Zu Gast bei Freunden im Reich der Mitte

Zu Gast bei Freunden im Reich der Mitte

Wadern/Fuzhou. Donnerstagmorgen, langsam rollt der Zug in den verregneten Bahnhof in Türkismühle. Endlich ist es soweit, unsere Reise nach China beginnt! Über ein halbes Jahr lang haben wir uns auf dieses Abenteuer vorbereitet. Begleitet haben uns Frau Bernd und Frau Ehring

Wadern/Fuzhou. Donnerstagmorgen, langsam rollt der Zug in den verregneten Bahnhof in Türkismühle. Endlich ist es soweit, unsere Reise nach China beginnt! Über ein halbes Jahr lang haben wir uns auf dieses Abenteuer vorbereitet. Begleitet haben uns Frau Bernd und Frau Ehring. So langsam packt uns die Aufregung: Was wird uns erwarten in dem fremden Land? Wie leben unsere Gastschüler, wie werden die Familien sein? Fragen über Fragen, die unsere Neugierde anheizen. Die Türen öffnen sich, jetzt heißt es die Koffer von zehn Schülerinnen, zwei Schülern und zwei Lehrerinnen in den Zug zu befördern. Zwei Stunden haben wir nun vor uns auf dem Weg nach Frankfurt. Um die Mittagszeit geht der Flieger, der uns erst nach Hongkong bringt, von wo wir dann zu unserem Ziel Fuzhou weiterfliegen. Die Triebwerke heulen auf, wir werden in die Sitze gepresst, als die Boing 747 der Cathay Pacific Fahrt aufnimmt. Zwölf Stunden Flug liegen nun vor uns, bevor wir erstmals chinesischen Boden betreten können. Während wir durch die Nacht rauschen, gleiten unter uns die Alpen, das Schwarze Meer, Kasachstan, Tibet und das Himalaya-Gebirge dahin. Die Türen des Busses öffneten sich und da sind sie! Lin Yangrui, Lou Yanqing, Lin Yu, Chen Qinghong, Lai Xujia, Guo Jingyu, Zhuang Ying, Lin Yukai, Zhang Huihui, Lai Xingjian, Wu Xiwen fallen uns jubelnd um den Hals. Ist das eine Freude! Die Fahrt vom Flughafen in Fuzhou hat nicht lange gedauert. Dort haben uns nach über 19 Stunden Reise die chinesischen Lehrer Mr. Wang Dong und Mr. Hu Bing in Empfang genommen. Beide hatten wir ja schon in Deutschland kennen gelernt. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt uns nicht, da wir sofort von dem Schulleiter Mr. Li mit ein paar freundlichen Worten begrüßt werden. Anschließend führt man uns voller Stolz durch die riesige, modern ausgestattete Schule. Wir sind sehr beeindruckt von den Einrichtungen. Abends sehen wir dann zum ersten Mal unsere Gastfamilien, die uns ebenfalls sehr herzlich willkommen heißen. 6.15 Uhr, der Wecker schrillt durch die nicht mehr dunkle Nacht. Hier geht die Sonne viel früher auf als bei uns daheim, und die Matratzen sind um einiges härter als bei uns. Noch müde von der langen Reise, starten wir in die erste aufregende Woche. Eine kurze Einführung in die chinesische Kultur geben uns die chinesischen Lehrer. In einer Kunststunde lernen wir auf Reispapier chinesische Lotusblüten zu malen, wir spielen ein traditionelles Saiteninstrument, tanzen einen mongolischen Tanz und lernen ein paar einfache chinesische Schriftzeichen. Außerdem sehen wir uns einige Unterrichtsstunden unserer Austauschschüler an. Bis auf die hohe Schülerzahl von rund fünfzig Schülern pro Klasse unterscheidet sich der Unterricht nicht wesentlich von unserem.Mit einem kleinen Bus besichtigen wir Deutsche auch die Sehenswürdigkeiten von Fuzhou, den "West Lake", einen wunderschönen See mit dazugehörigem Park, eine große Tempelanlage, das "Große Tor" von Fuzhou und das Haus des in der Kaiserzeit berühmten Kämpfers gegen das Opiumproblem der chinesischen Bevölkerung: Lin Zehu. Unsere Gastfamilien nutzen die