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Beim VfR Otzenhausen kommt ganz schön was ins Laufen

Die Angst der Fußballer vor dem Dirndl : Kreisligist trotzt Corona und läuft zu Spitzenform auf

Was eine Whatsapp-Nachricht – und die Angst vor einem Dirndl – nicht so alles ins Laufen bringen können. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Das zeigen derzeit die Fußballer des VfR Otzenhausen auf imponierende und witzige Art.

Wer derzeit in Otzenhausen unterwegs ist, muss aufpassen. Denn er könnte glatt über den Haufen gerannt werden. Auf den Straßen und Wegen in und um den Ort glühen derzeit die Laufschuhe, ist mehr los als bei manchem Marathon. Und das hat seinen Grund – in einer ebenso verrückten wie beachtlichen Aktion der Fußballer.

„Die allgemeine Vorstellung von einer Kreisliga-Mannschaft (sowie einer nichtaufstiegsberechtigen Reserve-Mannschaft) entsprechen nicht gerade der einer fitnessambitionierten Truppe, die sich darum reißt, während der Lockdown-Phase ihren Fitnessstand aufrechtzuerhalten. So auch eigentlich die Einstellung unserer Kicker“, erzählt Tom Colling, Mittelfeldmann der zweiten Mannschaft des VfR Otzenhausen.

Doch dann kam alles ganz anders. Es begann mit einer einfachen Whatsapp-Nachricht von Trainer Stefan Hobinder in die Gruppe nach dem Motto: „Jeder hat pro Woche 25 Kilometer zu laufen, ansonsten gilt es laut Strafenkatalog als unentschuldigtes Fehlen am Trainingsbetrieb.“

Damit fing der Spaß an. Colling erzählt: „Natürlich gibt es immer diesen einen Laufverrückten Linksaußen. Aber was bei uns passierte, war wirklich außergewöhnlich. Der gesamte Kader sowie der Kader der Reservemannschaft erreichte das Mindestziel von 25 Kilometern pro Woche.“ Und noch mehr, wie die Auswertung ergab. Im November wurden von den 25 Spieler 2730 Kilometer abgerissen – also im Schnitt 109 Kilometer! Alles belegt von der Tracking-App, die jeden Schritt aufzeichnete. John Colling spulte sogar 200,6 Kilometer ab.

Doch damit nicht genug. Der Ehrgeiz war geweckt – und der Trainer rief zu einer Challenge auf. Einsatz: Das Verlierer-Team muss beim nächsten Hähnchen-Essen (das von den Trainern bezahlt wird) das Gewinner-Team in einem Dirndl bedienen. Die Challenge begann am 30. November und lief bis zu diesem Freitag, 11. Dezember. Die Regeln: Es wurden zwölf Zweier- Teams gelost. Laufen die Team-Partner gemeinsam, gibt es einen 35-Prozent-Bonus – und der Lauf ist mit einem Selfie in der Gruppe zu belegen.

Der Wettbewerbsgedanke und die neu gewonnene Grundfitness beflügelten die Spieler weiter – und die Laufschuhe glühten. Am ersten Montag machten sich die ersten zwölf Läufer auf den Weg und spulten 119,2 Kilometer ab. Am zweiten Tag waren es schon 137 Kilometer, am dritten Tag 184. Am 4. Dezember waren 21 der 24 Spieler unterwegs und liefen insgesamt 306 Kilometer – darunter drei Halb-Marathon-Distanzen. Und nicht nur das: Ab diesem Tag legte täglich mindestens ein Spieler einen Halbmarathon zurück. „Es entstand eine wahnsinnige Gruppendynamik. Die Läufe wurden immer länger und länger – und von morgens bis abends wurden die Läufe in der Whatsapp-Gruppe geteilt und motivierten somit die Mitspieler, sich abends nicht faul auf die Couch zu werfen, sondern lieber noch mal die Laufschuhe anzuziehen, da ansonsten das Dirndl winkte“, erzählt Colling lachend.

 Der junge Vater Christopher Simon entschied sich sogar, nachdem die Tagesstatistik veröffentlicht wurde, dass er nicht auf dem letzten Platz übernachten wollte. Er legte die Kinder ins Bett – und startete montagabends um 22 Uhr noch im beleuchteten Industriegebiet zum Halbmarathon. Auch andere Spieler entpuppten sich als Laufwunder: Der Reservemannschaft-Sturm-Joker Benni Bayer legte mehrmals die Woche 14 Kilometer zurück. Und es entstand ein unglaublicher Mannschaftsgeist: Weil Torgarant Jannik Görtz aufgrund einer Verletzung ein paar Tage aussetzen musste, lief sein Gruppenpartner Kevin Sartorius dafür zwei Tage hintereinander einen Halb-Marathon.

Das Ergebnis: Bis Donnerstagabend, einen Tag vor Ende der Challenge, wurden in elf Tagen fast 2365 Kilometer gelaufen – was einem Schnitt von 98,5 Kilometern pro Spieler entspricht. Auch der Kampf um den Sieg in der Einzelstatistik beflügelte. Der erfahrenste Spieler, Michael Dippe (42), führte zwischenzeitlich mit 79 Kilometern und gefühlt genauso vielen Kreuzbandrissen an. Am späten Donnerstagabend setzte sich dann Christopher Simon an die Spitze. Er hatte gerade einen 33-Kilometer-Lauf beendet und kam danach auf eine Gesamtdistanz von 133 Kilometern. Doch eine Vorentscheidung war das noch nicht. Denn teilweise lagen die Spieler nur wenige hundert Meter auseinander. „Und keiner hat aufgegeben. In den letzten drei Tagen liefen immer mindestens 20 der 24 Spieler“, erzählt Colling am Donnerstagmorgen. „Da alle noch dicht zusammen sind, können auch noch alle gewinnen.“

Gewinner sind aber auf jeden Fall auch zwei soziale Projekte: Denn, begeistert von der Aktion, fanden sich auch drei Sponsoren. Die Firmen Barth, B+F Mietservice und CBW Reifengroßhandel spenden für jeden Kilometer insgesamt 80 Cent. Und da sich die Zahl der seit dem Anfang der Aktion am 1. November zurückgelegten Kilometer mittlerweile auf mehr als 5500 summiert, kommen da rund 4500 Euro zusammen. Die gehen an den Sternenregen von Radio Salü und an die Aktion „Trier steht zusammen“, welche die Opfer der Amokfahrt in Trier unterstützt.

Tom Colling und Fabian Bier ließen sich auch vom Schnee nicht stoppen. Foto: Colling

Die Gegner des VfR dürften hingegen jetzt schon zittern. Derzeit ist die Mannschaft Tabellenzweiter der Kreisliga A Nahe – doch wenn sie nach dem Lockdown auch auf dem Platz so ins Laufen kommt, dann wird sie niemand stoppen können.