SZ-Serie Museen im Saarland: Die letzten ihrer Zunft

SZ-Serie Museen im Saarland : Die letzten ihrer Zunft

In der Historischen Nagelschmiede in Sitzerath zeigen Albert Paulus und Siegbert Schmitt den Besuchern das alte Handwerk.

Scheinbar mühelos schwingt Siegbert Schmitt den Hammer durch die Luft. Jeder Schlag auf die glühende Eisenstange sitzt. Das muss er auch, denn dem 64-Jährigen bleibt nur wenig Zeit. „Wenn der Stab erst einmal abgekühlt ist, habe ich keine Chance mehr, daraus einen Nagel zu formen“, erklärt er. Und hämmert weiter. Konzentriert und routiniert.

Bei diesem Anblick ist es nur schwer vorstellbar, dass der Nordsaarländer das schweißtreibende Handwerk erst vor drei Jahren erlernt hat. Damals hatte Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ihren Besuch in der Historischen Nagelschmiede in Sitzerath angekündigt.  Die damalige Ministerpräsidentin wollte sehen, wie die Menschen einst gearbeitet haben. Allerdings gab es ein Problem: „Albert Paulus, der den Besuchern normalerweise das alte Handwerk vorführte, war zu der Zeit gesundheitlich angeschlagen“, erinnert sich Schmitt. Der Maschinenbautechniker hatte zwar keine Ahnung vom Schmieden, sagte aber seine Unterstützung zu. Nach etwa 20 Trainingseinheiten habe er es geschafft, einen halbwegs ordentlichen Nagel herzustellen. Gerade rechtzeitig zum Besuch der Politikerin.

Die kam 3. August 2016 vorbei. Albert Paulus und Siegbert Schmitt zeigten ihr, wie ihre Vorfahren Einspitz- und Zweispitznägel formten. „Frau Kramp-Karrenbauer war davon so begeistert, dass sie selbst Hand anlegte und ihre eigenen Nägel schmiedete“, erzählt Schmitt. Im Anschluss habe sich die CDU-Bundesvorsitzende ins Gästebuch eingetragen. Wie auf der Webseite des Ortes zu lesen ist, schrieb sie folgende Worte: „Meine erste Lehrstunde als Nagelschmied. Herzlichen Dank für diese wunderschöne Einrichtung, in der die Vergangenheit lebendig ist und bleibt.“

In der Tat hat dieses Handwerk im Hochwald eine sehr lange Tradition. Durch die frühe Eisenverhüttung war der Rohstoff reichlich vorhanden. Sogar ein Belgier habe sich als Nagelschmied in der Gegend niedergelassen, weil er sein Material von den hier ansässigen Eisenhütten beziehen konnte. Die Menschen in Sitzerath hämmerten in erster Linie zum Nebenerwerb. Die Armut war groß, die Familien hatten viele Kinder und der Boden war wenig ertragreich. „Man betrieb zwar eine kleine Landwirtschaft, die aber eine große Familie nicht ernähren konnte“, weiß Sitzeraths ehemaliger Ortsvorsteher Alfred Schmitt. Zu Beginn fertigten die Dorfbewohner überwiegend Schiffs-, Schloss-, Band- und Schiefernägel an. Später stellten sie mehrere Arten von Schuhnägeln her. Nachdem in den Anfangszeiten alle Nägel von Hand geformt wurden, schaffte die Erfindung der maschinellen Fertigung eine wesentliche Erleichterung. „Der geschmiedete Nagel erhielt nun durch einen Stempel in einem herabfallenden Hammer die gewünschte Form“, erklärt Alfred Schmitt dazu.

Wie genau das funktioniert, können sich Besucher der Sitzerather Nagelschmiede von April bis November jeweils an einem Sonntag im Monat ansehen (siehe Infobox). Dort gibt es auf rund 40 Quadratmetern alte Werkzeuge wie Amboss, Schrot, Nageleisen und Schmiedehammer zu entdecken. Mitten im Raum befindet sich die Feuerstelle, in der das Eisen zum Glühen gebracht wird. In einer Ecke steht das Radstipp. Darin rannte früher ein Hund ähnlich wie ein Hamster. Es lag an ihm, die Flamme lodern zu lassen. Denn durch eine Kurbel am Laufrad wurde der Blasebalg auf und ab bewegt und erzeugte dadurch die nötige Luft für das Feuer. Der Nagelstock, ein etwa ein Meter hoher Baumstumpf, steht hinter der Feuerstelle. „Auf ihm ruht der Stabbels. Das ist ein drei Zentner schweres, rundes Gussstück mit verschiedenen Öffnungen für die einzelnen Werkzeuge“, erläutert Albert Paulus. Er hat 2003 seinen ersten Nagel geschmiedet – und dafür sogar Tipps von einem Zeitzeugen erhalten. Der 83-Jährige kennt viele Geschichten aus der Zeit, in denen die Menschen noch von ihrer Hände Arbeit lebten.

