Rathaus wird von echten Kindsköpfen regiert

Rathaus wird von echten Kindsköpfen regiert

Alles Reimen und Reden half Bürgermeister Martin Speicher nichts: Beim Kinder-Rathaussturm in Püttlingen eroberten gestern Kita- und Grundschulkinder den Amtssitz des Verwaltungschefs.

Humba-Humba-Tätärä: In Püttlingen regieren jetzt die Bunten. Das sind, wie wir vor Ort recherchierten, zumeist Ü-Drei- und U-Zehnjährige. Die jungen Revolutionäre wurden aus den Grundschulen und Kitas rekrutiert. Die Amtsübernahme fand gestern um 11.11 Uhr statt. Das Püttlinger Rathaus hatte sich, wie zahlreiche Augenzeugen bestätigen können, zu dieser Uhrzeit bereits in ein wahres Bilderbuchgebäude verwandelt - mit üppigen Luftballontrauben an Fenstern und Geländern, schnieken Bleistiftsoldaten vor dem Eingangstor, mit musikalischer Beschallung und bunt kostümierten Bediensteten.

Martin Speicher, der bis gestern die Kleinstadt am Köllerbach regierte, versuchte vergeblich, die Fäden in der Hand zu halten. Als er sich in Goldweste und schwarzem Zylinder oben auf dem Balkon zeigte, war seine Amtsenthebung schon beschlossene Sache. Eine Etage tiefer standen bereits Thronsitze mit roten Hussen und Kronenschmuck bereit. Da nutzte Speicher auch die in europäischen Königshäusern übliche Balkon-Pose nichts. Kita-Prinzessin Joy I. und Kita-Prinz Danilo I. hatten schon die Treppe zum Regierungssitz erklommen. Mit vollem Tross - mit Ritter, Hofnarr und zwei Hofdamen - waren sie von der Kita am Schlösschen herbei geeilt.

Ihre Grundschul-Tollitäten Pasacal I. in grünem Samtanzug und Prinzessin Alina I. mit Krönchen und besticktem Kleid waren bestens auf ihr neues Amt vorbereitet. Alina (10) aus der 4.1 der Pater-Eberschweiler-Schule hatte, wie sie der Presse verriet, freiwillig für das blaublütige Amt kandidiert und war einstimmig zur Prinzessin gekürt worden. Prinz Pascal (neun) aus der Parallelklasse hatte sich gegen drei weitere Anwärter behaupten müssen.

"Wir werden dich in die Knie zwingen, wenn es sein muss mit schunkeln, lachen und singen", schmetterten sie dem Zylindermann auf dem Balkon entgegen. Und sie machten ihre Drohungen wahr. Nicht nur das: Als weitere Druckmittel wurden Spiel und Tanz eingesetzt.

Schulkinder von der Ritterstraße, der Tanznachwuchs des TV Köllerbach, Kinder von der Kita Berg, sogar eine Kindergruppe aus Saargemünd tanzten ebenfalls an. Die Kinderrevolution muss geraume Zeit vorbereitet gewesen sein: In dem Getümmel konnte man eine Reihe von erwachsenen Helfershelfern ausmachen. Erzieherinnen und Lehrer hatten sich als Schlümpfe, Hippiefrauen und edle Ritter getarnt. Andere hatten Bären- und Hasenfelle übergestreift. Bei dem eleganten Piraten mit den Rastalocken, der als einer der Haupträdelsführer bei der Rathauserstürmung agierte, soll es sich sogar, wie aus eingeweihten Kreisen durchsickerte, um den Rektor der Pater-Eberschweiler-Schule gehandelt haben. Auch an dem riesigen Rathausschlüssel konnte man ablesen, dass der Amtswechsel in Püttlingen von langer Hand vorbereitet gewesen sein muss. Die künstlerische Grundklasse von Gerd Hessedenz steckte hinter dem kunterbunten Großraummodell. Auch das Kulturamt soll, so wird gemunkelt, die Hände im Spiel gehabt haben. So hätten schon kistenweise Süßigkeiten und Popcorn für die neuen Regenten und das närrische Jungvolk im Bürgerservicebüro bereit gestanden.