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Im Elend des Krieges ein Blick für die Schönheit

Im Elend des Krieges ein Blick für die Schönheit

In einem Schrank entdeckte die Saarlouiserin Gisela Meyer vor einigen Jahren Tagebücher ihres Großvaters Kurt Schröter, der als Arzt den Ersten Weltkrieg miterlebte. Ihr Witwer Karl-Jochen Meyer sprach mit SZ-Mitarbeiterin Carmen Altmeyer.

Wie kam es zu der Veröffentlichung der Kriegstagebücher?

Karl-Jochen Meyer: Als die Mutter meiner Frau zu uns gezogen ist, haben wir ihre Wohnung ausgeräumt und dabei in einem Schrank einen Schwung alter, verstaubter Hefte gefunden - die Kriegstagebücher von Dr. Schröter. Was für ein Glücksfall! Meine Frau hat die Bücher dann mitgenommen und sich daran gemacht, sie zu entziffern. Das war sehr viel Arbeit, manche Seiten waren fast völlig unleserlich geworden und alles war natürlich in Sütterlin geschrieben. Nach und nach haben wir den Text in den Computer eingegeben.

Wie lange hat die Arbeit insgesamt gedauert?

Meyer: Wir haben mindestens zwei Jahre gebraucht, um das alles zu verschriftlichen. Zuerst war der Text nur für die Familie gedacht, aber als wir dann fertig waren, dachten wir, eigentlich müssten wir ein Buch daraus machen. Dann ist meine Frau aber krank geworden und schließlich im Jahr 2007 verstorben. Ich wollte ihr Werk trotzdem noch zu Ende bringen und habe mich an den Conte Verlag gewandt. Es gibt wenige Veröffentlichungen von Original-Tagebüchern aus dieser Zeit, deswegen stieß unser Text auf großes Interesse. Anschließend folgte eine sehr lange Arbeit mit dem Lektor, weil wir noch eine Menge Text herauskürzen mussten, den Inhalt aber nicht verfälschen wollten. 2013 wurde schließlich das Buch veröffentlicht.

Wie ist die Resonanz?

Meyer: Es läuft recht gut, es wird wahrscheinlich eine zweite Auflage geben. Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen. Eventuell wird es in Zukunft auch Lesungen geben.

Was finden Sie an den Tagebüchern besonders spannend?

Meyer: Ich finde es sehr interessant, wie sich die Gegensätze widerspiegeln - Dr. Schröter war ja im "Feindesland", und trotzdem schrieb er ständig über die wunderschönen Dörfer und die Natur, und dann wieder über den schrecklichen Wahnsinn des Krieges. Dass er trotz des Elends und des Grauens noch einen Blick für Schönheit haben konnte, hat mich berührt. Außerdem beeindruckt mich, was für ein neugieriger und wissbegieriger Mensch er gewesen sein muss. Er ging während der Schlachten auch in Bereiche, in die er gar nicht hin musste, obwohl er sich so in Gefahr brachte und auf ihn geschossen wurde. Er wollte immer wissen, was geschah, auch was in der Politik zuhause los war. Seine Beschreibungen der politischen Ereignisse sind sehr interessant. Seine Tagebücher ermöglichen es, sich ein wenig in die Gedankenwelt unserer Vorfahren vor und während dieses furchtbaren Krieges hineinzudenken. Für uns sind diese Kaisertreue und der Nationalismus schwer nachzuvollziehen, aber durch das Lesen der Aufzeichnungen versteht man sie vielleicht ein bisschen besser.

Sind die in den Tagebüchern angegebenen Daten und technischen Informationen über den Krieg realistisch?

Meyer: Wir haben die historischen Daten mithilfe von Landkarten und Geschichtsbüchern überprüft und herausgefunden, dass die meisten sehr exakt sind. Im Nachhinein haben meine Frau und ich uns eine ganze Reihe von diesen französischen Orten angeschaut, wo ihr Großvater während des Krieges war. Das war sehr interessant, weil manche Sachen noch genau so aussehen, wie er sie 1915 beschrieben hat - sogar der Misthaufen ist an der gleichen Stelle! Teilweise läuft es einem da schon kalt den Rücken hinunter, wenn man sich an die Passagen aus den Tagebüchern erinnert, wo es dann um den Krieg und die Toten an einem Ort geht, und heute ist dort alles friedlich und unscheinbar.

Quem ad finem? - Kriegstagebücher 1914-1918 des Dr. Kurt Schröter, Herausgegeben von Gisela und Karl-Jochen Meyer, Conte-Verlag, 556 Seiten, 19,90 Euro