Musikalische Grenzerfahrungen

Ein begeistertes Publikum feierte am Dienstagabend den Auftritt des Vogler-Quartetts im Homburger Saalbau, das Werke von Smetana, Britten, Martin und Elgar aufführte. Die Homburger Kammermusiktage dauern noch bis Sonntag an.

Werke menschlicher Grenzerfahrung zwischen Tränen der Trauer und geistiger Verwirrung erklangen beim zweiten Konzertabend der 19. Homburger Kammermusiktage am Dienstagabend im Saalbau. Das Vogler-Quartett und zwei seiner künstlerischen Gäste interpretierten Musik von Smetana, Britten, Martin und Elgar, die weniger durch Schönheit als durch wahre, zuweilen nackte Selbsterkenntnis ihrer Schöpfer Betroffenheit auslöste.

Als Bedich Smetana 1882/83 "im Nebel der Beklommenheit und des Schmerzes" an seinem 2. Streichquartett d-Moll arbeitete, hatte er längst die Zeichen geistigen Zerfalls an sich erkannt. Er warnte die Interpreten vor "einer gewissen Zerrissenheit", die ihnen bei den heftigen Gemütsumschlägen des Kopfsatzes, in der gegen alle Taktschwerpunkte kämpfenden Polka des zweiten oder im verzehrenden "Agitato con fuoco" des dritten und letzten Satzes Schwierigkeiten bereiten könnte. Das Vogler-Quartett spürte den biographischen Hintergrund auf, ohne die Balance im bizarren und doch hoch expressiven Formverlauf zu verlieren. Benjamin Britten bezeichnete 1950 seine "Lachrimae" (Tränen) für Violine und Klavier als "Reflektionen auf einen Song von John Dowland ". Es war dessen Lied "If my complaints could passion move", aber auch das bekanntere "Flow my tears" aus denen er das motivische Material für seine Reflektionen ableitete.

Mit körperlichem Einsatz

Es bedurfte so sensibler Künstler wie des irischen Pianisten Finghin Collins und der unnachahmlichen Tatjana Masurenko an der Bratsche, um die verhangene Trauer zuweilen mit großem körperlichen Einsatz zum Klingen zu bringen. Zu Recht wurde das Duo dafür mit begeisterten Bravorufen gefeiert. Nach den musikantischen und erfrischend unbeschwerten "Drei Madrigalen" von Bohuslav Martin mit Frank Reinecke (Violine) und Tatjana Masurenko (Viola) wurde auch das grandiose Finale mit dem Klavierquintett a-Moll op. 84 (1918/19) von Edward Elgar lautstark gefeiert. Den Kopfsatz bezeichnete der Komponist selbst als "seltsame Musik" oder gar als "gespenstisches Zeug", zu dem er von toten Bäumen in der Nähe seines Sommersitzes in der Grafschaft Sussex angeregt wurde. Der ganze Spuk mit Zitaten aus der gregorianischen Totensequenz "Dies irae" konnte vom Vogler-Quartett und Finghin Collins am Klavier nur durch ein eindringliches Religioso im Adagio-Satz besänftigt werden, dem sich unter größtem, schier orchestralem Klangaufwand ein genialisches Finale anschloss.

Heute Abend werden Werke von Mozart und Schönberg geboten, dazu die bekanntesten Brecht-Songs von Kurt Weill mit der Sängerin Salome Kammer. Sie tritt auch am Freitagabend in "Rubly's Werkstatt" in der Lagerstraße auf mit Liedern von Eisler, Schumann, Berg, Ansorge und Britten, eingebettet in Kammermusik von Haydn, Chopin, Mozart und Britten. Der Samstag bietet im Saalbau die deutsche Erstaufführung der "Nostalgia" von Sven-Ingo Koch oder gar einen Besuch im "Berliner Kabarett um 1900", bevor sich alle Künstler am Sonntag ab 12 Uhr in einer Matinee zu Klängen von Ravel, Bernstein und Mozart verabschieden werden.