Wochenenden, um mit uns Ausflüge zu unternehmen. Viele von uns fahren an das nicht weit entfernte Meer oder besuchten verschiedene Museen, unter anderem das Jadesteinmuseum der Provinz. Mit am aufregendsten ist aber das große Sportfest der Junior und Senior Middle School, an dem wir von der Ehrentribüne aus teilhaben dürfen. Ein Aspekt dieser fremden Kultur muss hier besonders erwähnt werden: das Essen. Teilweise ist es gewöhnungsbedürftiger, als wir es uns vorgestellt hatten. Fuzhou befindet sich in unmittelbarer Nähe des Gelben Meeres. Ein Großteil der Nahrung besteht daher aus Meeresfrüchten und Fischen. Für uns sind die Muscheln, Tintenfische, Seegurken und anderes Meeresgetier zum Abendessen doch etwas fremd. Aber nachdem wir unsere erste Scheu überwunden haben, probieren wir alles und müssen zu unserer Überraschung feststellen, dass vieles sogar sehr gut schmeckt. Um auch den anderen chinesischen Schülern einen kleinen Einblick in das Leben der Deutschen zu ermöglichen, veranstalten wir eine "Kulturpräsentation", bei der viele chinesische Schüler interessiert zuhören. Wir erzählen ihnen über das Essen, die Feste, Feiertage und Bräuche in Deutschland. Was uns selber überrascht, ist das große Interesse der Chinesen für die deutsche Kultur und das Land. Auf dem ganzen Schulgelände ist immer ein großes Hallo, wenn wir auftauchen. Die Schüler wollen Fotos mit uns machen, unsere E-Mail-Adressen aufschreiben, einige haben sich sogar Fragen aufgeschrieben, die sie uns unbedingt stellen wollen. Zuerst können wir damit nicht so richtig umgehen. Aber mit der Zeit gewöhnen wir uns daran. So begleitet uns auch ständig der Schulfotograf Mr. Lu, um möglichst viele Bilder von uns zu machen. Das besondere Highlight zum Abschluss unseres einwöchigen Aufenthaltes in Fuzhou ist der Abschiedsabend in einem Fünf-Sterne-Hotel. Zu Beginn der Feier zeigen alle Schüler ein paar Fotos von der vergangenen Woche und erzählen von ihren Erlebnissen. Außerdem werden eine Menge Geschenke von Deutschen für Chinesen und umgekehrt verteilt. Leider müssen wir uns am nächsten Tag wahrscheinlich für immer voneinander verabschieden. Die Familien haben sich alle so fürsorglich um uns gekümmert, und unsere Austauschpartner sind uns ans Herz gewachsen, so dass wir unter Tränen in den Bus zum Flughafen steigen. Wir versprechen, in Kontakt zu bleiben, Fotos zu schicken und uns niemals zu vergessen. Die Flughafentüren öffnen sich und da steht unsere Reiseführerin Irene mit Herrn und Frau Ludwig und Herrn Ehring, die zuvor eine Woche lang Shanghai und Umgebung besichtigt haben und die zweite Woche nun mit uns verbringen. Wir sind in Peking, draußen tobt ein Herbststurm. Eine aufregende, aber sichere Landung mit dem Flieger in Peking, nachdem wir knapp zwei Stunden zuvor von Fuzhou Airport aus gestartet sind. Die nächste aufregende Woche liegt vor uns. Nun heißt es, Peking erkunden. Untergebracht sind wir in einem Zwei-Sterne-Youth-Hostel, das aber mindestens ein bis zwei Sterne mehr verdient. Den Rest des ersten Tages in Peking verbringen wir damit, auszupacken und auf der Suche nach einem guten Restaurant durch die Stadt zu streifen. Das Essen in Peking ist schon anders. Weniger Fisch und Meeresfrüchte und eher das, was man aus einem deutschen China-Restaurant kennt. Für diejenigen, die Europa endgültig hinter sich gelassen haben, bietet Frau Bernd ein Frühstück in einer Garküche um die Ecke an. Die Zeit in Peking wird eine lustige, spannende und