"Wo bleibt dann de Hiegel?"

Homburg/Neunkirchen. Er wird 70. Kaum zu glauben. Weil er noch ständig unterwegs ist. Von morgens bis abends. Für die SZ. Immer im Dienst. Mit Leidenschaft. Noch immer angespannt, noch immer auf dem Sprung, neugierig und hellhörig. Im Beruf nach wie vor das Beste wollend. All das hat ihn bis heute geprägt. Nicht nur sein prägnantes Äußeres

 Eine SZ-Wanderung (hier am Höcherberg) ohne Fotos von Willi Hiegel ist kaum vorstellbar. Foto: SZ/Hiegel
Eine SZ-Wanderung (hier am Höcherberg) ohne Fotos von Willi Hiegel ist kaum vorstellbar. Foto: SZ/Hiegel
 So kennt man ihn: Willi Hiegel hinter der Kamera.
So kennt man ihn: Willi Hiegel hinter der Kamera.
 Den Wandel dokumentiert: Blick aufs Neunkircher Eisenwerk im Jahr 1975. Fotos: Hiegel
Den Wandel dokumentiert: Blick aufs Neunkircher Eisenwerk im Jahr 1975. Fotos: Hiegel

Homburg/Neunkirchen. Er wird 70. Kaum zu glauben. Weil er noch ständig unterwegs ist. Von morgens bis abends. Für die SZ. Immer im Dienst. Mit Leidenschaft. Noch immer angespannt, noch immer auf dem Sprung, neugierig und hellhörig. Im Beruf nach wie vor das Beste wollend. All das hat ihn bis heute geprägt. Nicht nur sein prägnantes Äußeres. Die nach wie vor schulterlangen Haare sind sein Markenzeichen. Sie sind grau geworden. Eine Lesebrille ist notwendig geworden. Auch hat sich seine Wesensart gewandelt. Der ehedem so Schweigsame und eher in sich Gekehrte ist lauter geworden, nörgeliger, exentrischer, womöglich auch selbstbewusster als früher. Er liebt die Italiener - geht aber nicht immer liebevoll mit ihnen um. Einmal im Jahr flieht er zu ihnen - an die Adria. Ansonsten aber ist ihm der Beruf auch Hobby. Willi Hiegel hat eine ausgeprägte Art aufzutreten. Und das muss er in seinem Beruf, wo jeder glaubt, er könne über ihn verfügen. Es ist nicht immer angenehm, wenn er an einem Abend mehrere Veranstaltungen besuchen muss, die alle zur gleichen Zeit begonnen haben. Und überall heißt es: "Wo bleibt dann de Hiegel?" 70 Lebensjahre hinterlassen ihre Spuren, vor allem aber 36 Jahre im Beruf des Fotojournalisten. Gewaltig waren die Veränderungen im Laufe seines Berufsleben. Vom gelernten Dekorateur in ersten Saarbrücker Häusern zum Fotojournalisten war ein großer Schritt. Der Mut zum Neuanfang barg Risiken. Er hat sie gemeistert. Auch die technischen Veränderungen. Die Dunkelkammer ist nur noch Geschichte, wie Bleisatz und Setzmaschine. Schwarz-Weiß-Fotos sind etwas für Liebhaber. Die Kameras in Willi Hiegels Händen kennen keine Filmrollen mehr. Den Transport frisch entwickelter Fotos ins SZ-Druckhaus nach Saarbrücken hat längst der Computer übernommen. Dunkelkammer oder Computer, Hiegel kennt sich aus. 1974 begann seine Laufbahn als Fotojournalist mit einem verschüchterten Auftritt in der Lokalredaktion Neunkirchen. Er bot seine Dienste an. Der jüngere Redakteur sagte zu dem älteren Kollegen: "Mir hole ne, das werd e Gudda!" Danach begannen 36 Jahre herausragende Arbeit für die SZ. Große Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurden von Willi Hiegel ebenso abgelichtet wie Stadträte und Kleingärtner. Nicht nur im Lokalen war er eingesetzt. Als Bundeskanzler Helmut Kohl in Verdun François Mitterrand die Hand reichte, stand Hiegel in unmittelbarer Nähe. Beim Besuch der Bundespräsidenten im Rathaus war Hiegel ebenso zugegen wie bei Wahlen diverser Oberbürgermeister. Die ersten Babys im Jahr entwickelte er (in der Dunkelkammer) und begleitete dezent manchen Prominenten auf seinem letzten Erdenweg. Willi Hiegel ist die personifizierte Lokalgeschichte der letzten 36 Jahre in Neunkirchen, hat aber auch in der Region Homburg, Bexbach und Kirkel deutliche Spuren hinterlassen - nicht zuletzt wegen zahlreicher Leserwanderungen, wo er Hunderte von Fotos geschossen hat. Wäre der Zeitungsfotograf Willi Hiegel außerhalb seines beruflichen Lebens nicht ein bisschen träge, eine Ausstellung seiner besten Fotos, die oft einen künstlerischen Anspruch erheben, würde große Bewunderung hervorrufen. Geboren wurde Willi Hiegel am 22. Mai 1940 in Sulzbach. Er war das zweite Kind der Eheleute Friedel und August Hiegel. Eine Schwester und ein jüngerer Bruder vervollständigten die Familie, die der Krieg früh um den Vater brachte. 1963 heiratete Hiegel Helga Mörscher, eine Künstlerin, Kunstweberin und Gestalterin. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor, Nana, Nora und Andro. Vor allem Andro hat die Künstlergene seiner Eltern geerbt. Inzwischen ist die Familie um sieben Enkel erweitert worden. Auf die große Familie ist Willi Hiegel nicht wenig stolz. Und dann sind da noch tausend Geschichten, die zu erzählen wären aus dem Leben eines Fotojournalisten, vor allem aber des Willi Hiegel. Von seinen Vorlieben für eine italienische Automarke, fürs Autofahren und für die Architektur, von seiner kritischen Liebe zur Stadt und Region. Willi Hiegel hat sich zu einer der wenigen Persönlichkeiten entwickelt, die man als originell bezeichnen darf.