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„Ohne Geld funktioniert es nicht“

„Ohne Geld funktioniert es nicht“

Ende November hat die Gruppe „G 9 jetzt! Saarland“ eine Volksinitiative gestartet und Unterschriften für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium gesammelt. Wo die Probleme beim so genannten Turbo-Abitur G 8 liegen und ob eine Rückkehr zu G 9 sinnvoll wäre, darüber sprach SZ-Redakteurin Ute Klockner mit dem Vorsitzenden des saarländischen Philologenverbands Marcus Hahn.

Proteste gegen G 8 gibt es nicht erst seit der Unterschriftenaktion der Elterninitiative. Was ist bei der Einführung 2001 schief gelaufen?

Hahn: Damals wurden zwei schwere Fehler gemacht. Der erste war: G 8 war eine Reform ohne Geld . Aber ohne Geld funktionieren Reformen im Schulwesen nicht. Der zweite Fehler war: G 8 war eine Reform ohne klare Zielsetzung. Die einen wollten jüngere Absolventen, die anderen wollten ein moderneres Bildungssystem. Auch bei der Diskussion über eine Rückkehr zu G 9 gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Da besteht die Gefahr, dass man diese Fehler wiederholt.

Unterstützen Sie die Elterninitiative?

Hahn: Man sollte der Elterninitiative sehr genau zuhören und ernst nehmen, was sie sagt. Da drücken zum guten Teil Eltern begabter und interessierter Schüler die Sorge aus, dass ihre Kinder nicht die optimale Förderung bekommen, die sie kriegen könnten. Ich kann das verstehen, denn die Politik diskutiert seit Jahren fast nur die gesellschaftlichen Aufgaben der Schule. Dem Wunsch nach einer Diskussion darüber, was die Kinder lernen sollen, wie man sie am besten fördert, muss man nachkommen. Das muss nicht zwingend eine längere Gymnasialzeit bedeuten. Ich bin da sogar eher skeptisch, ob das Projekt dem hilft.

Also kein Zurück zu G 9?

Hahn: Ein schlichtes Zurück kann es nicht geben. Die Tatsache, dass Schüler heute mehr Wochenstunden haben, liegt hauptsächlich daran, dass der Samstagsunterricht abgeschafft worden ist. Und nicht an G 8. Im Übrigen haben die Lehrkräfte bei der Umstellung auf G 8 eine grundlegende Modernisierung des Bildungsangebots in der Unter- und Mittelstufe vorgenommen. Das ist sogar ein positiver Effekt von G 8. Das ist auch ein Grund, warum wir sagen, man sollte jetzt vorsichtig sein mit einer neuen Strukturdebatte.

Aber offensichtlich läuft ja nicht alles gut. . .

Hahn: G 8 ist im Saarland noch längst nicht fertig, sondern der Verbesserungsprozess läuft. Ich fände es sinnvoll, in die ostdeutschen Bundesländer zu schauen, die sich die Zeit genommen haben, ihr G 8 über Jahre zu entwickeln. Vermutlich haben sie in der Mittelstufe eine bessere Auswahl mit mehr Blick fürs Wesentliche und entlasten so den Fachunterricht. Ich sehe noch Spielräume, ohne Qualitätsverlust Schülern mehr Zeit zu verschaffen, zum Üben und Wiederholen der Inhalte.

Hessen bietet nach den Protesten jetzt beides an Gymnasien an, G 8 und G 9. Kann sich das Saarland im Gegensatz zu Hessen es nicht leisten, Schüler ein Jahr länger unterrichten zu lassen?

Hahn: Reformen im Bildungssystem kann man nur machen, wenn man Geld hat. Hessen hat Geld , wir haben keins. Allerdings ist das Beispiel Hessen auch als sehr kritisch zu betrachten: Durch die Wahlmöglichkeit ist ein Wildwuchs entstanden, durch den es an vielen Orten nicht mehr möglich ist, von einer Schule auf eine andere zu wechseln.

Die Elterninitiative kritisiert, dass es den Schülern durch die Verschulung durch G 8 oft an Eigenverantwortung und Reife fehlt. . .

Hahn: Gegen den Vorwurf der Unreife will ich die Schüler in Schutz nehmen. Der Macher der Shell-Jugendstudie spricht von einer verlängerten Zeit der Jugendlichkeit. Heute treten gestandene Universitäts-Professoren von Mitte 50 auf wie früher Privatdozenten von Mitte 30. Bei Professoren nennt man das jugendlich, bei jungen Leuten nennt man das unreif. Die Schüler sind natürlich anders als vor 25 Jahren, ich kann sie nicht ändern, in dem ich ihnen ein Schulsystem von früher aufzwänge. Durch die Umstellung werden gesellschaftliche Veränderungen sichtbar: G 8 ist das Thermometer, aber nicht das Fieber.

Aber ist nicht schlicht das Lernpensum insbesondere für jüngere Schüler zu hoch?

Hahn: Mehr Freizeit kann ich den Schülern - und auch den Lehrern - nicht versprechen. Die Anforderungen der modernen Bildungsgesellschaft sind einfach größer geworden. Die Schüler müssen mehr lernen. Das hat auch mit internationalem Wettbewerb zu tun. Ein Beispiel aus dem Geschichtsunterricht: Die letzten Lehrpläne von G 9 stammen aus der Zeit, als der Zusammenbruch der Sowjetunion und die deutsche Einheit gerade erst geschehen waren. Heute macht allein diese Zeit ein Halbjahr im Unterricht aus.