1. Saarland
  2. St. Wendel
  3. Nohfelden

Rollstuhltest im öffentlichen Raum

Rollstuhltest im öffentlichen Raum

Türkismühle. Erst wenn man als Gesunder selbst einmal in einem Rollstuhl gesessen hat, kann man sich in die Situation behinderter Menschen hineindenken. Diese Erfahrung machten jetzt Türkismühler Gesamtschüler. "Für mich war das ganz komisch", berichtete Jan-Niklas Rimpel. "Ich war ängstlich und merkte schnell, dass ich nicht überall hinkam, wo ich hin wollte

Türkismühle. Erst wenn man als Gesunder selbst einmal in einem Rollstuhl gesessen hat, kann man sich in die Situation behinderter Menschen hineindenken. Diese Erfahrung machten jetzt Türkismühler Gesamtschüler. "Für mich war das ganz komisch", berichtete Jan-Niklas Rimpel. "Ich war ängstlich und merkte schnell, dass ich nicht überall hinkam, wo ich hin wollte." Und nach einer kleinen Pause fügte der Junge nachdenklich hinzu: "Ich habe jetzt viel mehr Verständnis für Behinderte." So wie Jan-Niklas ging es auch allen anderen Jungen und Mädchen der Klasse 6b. In drei Orten - in Türkismühle, Nohfelden und Gonnesweiler - wollten sie über einen größeren Zeitraum hinweg einmal einen Rollstuhl-Barrieretest machen. Zusammen mit den Klassenlehrern Annette Fischer und Werner Pack entwarfen sie vorher einen Bewertungsbogen, mit dem sie sich an vielen Tagen auf Tour machten. Getestet wurden öffentliche Gebäude, aber auch Geschäfte, Gaststätten, Apotheken und Banken. So mancher Test verlief positiv, das heißt, behinderte Menschen sind in ihrem Rollsstuhl nicht überall in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Ab und zu erlebten die Jungen und Mädchen aber auch ihr "blaues Wunder". In Gonnesweiler zum Beispiel gibt es viele schmale Bürgersteige, die oft noch ganz schräg sind und in denen der Rollstuhl nicht die Spur halten kann. Größtes Ärgernis in Türkismühle war für sie der Bahnhof. Die Eingangstür lässt sich nur schwer öffnen, den Fahrkartenautomat kann ein Behinderter kaum bedienen und zu den Gleisen 2 und 3 müssen 62 Treppenstufen überwunden werden. Im Nohfelder Rathaus gibt es keinen Aufzug in den ersten Stock und die Behindertentoilette ist viel zu eng. Viele Geschäfte haben Treppenstufen, die ohne Hilfe nicht überwunden werden können. "In Gonnesweiler wurde dem ,Behinderten' ein kostenloser Haarschnitt angeboten", erzählte Lehrerin Annette Fischer und pickte auch ein paar der erfreulichen Dinge aus ihrem Erfahrungsbericht heraus. "Und in Türkismühle räumte die Eiscafé-Besitzerin das halbe Lokal um, damit der Rollstuhlfahrer zur Toilette konnte." Unerfreuliche Begegnungen habe es dagegen beim Dienstpersonal der Bahn und der Polizei gegeben. Kürzlich präsentierten die 25 Schüler ihre Erfahrungen mit Fotos und Texten auf Tafeln im Rathaus Bürgermeister Andreas Veit. Dabei legten sie ihre Gedanken und Gefühle ganz offen dar: "Ich hätte nicht gedacht, dass einem nach kurzer Zeit so kalt wird und die Füße einschlafen." Oder: "Ständig wird man beobachtet wie ein bunter Hund." Und: "Ich ärgerte mich über die vielen mitleidvollen Blicke." Eine Schülerin versicherte: "Vorher habe ich Behinderten gerne helfen wollen, wusste aber nicht, wo sie Probleme haben. Jetzt weiß ich es." Bürgermeister Veit hörte sich die Berichte der Kinder aufmerksam an und diskutierte mit ihnen einige Verbesserungsvorschläge. Lehrerin Annette Fischer sprach von einem gelungenen Projekt ihrer Schule. "Barrieren für Behinderte gibt es überall", sagte sie im Gespräch mit der SZ. "Nicht immer sollte man gleich nach den Behörden rufen. Jeder kann bei sich selbst anfangen, hilfsbereiter und offener sein für die Situation behinderter Menschen. Und außerdem: auch in den Köpfen der Gesunden gibt es noch viele Barrieren gegenüber den Behinderten." gtr

Auf einen BlickZehn Kinderrollstühle stellte das Sanitätshaus Knapp aus St. Wendel kostenlos zur Verfügung. Den Transport übernahm der Malteser-Hilfsdienst Neunkirchen/Nahe und die Lebenshilfe St. Wendel. Begleitet wurde die Aktion von Herbert Meier, Behindertenbeauftragter der Gemeinde. gtr