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Wenn der Buchhalter zum Henker wird

Wenn der Buchhalter zum Henker wird

Saarbrücken. Wenn der Henker die Bühne betritt, richten sich alle Blicke auf ihn. Mit nacktem, goldgepuderten Oberkörper steht der Hüne da, der Chor fällt vor Angst auf die Knie. Im normalen Leben macht Peter Flöth eher einen gutmütigen denn angsteinflößenden Eindruck

Saarbrücken. Wenn der Henker die Bühne betritt, richten sich alle Blicke auf ihn. Mit nacktem, goldgepuderten Oberkörper steht der Hüne da, der Chor fällt vor Angst auf die Knie. Im normalen Leben macht Peter Flöth eher einen gutmütigen denn angsteinflößenden Eindruck. Wenn er nicht gerade einen Auftritt als Statist im Staatstheater hat, arbeitet er als leitender Buchhalter in einem Unternehmen. Wen wundert es da, dass er auch seine Statistentätigkeit genauestens dokumentiert und sämtliche Produktionen samt Zahl der Vorstellungen tabellarisch erfasst?Die Zwischenbilanz präsentiert Peter Flöth nicht ohne Stolz: Während seiner 30-jährigen Nebentätigkeit als Statist brachte er es bis heute auf 1007 Vorstellungen. Der Rekord, den es zu knacken gilt, liegt bei 2000 Vorstellungen. "Auf diese Zahl kam Gerhard Scherer, der viele Jahr Statist am Staatstheater war und in den 1980er Jahren gestorben ist", erzählt Flöth. Ihm wurde seine Liebe zum Theater in die Wiege gelegt: "Meine Eltern, Jakob Flöth und Gerda Ernst, waren beide Schauspieler hier am Theater. Meine Mutter arbeitete zunächst als Souffleuse. Als Kind saß ich oft stundenlang im Souffleurkasten auf ihrem Schoß." Mit zehn Jahren stand Peter Flöth zum ersten Mal selbst auf der Bühne. "In Pippi Langstrumpf habe ich einen schwarzen Jungen gespielt, mein Vater war der Kapitän, meine Mutter spielte eine Eingeborene. Es war ein tolles Gefühl." Doch so groß die Sehnsucht nach der Bühne auch war, am Ende siegte die Vernunft. "Schauspielerei ist eine brotlose Zunft", sagt Peter Flöth, der sich noch gut daran erinnert, mit wie wenig Geld die Familie auskommen musste. So lernte er lieber "etwas Ordentliches" und frönt der Schauspielerei als Hobby. Da er sich seine Zeit im Beruf relativ frei einteilen könne, lasse sich Broterwerb und Theater gut miteinander verbinden. "Für viele Berufstätige ist das ein Problem", weiß Andreas Tangermann, Leiter der Statisterie des Staatstheaters. Denn die Proben sind nicht nur für die hauptberuflichen Schauspieler, sondern auch für die Statisten verbindlich und dauern in der Regel von 10 bis 14 und von 18 bis 22 Uhr.

Für einen vollen Terminkalender sorgen neben den mehrwöchigen Probephasen auch die Vorstellungen, deren Zahl von Produktion zu Produktion schwankt. "Wer als Statist am Theater mitwirken will, muss zeitlich flexibel und absolut zuverlässig sein", betont Tangermann. Seinen Lebensunterhalt könne man mit Statistenrollen nicht bestreiten. Als Aufwandsentschädigung gibt es pro dreistündige Probe 10,50 Euro, für eine Vorstellung werden je nach Anforderung 18 bis 50 Euro gezahlt. "Man sollte es aus Spaß an der Sache machen", findet Andreas Tangermann.

Was von den Statisten verlangt wird, hängt von der Produktion ab. "Mal werden die Statisten nach rein optischen Kriterien ausgesucht, mal werden Leute gesucht, die beispielsweise singen oder tanzen können", erzählt Tangermann. Von den Regisseuren bekommt der Leiter der Statisterie eine "Wunschliste" mit den Anforderungen, die die Statisten für eine bestimmte Produktion erfüllen sollen. "Dann schaue ich zunächst, ob es bei unseren Stamm-Statisten passende Personen gibt", berichtet Tangermann. Rund 50 Männer, 100 Frauen und viele Kinder hat er in seiner Kartei. Die Jüngsten sind sechs, der Älteste ist 73 Jahre alt. Findet sich bei den Stamm-Statisten niemand, der für eine bestimmte Rolle in Frage kommt, wird über die Presse ein Aufruf gestartet. Dann folgt das Casting, bei dem die am besten passenden Personen ausgewählt werden. Zwar sind Statisten keine ausgebildeten Schauspieler, sondern theaterinteressierte Laien. Doch ihre Bedeutung für das Stück sei nicht zu unterschätzen, betont Peter Flöth: "Als Statist hat man nur einen Auftritt. Aber der muss sehr präzise und auf den Punkt gebracht werden." Sagt's und verschwindet in der Maske, um sich von Maskenbildnerin Bianca Jungfleisch vom Buchhalter Peter Flöth in den Henker Pu Tin Pao verwandeln zu lassen.

Hintergrund

Wer als Statist an Produktionen des Saarländischen Staatstheaters mitwirken will, sollte älter als sechs Jahre, zeitlich flexibel und zuverlässig sein. Den Fragebogen für Bewerber und weitere Infos gibt es bei Andreas Tangermann, dem Leiter der Statisterie, unter Tel. (06 81) 3 09 22 29 oder per Mail: tangermanna@theater-saarbruecken.de. rae