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„Man sollte dir in die Fresse hauen“

„Man sollte dir in die Fresse hauen“

Der Primstaler Gerhard Paulus ist der einzige saarländische Schiedsrichterbeobachter im Profi-Fußball. Als Linienrichter war er in der Bundesliga und bei Länder- und Europapokalspielen im Einsatz. Unvergessen die Geschichte, als Nationalspieler Michael Schulz auf ihn losging.

Ein halbes Jahrhundert ist der Primstaler Gerhard Paulus nun schon Schiedsrichter. Doch die Pfeife hat er vor 20 Jahren gegen einen Formularbogen eingetauscht. Der 66-Jährige ist der einzige saarländische Schiedsrichterbeobachter im Profi-Fußball. Er bewertet den Auftritt des Unparteiischen während der Partie und entscheidet unter anderem, ob der entsprechende Schiedsrichter in der Hierarchie auf- oder absteigt. "Die Bewertung ist sehr komplex. Es geht von der Anwendung der Regeln bis zur Laufarbeit und der Zusammenarbeit mit seinen Assistenten", erklärt Paulus.
Spielbeobachter in Liga drei

Mit Beginn der Rückserie in der 3. Liga ist er wieder an jedem Wochenende unterwegs, um in Mainz, Wehen, Großaspach, Stuttgart oder Köln seine Klienten unter die Lupe zu nehmen. Demnächst folgt noch die Beobachtung in der Regionalliga.

"Erst eine halbe Stunde nach Spielende darf ich mit dem Schiedsrichter ein Gespräch führen. Sonntags sitze ich mindestens vier Stunden an der Ausarbeitung der Beurteilung", berichtet Paulus. Selbst leitete der frühere Finanzbeamte unzählige Spiele in der damals drittklassigen Oberliga. Zudem war er zehn Jahre Linienrichter im Gespann von Markus Merk , Aron Schmidhuber und Karl-Heinz Tritschler - den Großen ihrer Zunft in der Bundesliga. "Es hat viel Spaß gemacht, ich war sogar im europäischen Fußball dabei", schwärmt Paulus. Für seine internationalen Einsätze in Porto, Lissabon, Parma oder London bekam er von seinem Arbeitgeber Sonderurlaub.

Was es sonst noch gab? "Wir haben für nationale Spiele 72 Mark am Tag bekommen, für internationale gab es pro Tag 170 Schweizer Franken", erzählt Paulus. Heute bekommen die Unparteiischen ein Vielfaches davon. Doch nicht alles ist besser geworden. Die von ihm beobachteten Schiedsrichter würden immer unter Druck stehen, sagt Paulus. Sie kämpfen um Zehntelnoten. "Wenn sie absteigen, dann haben sie erhebliche finanzielle Einbußen", meint der Primstaler. Klar muss er ganz genau hinschauen, ob der Assistent bei einer Abseitsstellung rechtzeitig die Fahne hebt. "Das zu beurteilen, ist gegenüber früher viel schwieriger geworden. Zu meiner Zeit stand immer noch ein Libero hinten drin", weiß Paulus. Und der gravierendste Unterschied überhaupt: "Das Spiel ist schneller und athletischer geworden."
Der Ausraster von Schulz

Den Ausraster von Dortmunds Michael Schulz bekam damals ganz Fußball-Deutschland mit. Der Verteidiger reagierte 1989 nach der 1:2-Niederlage beim Karlsruher SC seinen Frust an Linienrichter Paulus ab. Die Geschichte landete schließlich sogar im Kultbuch "Du pfeifst fürn Arsch". Schulz stellte seinen Stollenschuh auf den Fuß von Paulus und brüllte ihn völlig außer sich an: "Man sollte dir in die Fresse hauen, du blinde Nuss". Der siebenfache Nationalkicker kassierte dafür eine achtwöchige Sperre, Dortmund wurde vom DFB-Sportgericht mit 10 000 Mark zur Kasse gebeten.

Als Schiedsrichter pfiff Paulus zunächst für den SC Büschfeld und gehörte der Gruppe Wadern an. Später wechselte er zum VfL Primstal und kam zur Gruppe Nahe. Insgesamt 29 Jahre fungierte er als Lehrwart, als Schiedsrichter-Beobachter ist Paulus nun insgesamt seit 23 Jahren im Einsatz.

dfb.de/schiedsrichter