Wenn "Gott" Chaos bedeutet

Neunkirchen

Neunkirchen. "Also, so ein blödes Stück! Das ist überhaupt kein Stück! Wenn ich ins Theater gehe, dann will ich ein Stück sehen, das einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat! Ich gehe jetzt an die Kasse und verlange meinen Eintritt zurück!" Wütend verlässt Martin Sieren am Samstagabend die Stummsche Reithalle und damit die Premiere von "Gott", des neuen Stückes des Neunkircher Theaterensembles "Die Kulisse", im Original von Woody Allen. Das Publikum begleitet den filmreifen Abgang des einzelnen Herrn mit Applaus.Ein Eklat zur Premiere? Was hat sich die "Kulisse" da erlaubt? Dabei fing doch alles so nett an: Quzo zur Begrüßung, die Bühne zieren antike Säulen, zum Intro erklingt "Griechischer Wein", die Akteure philosophieren in dekorativ gewickelten Leintüchern über die hohe Kunst des Dramas und die Unsterblichkeit der Dramendichter (Robert Piskac als Schriftsteller Hepatitis: "Ich will gegoogelt werden"). So weit, so klassisch. Doch alsbald sprengen diverse Charaktere die Rahmenhandlung um die beiden alten Griechen Hepatitis und Diabetes (Rouven Bitz), die den Athener Dramenwettbewerb gewinnen wollen, denen aber leider kein Schluss für ihr Stück einfallen will. Da taucht Lorenzo Miller (Sascha C. Ferdinand) auf, der behauptet, er habe das ganze Publikum nur erfunden. Inklusive des empörten Herrn, dem er ein böses Ende voraussagt: "Er wird hinterher Schuldgefühle haben und sich erschießen" - und peng, knallt ein Schuss aus der Kulisse. Woody Allen - Dietmar Feiock in nahezu perfekter Imitation des Autors von der linkischen Haltung bis zur Hornbrille - ruft an, und eine junge Dame, die sich als Doris Levine aus "uff der Hangard" vorstellt, will mitspielen. Spätestens da wird klar: "Gott" ist das Chaos. Und der Zuschauer, der verstehen will, fühlt sich wie Sisyphos, als der Stein wieder den Berg hinunterkullert. Kaum glaubt man, den roten (Handlungs-) Faden erwischt zu haben, ist er auch schon wieder fort. Verzweifelte SucheDoch halt: "Wie jede gute Komödie liefert auch Gott einen dramatischen Hintergrund", lässt Regisseur Markus Müller auf dem Programmblatt verlauten: "Alle Aktiven des Geschehens sind nämlich verzweifelt auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens, für die einen ist es Gott oder das Theater, für die anderen Sex oder Alkohol. Und diese Sinnsuche treibt sie zur Freude der Zuschauer immer wieder und immer mehr in absurde Situationen." Dieser "Message" (Botschaft) ist es zu verdanken, dass das absurde Theater nicht zur Comedy wird. Und die Schauspieler der Kulisse verkörpern ihre exzentrischen Charaktere mit solcher Spielfreude, dass man ihnen auch einen Versprecher gerne verzeiht: Rouven Bitz als schwarz gelockter Held und Sklave Diabetes, der letztlich sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Christina Krämer glänzt als blonde Sexbombe Doris Levine, die nach dem Motto lebt: "Ich fühle, also bin ich", und auch als fiktive Gestalt wenigstens einen Orgasmus erleben will. Isaak Jacobi, der als junger Gott Zeus die Rettung bringen soll. Dass die "Deus-ex-machina"-Mikrowelle von Trichinosis (Gabriel Schneider als Nervensäge zwischen Genie und Wahnsinn) Gott leider ins Jenseits befördert, ist halt Pech. Und noch eine Botschaft: "Gott ist tot. Sieh zu, wie du selber klarkommst. Doris Levine kann ihren Orgasmus erleben. Wenn sie will." Also alles sinnlos? Nun: ja. Aber Spaß gemacht hat's schon.

Auf einen BlickAm Sonntag, 7. Dezember, führt die Kulisse ab19 Uhr das Stück "Gott" von Woody Allen in der Stummschen Reithalle in Neunkirchen erneut auf. Karten acht Euro unter Tickethotline, Telefon (0681) 5 8822222, NVG (Lindenallee); Abendkasse zehn Euro. red

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