wunderschöne. Wir sehen den Himmelstempel, die Kaiserlichen Akademien, die Verbotene Stadt, eine chinesische Seidenfabrik, den Panda-Zoo, den Olympiapark mit dem Vogelnest (das große Stadion), den Platz des Himmlischen Friedens und den Sommerpalast. Wir kaufen ein ganzes Extrahand-Gepäckstück voll Souvenirs. Abends gehen wir dann immer zusammen in chinesische Restaurants, die unsere erwachsenen Begleiter zusammen ausgesucht haben. Es ist auch ein so genanntes "Hot Pot Restaurant" dabei, wo jeder Gast einen Topf mit kochender Brühe bekommt und sich dann selbst die fertig geschnittenen und gewürzten Fleisch- und Gemüsestücke, Nudeln und Fisch kochen kann. Eine ähnliche Idee haben die Besitzer des koreanisch-japanischen Designer-Restaurants "Kagen", in dem man alles selbst grillen kann. Auch eine Rikscha-Fahrt durch einen Hutong, ein Altstadtviertel von Peking, machen wir mit. Ein besonderes Erlebnis ist der Ausflug zur Chinesischen Mauer. Dort verbringen wir einen halben Tag. Nach zwei Stunden Fahrt in dem Bus sehen wir die Seilbahn, die uns ohne große Anstrengung hoch zur Mauer schaukeln soll. Dort oben genießen wir zunächst die Aussicht, und nach einigen Gruppenfotos haben wir zwei Stunden Zeit, etwas spazieren zu gehen oder uns zu sonnen, Fotos zu machen und auszuruhen. Am Nachmittag geht es dann wieder zurück.Die nächsten Tage haben wir dann keinen eigenen Bus, wir fahren mit der U-Bahn und Linienbussen, die sehr preiswert sind. Trotzdem sind wir alle abends erschöpft, nach so vielen Kilometern zu Fuß jeden Tag. Es ist ein großer Vorteil, eine eigene Führerin zu haben, die die Ausflüge organisiert. So ergeben sich weder Sprachschwierigkeiten noch kulturell bedingte Missverständnisse und außerdem kann man jederzeit Fragen stellen. Am letzten Abend erleben wir außer dem Abendessen in unserem Lieblingsrestaurant noch einen kulinarischen Höhepunkt: Herr Ehring, der Mann unserer Lehrerin, hat auf dem Markt in der Innenstadt einen Spieß gerösteter Seidenraupenlarven gekauft. Obwohl viele von uns gerne probiert hätten, reicht es nur für vier, aber auch das Beobachten der Gesichtsausdrücke der "Vorkoster" machte reichlich genug Spaß.Leider ist nun diese aufregende Reise zu Ende und der letzte Abend vergeht mit Kofferpacken, Schwatzen, Lachen und Vorfreude auf zu Hause. Aber am nächsten Morgen sind doch alle traurig, jetzt wieder ins Flugzeug steigen zu müssen und Irene und dieses abenteuerliche Land zurückzulassen. Da alle erschöpft sind, verlaufen die Flüge von Peking nach Hongkong und von dort nach Frankfurt ruhig. Am Bahnhof in Türkismühle werden dann alle von ihren Familien in Empfang genommen, ein letztes Gruppenfoto geschossen und dann trennen wir uns. Eine unvergleichliche Reise in eine uns jetzt nicht mehr fremde Kultur ist zu Ende, wir alle sind um viele wertvolle und interessante Erfahrungen reicher geworden. Durch die Woche in den Familien wurden uns nicht nur die Sehenswürdigkeiten dieses wunderschönen Landes, sondern auch das alltägliche Leben, die Gebräuche und Sitten und die Einstellung dieser Menschen näher gebracht. Wir sind froh, diese Reise gemacht zu haben. Das Reich der Mitte sehen wir nun mit anderen Augen. Das Land und seine Menschen haben uns sehr positiv überrascht und den herzlichen Empfang und die fürsorgliche Gastfreundschaft werden wir bestimmt nie vergessen. Marie-Christine Ludwig, Klasse 10 a "Das Reich der Mitte sehen wir nun mit anderen Augen."Marie-Christine Ludwig, HWG-Schülerin