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Phantasie zwischen Kerzen und Fackeln

Phantasie zwischen Kerzen und Fackeln

Neunkirchen. Zweige knacken im Unterholz, Blätter rascheln. Die nächtlichen Besucher suchen in der Dunkelheit ihren Weg die Anhöhe hinauf zu der kleinen, verwitterten Kapelle, die in ein bläuliches Licht getaucht ist. Der kalte Nachtwind rauscht unheilvoll in den Bäumen, zerrt an den Mänteln der Besucher ..

Neunkirchen. Zweige knacken im Unterholz, Blätter rascheln. Die nächtlichen Besucher suchen in der Dunkelheit ihren Weg die Anhöhe hinauf zu der kleinen, verwitterten Kapelle, die in ein bläuliches Licht getaucht ist. Der kalte Nachtwind rauscht unheilvoll in den Bäumen, zerrt an den Mänteln der Besucher ... nein, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Die Nachtluft war allenfalls eine kühle Brise und am Wegesrand loderten Fackeln. Aber der Rahmen für die Fantasy-Nacht zum Auftakt der Neunkircher Literaturtage hätte stimmungsvoller kaum sein können. Mächtige Kerzen warfen flackernde Schatten in der Stummschen Kapelle, die hohen Spitzbogenfenster waren zum Teil mit schwarzen Tüchern verhängt. Die 70 Besucher saßen dicht gedrängt auf Brauereibänken im ehemaligen Andachtsraum und auf der Empore. Die Autoren - Oliver Plaschka, Daniela Knor, Christoph Hardebusch und Michael Siefener - lasen beim Schein einer Sturmlaterne aus ihren Werken. "Für mich macht den Reiz eines guten Fantasy-Buches aus, dass es spannend ist und der Autor darin eine ganze Welt aufbaut. Die muss in sich stimmig sein und bis ins Detail funktionieren", erklärte Markus Walther. Der Apotheker ist selbst begeisterter Fantasy-Leser und hat die Veranstaltung im Auftrag der Kulturgesellschaft konzipiert. Oliver Plaschka erzählte die Geschichte eines skurrilen Einsiedlers, der auf einem Dachboden zwischen Staub und alten Büchern lebt. Doch dann kippt das Bild: "Die Sonne streichelte mein Fell", sagt der Ich-Erzähler - und der Leser/Zuhörer muss seine ursprüngliche Vorstellung des menschenscheuen alten Mannes, der eine unerreichbare Geliebte anbetet und über das Dasein philosophiert, revidieren. Daniela Knor hat in ihrem Roman "Nachtreiter" die phantastische Welt der Steppenreiter erschaffen, die von Dunkelheit und schattenhaften Dämonen bedroht wird. Die Krieger Braninn und Grachann kämpfen darum, das Licht in die Welt zurückzubringen. "Um ein gerütteltes Maß an Phantasie" bat Christoph Hardebusch die Zuhörer vor seinem Vortrag. Nicht ganz zu Unrecht, denn sein Roman "Sturmwelten" spielt in einer imaginären Karibik-Welt: Abenteuer im tropischen Dschungel, Piratenleben auf hoher See und Offiziere, die Seemannsgarn spinnen.Wen es schon bei dem menschlichen Käfer in Kafkas "Verwandlung" gegruselt hat, der sei vor Michael Siefeners "Das Haus am Ende der Träume" gewarnt: Selbst wer gute Nerven hat, betrachtet nach der Geschichte die Spinnweben in seinen Zimmer-Ecken fortan mit anderen Augen. Da war es gut, dass Markus Walther mit seinem spontanen Ausruf "wir wünschen Ihnen schöne Träume" dafür sorgte, dass sich die atemlose Spannung in schallendes Gelächter und Applaus auflöste und von dem gruseligen Erschauern nur ein angenehmer Nervenkitzel zurückblieb. jen "Ein gutes Fantasy-Buch ist spannend und baut eine ganze Welt auf."Markus Walther