„Vor allem im Winter lief das Nagelschmiedgewerbe auf Hochtouren“, erzählt er. Auch Frauen und Kinder hätten mit angepackt. Ihr Arbeitstag habe am frühen Morgen begonnen und oft 16 Stunden gedauert. Bis zu 3000 Nägel konnte ein erfahrener Schmied in dieser Zeit fertigen. Fünf Männer standen an der Feuerstelle. Nach Feierabend saßen die Arbeiter oft noch zusammen, scherzten, spielten oder sangen miteinander. „Eine Nagelschmiede war ein sozialer Ort“, weiß Paulus. In den Hochzeiten, zwischen 1840 und 1890, habe es allein in Sitzerath 18 Nagelschmieden gegeben. Doch mit Beginn der Industrialisierung nach dem Ersten Weltkrieg kam das Handwerk zum Erliegen. Der letzte Nagelschmied in dem Ortsteil der Gemeinde Nonnweiler, ein Mann namens Nikolaus Paulus-Elgas, wurde 1894 geboren. Er erlernte das Handwerk mit 14 Jahren, ging mit 17 Jahren zur Grube und wurde dort mit 36 entlassen. Von 1931 bis 1935 hämmerte er in seiner Heimwerkstatt, bis er eine Beschäftigung mit höherem Einkommen fand.

Doch obwohl die Ära der Nagelschmiede längst der Vergangenheit angehört, so ist die Tradition in Sitzerath noch immer allgegenwärtig. Bereits am 12. Dezember 1958 hat die Regierung des Saarlandes der damals selbstständigen Gemeinde ein eigenes Wappen verliehen. Darauf zu sehen, sind ein Rad und ein Hund. Der schwarze Grund soll den rußgeschwärzten, engen und nur durch ein kleines Fenster erhellten Werkstattraum darstellen. Auch die Umbenennung der ehemaligen Schulstraße in Nagelstraße am 19. August 1975 zeigt, wie sehr sich die Sitzerather noch immer mit ihrer Vergangenheit verbunden fühlen.

„Seit 1989 kam uns immer wieder die Idee, eine Nagelschmiede nachzubauen. Aber uns fehlten die entsprechenden Teile und ein Raum zum Aufstellen“, sagt der ehemalige Ortsvorsteher Schmitt. Doch das änderte sich im Jahr 2001. Damals musste ein Hobby-Nagelschmied aus Bierfeld seine Werkstatt verkaufen. Provisorisch stellte er seine Anlage im Untergeschoss des Kelterhauses in Sitzerath unter. „Gemeinsam mit den Garten- und Naturfreunden haben wir dann beschlossen, einen Raum anzubauen“, sagt Schmitt. Die Teilnehmergemeinschaft Sitzerath befürwortete das Bauvorhaben ebenfalls und stellte das Material zur Verfügung. Alles andere ist laut Schmitt in Eigenleistung erbracht worden. Am 23. September 2002 zog die Nagelschmiede in den neuen Raum ein.

Mittlerweile sei die Werkstatt zu einem Treffpunkt geworden. Ganz wie es früher in den Nagelschmieden üblich war. Zu den Besuchern zählen längst nicht mehr nur Einheimische. Immer wieder zeigen Albert Paulus und Siegbert Schmitt Schulklassen und Touristen, wie man Nägel mit Köpfen macht. Obwohl die beiden das Handwerk inzwischen sicher beherrschen, gibt Schmitt zu: „Ich lerne auch heute immer noch Neues hinzu.“

An der Feuerstelle (von links): die Nagelschmiede Siegbert Schmitt und Albert Paulus sowie die Sitzerather Ortsvorsteherin Lieselene Scherer. Foto: Sarah Konrad
Das Modell zeigt einen Teil der Werkzeuge, die in einer Nagelschmiede zu finden sind. Vorne links sind Schuhsohlen zu sehen, die mit Nägeln versehen wurden. Foto: Sarah Konrad
Albert Paulus bringt die glühende Eisenstange mit dem Hammer in Form. Foto: Sarah Konrad
Siegbert Schmitt arbeitet an der Maschine: Der geschmiedete Nagel erhält durch einen Stempel in einem herabfallenden Hammer die gewünschte Form. Foto: Sarah Konrad

Alle Teile, die in der Serie „Museen im Saarland“ bisher erschienen sind, gibt es im Internet auf der Webseite:
www.saarbruecker-zeitung.de/
museen-im-saarland

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