Raus aus der Mobbingfalle

Mehrere Bücher über Mobbing hat der leitende Psychologe der Klinik in Berus, Dr. Josef Schwickerath, bereits geschrieben: für Fachleute. Jetzt hat er einen Ratgeber vorgestellt, der Betroffenen direkt Orientierung geben soll. Erstmals stellte Schwickerath dieses Buch in Siersburg vor.

3000 Mobbing-Patienten hat der Psychologe Josef Schwickerath seit 1999 bei seiner Tätigkeit in der AHG-Klinik Berus kennen gelernt. Aus der Erfahrung schöpfte er für mehrere Fachbücher und jetzt für einen Ratgeber zum Thema Mobbing.

Zwei Drittel der Mobbing-Patienten seien weiblich, ein Drittel männlich, unterstrich er. Typische Altersgruppen: zwischen 50 und 60 und zwischen 20 und 25. Männer allerdings neigten deutlich dazu, nicht über solche Dinge zu reden und Hilfe zu suchen.

Ein, zwei Wochen vom Chef geschnitten zu werden, ist kein Mobbing. Schwickerath: "Davon spricht man, wenn über lange Zeit, wenigstens sechs Monate, ein Mitarbeiter schikaniert wird, mit dem Ziel, diesen dann unterlegenen Kollegen auszugrenzen." Die gesamte Kommunikation am Arbeitsplatz sei durch Konflikte belastet. Schikane Nummer eins sei das Gerücht, laut Untersuchungen ganz besonders in Deutschland. "Sich am Verbreiten von Gerüchten und Tratsch über Abwesende nicht zu beteiligen, sich an Intrigen nicht zu beteiligen," sei ein wichtiges Mittel gegen Mobbing, sagte Schwickerath. "Sehr wichtig, aber sehr schwer."

Hintergrund für Mobbing ist laut Schwickerath eine Arbeitswelt mit in jeder Hinsicht erhöhter Leistungsverdichtung. Diese Verdichtung - etwa in erhöhter Kommunikation - wirke sich grundsätzlich auch auf die Gesundheit der Beschäftigten aus. Dabei werde, sagte Schwickerath, Gesundheit so erfasst: Der Mensch braucht genügend Ressourcen - eigene Fähigkeiten, Freunde -, um Anforderungen zu erfüllen: Anforderungen von außen, Anforderungen, die jemand an sich selbst stellt. Werden die Anforderungen auf längere Dauer nicht erfüllt, entstehe Stress. "Ein Mangel an Bedürfnisbefriedigung macht krank." Ein Dreieck soll helfen, ein Gefühl zu bekommen für die eigene Situation: Die Eckpunkte sind Wollen, Sollen und Können. Zwischen Wollen und Sollen geht es um Identifikation, zwischen Wollen und Können um Motivation, zwischen Sollen und Können um Eignung.

Verschiebt sich das Gewicht zum Beispiel vom Können ganz zum Wollen, besteht die Gefahr eines Burn-out. Schwickerath: "Wenn alles zu viel wird, der Mensch völlig erschöpft ist."

Alle diese Faktoren spielen auch bei Mobbing eine Rolle. Kollegen, oft unter Druck, oder angesichts von Veränderungen, die nicht ausreichend begleitet wurden, reagieren ihren Frust an Sündenböcken ab. Als Ziel von Mobbing erhöht gefährdet seien dann Kolleginnen und Kollegen, die von sich sagten, die Arbeit sei ihr Lebensinhalt. Die schlecht Nein sagen und sich nicht abgrenzen könnten.

Schwickerath hat als Therapeut keinen großen Befreiungsschlag gegen Mobbing parat. Vortrag wie Buch zeigen dafür einen Weg über viele kleine verhaltenstherapeutische Prozesse auf. Sie gliedern sich in vier Schritte aus der "Mobbingfalle". Wesentlich dabei: loslassen von der Arbeit. "Eine Frage hilft dem Patienten ein Stück weiter: Was will ich in meinem Leben noch tun?"

Justizminister Reinhold Jost, der durch das Gespräch führte, fasste es so zusammen: Wenn da nicht genau hingesehen werde in der Arbeitswelt, habe das katastrophale Folgen für Einzelne.

Josef Schwickerath, Mobbing erfolgreich bewältigen. In vier Schritten aus der Mobbingfalle. Beltz-Verlag, 168 Seiten, 19,95 Euro.