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Zuwendung braucht ZeitZu viel Bürokratie ist nicht hilfreich

Zuwendung braucht ZeitZu viel Bürokratie ist nicht hilfreich

Neunkirchen/Nahe. Die Redewendung "Jetzt schlägt's 13" machten sich gestern über 200 Seniorenheime im Saarland und in Rheinland-Pfalz zu eigen. Dabei ging es um einen Aktionstag, mit dem die Heime auf unzureichende Rahmenbedingungen für ihre Arbeit hinweisen wollten. Ganz bewusst war dafür Montag, der 13. Juli, gewählt worden

Neunkirchen/Nahe. Die Redewendung "Jetzt schlägt's 13" machten sich gestern über 200 Seniorenheime im Saarland und in Rheinland-Pfalz zu eigen. Dabei ging es um einen Aktionstag, mit dem die Heime auf unzureichende Rahmenbedingungen für ihre Arbeit hinweisen wollten. Ganz bewusst war dafür Montag, der 13. Juli, gewählt worden. An der Aktion beteiligte sich auch das Caritas-Seniorenzentrum "Haus am See" in Neunkirchen/Nahe. Mit dem Nohfelder Bürgermeister Andreas Veit und den beiden Beauftragten für Senioren und Behinderte, Siegmar Fritsch und Herbert Meier, hatte das Haus mehrere Stunden lang prominente Helfer bei der Pflege der Hausbewohner. Am Nachmittag wurde über die dabei gemachten Erfahrungen gesprochen. Fritsch: "Die psychischen Belastungen des Personals sind hoch. Die Berufung zu einer solchen Tätigkeit muss man haben. Aber das allein reicht nicht." Bürgermeister Veit hat bemerkt, dass sich jeder Bewohner freut, wenn ihm mehr Zuwendung geschenkt wird: "Es müssten Lösungen gefunden werden, damit das Personal dafür auch Zeit hat." Und Meier sagt: "Ich hatte Gelegenheit, mit Bewohnern, die unter der knappen Zeit des Personals leiden, vor das Haus zu gehen. Es müssten sich mehr Bürger finden, die Besuche machen und die zwischenmenschlichen Beziehungen pflegen." Hausleiterin Steffi Gebel weiß um die knappe Zeit ihres Personals. Mit den 19 Vollzeitkräften, die im Jahr 29 260 Stunden leisten, muss sie weitestgehend auskommen. Sie werden über die Sätze der verschiedenen Pflegestufen finanziert. "Die Bedingungen werden aber immer schlechter, die Zeit knapper. Wir befinden uns wie in einem Hamsterkäfig", so die Leiterin. Hilfe könnte ein stärkeres ehrenamtliches Engagement der Bürger bringen, das unter dem Motto "Zeit verschenken an Menschen" stehen könnte. Bei dem Gesprächskreis kamen auch Heimbewohner zu Wort. Hier ein paar Stimmen: "Das Personal kennt die Bewohner, das merkt man deutlich." - "Hier im Haus wird viel für die Leute gemacht." - "Was die Schwestern tun, ist Schwerstarbeit, die besser bezahlt werden sollte." - "Geld für die Pflege ist da, nur der Schlüssel stimmt nicht." St. Wendel. "Mehr Zeit für Menschen." Das ist kein nur so dahergesagtes Schlagwort. Es ist ein dringendes Bedürfnis, gerade für die Menschen in der Altenpflege. Wo man aber hinhört, heißt es nur: Die Zeit ist knapp, sie reicht gerade dazu, die körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen. In der Stiftung Hospital in St. Wendel sprachen gestern Pflegepersonal, Ehrenamtliche und Politiker miteinander. Ziel der Aussprache: Was ist gut? Was muss verbessert werden? Wo sind die Grenzen gezogen?Einleitend stellte der Leiter der Altenhilfe, Engelbert Schreiner, fest: "Es wird nicht leichter, weder finanziell, noch personell, noch mit der Bürokratie." Die saarländische Landtagsabgeordnete Nadine Müller, die das Pflegepersonal an diesem Tag einige Stunden unterstützt hatte, sprach von vielen guten Erfahrungen, zum Beispiel davon, dass sich die Schwestern trotz knapper Zeit liebevoll um die Bewohner kümmern. "Mehr Fachkräfte wären jedoch dringend notwendig." Marianne Manz hat ebenfalls gute Erfahrungen gemacht: "Meine Mutter war hier, ich fand die Pflege gut." Ebenso hielt die Bewohnerin Ruth Denne viel Lob bereit: "Ich bin über zwei Jahre hier und sehr zufrieden." Minister Karl Rauber, der Chef der saarländischen Staatskanzlei, sprach sich dafür aus, stärker für Ehrenamtliche und Jugendliche zu werben, damit personelle Engpässe überwunden werden können und den Bewohnern mehr Zeit geschenkt werden kann. Die Bürokratie wurde einhellig als echter "Zeitfresser" verurteilt. Altenpflegerin Katrin Bost: "Es gibt immer viel Schriftliches, nie darf man vergessen, etwas einzutragen." Kollegin Angelika Gerharth: "Ich bin über 30 Jahre im Beruf. Die Bürokratie hat immer nur zugenommen." Nadine Müller bedauerte: "Das Problem ist uns bekannt, aber bis jetzt nicht gelöst. Die qualitativen Anforderungen werden höher und damit leider auch die Nachweise immer intensiver."Nikolaus Schwan, seit vielen Jahren ehrenamtlicher Betreuer in der Altenpflege, hatte etwas anderes auf dem Herzen: "Fahren Sie mal mit dem Rollstuhl vom Hospital zum Schlossplatz. Das ist kaum zu schaffen. Eine Fahrspur mit Platten wäre dringend notwendig. Der Bürgermeister weiß das auch." Engelbert Schreiner kam auf die Ausbildung von jungen Leuten als Altenpfleger zu sprechen. "Je mehr wir ausbilden, umso teurer wird alles. Wir brauchten wieder den gemeinsamen Topf, den wir schon mal hatten und in den alle Einrichtungen etwas zahlen müssen." Der Direktor der Stiftung, Karl Kasper, zitierte in seiner Schlussansprache aus einem kürzlich gehaltenen Vortrag: "Die Gesellschaft muss die Menschen in den Seniorenheimen ganz anders wahrnehmen, als sie das jetzt tut." gtr

HintergrundMit dem Aktionstag "Jetzt schlägt's 13" am gestrigen 13. Juli wollten die katholischen Seniorenheime auf die unzureichenden Rahmenbedingungen hinweisen. Ihre Meinung dazu: Die Anforderungen steigen, aber die Krankenkassen und Sozialhilfeträger schnüren den finanziellen Rahmen immer enger. Ihre Forderungen: Die einseitige Beachtung der körperlichen Bedürfnisse muss überwunden werden. Gute Pflege braucht motivierte Pflegekräfte. Die Bürokratie muss auf das notwendige Maß begrenzt werden. So bekommen die Pflegekräfte mehr Zeit, sich den alten Menschen zuzuwenden. Seniorenheime leisten für die Gesellschaft einen wichtigen Beitrag. Das verdient (mehr) Anerkennung. Heime müssen mehr unterstützt werden. gtr