experimente" - und auf EU-Sondermittel. Diese Idee, hörte man, sei bereits in Paris und in Berlin angekommen.

Welchen Schluss zieht die Ministerpräsidentin? Sie kündigte einen Kabinettsbeschluss bis Ende des Monats an und eine darauf folgende "Politik der kleinen Schritte". "Wir müssen jetzt konkret werden", sagte Kramp-Karrenbauer der SZ. Im Fokus stünden schnell umsetzbare Projekte. Durchgerechnet sei die Strategie noch nicht, so die Ministerpräsidentin. Aber es werde zu neuen Prioritätensetzungen und auch zu "Umschichtungen" in den Haushalten der Ministerien kommen.