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"Ich kann nicht vergessen, aber verzeihen"

"Ich kann nicht vergessen, aber verzeihen"

Türkismühle. Adam Bielak und Zenon Bujanowski gehören zu jenen Polen, die die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs aus ihren Dörfern verschleppt hatten. Bei einem Zeitzeugengespräch, das das St. Wendeler Adolf-Bender-Zentrum und die Gesamtschule in Türkismühle organisierten, sprachen sie vor 60 Schülern über ihre Erlebnisse

Türkismühle. Adam Bielak und Zenon Bujanowski gehören zu jenen Polen, die die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs aus ihren Dörfern verschleppt hatten. Bei einem Zeitzeugengespräch, das das St. Wendeler Adolf-Bender-Zentrum und die Gesamtschule in Türkismühle organisierten, sprachen sie vor 60 Schülern über ihre Erlebnisse. Die Landeszentrale für politische Bildung, die Initiative "Zug der Erinnerung" und der Verein "Denk-mal-Mit!" unterstützten die Veranstaltung. Bielak und Bujanowski stammen aus der Region Zamosc in der Nähe der ukrainischen Grenze. Von November 1942 bis August 1943 wurden dort 110 000 Menschen ausgesiedelt, darunter 35 000 Kinder. Die Dörfer wurden geräumt, um dort Deutsche anzusiedeln. Doch wie Bujanowski betonte, habe es sich dabei nicht nur um eine Aussiedlung, sondern um eine Vernichtung der Bevölkerung gehandelt. Da Bielak und Bujanowski kein Deutsch sprechen, übersetzte der Dolmetscher David Rojkowski. Bujanowski erzählte nicht nur von seinem eigenem Schicksal, sondern auch von anderen Dörfern in Zamosc. "In einigen Ortschaften haben die Soldaten alle Einwohner zusammengetrieben und erschossen." In einem anderen seien alle Frauen und Kinder in eine Scheune gesperrt und verbrannt worden. "Es gab so viele Morde, wenn ich von allen berichten würde, wäre das zu umfangreich für diesen Rahmen", sagte Bujanowski. Er und Bielak seien Kinder gewesen, als die Soldaten in ihre Dörfer kamen. "Die meisten Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und mit Viehwaggons in ein Lager in der Nähe von Warschau gebracht", erzählte Bujanowski. Viele seien auf der Fahrt erfroren oder verhungert. Bujanowski selbst sei zehn Jahre alt gewesen, als er und seine Familie abtransportiert wurden. Sie seien zu einem Landwirt im heutigen Tschechien gekommen. "Meine Eltern und meine ältere Schwester mussten bis zur Befreiung 1945 zehn Stunden täglich arbeiten."Adam Bielak sei gerade vier Jahre alt gewesen, als die Soldaten ihn und seine Familie in ein Lager brachten. Seine Erinnerung sei lückenhaft, aber manche Bilder blieben ihm immer im Gedächtnis. "Die Zeit im Lager war die schlimmste. Die Schreie der Soldaten und das Gebell der Hunde werde ich nie vergessen", erzählte Bielak. Die Nazis hätten seine Eltern zur Zwangsarbeit nach Berlin gebracht. Er sei mit seiner Großmutter und seiner Schwester in den ungezieferverseuchten Baracken des Lagers zurückgeblieben."Ihr kennt das Hungergefühl, wenn man vier Stunden nichts gegessen hat. Jetzt müsst Ihr Euch vorstellen wie es ist über Tage hungern zu müssen", sagte Bielak. Gestikulierend machte er die Verzweiflung der Menschen den Zuhörern deutlich. Auf die Frage eines Schülers, wie sie mit der Vergangenheit umgehen, sagte Bielak: "Mein katholischer Glaube hilft mir dabei, das Erlebte zu verarbeiten. Ich kann nicht vergessen, aber ich kann verzeihen."

Gefilmt wurde die Veranstaltung von Julia Lang. Sie macht mit bei dem Projekt Videojournalisten, das vom Adolf Bender Zentrum organisiert wird. Jugendliche aller Altersstufen können teilnehmen. Kontakt: Thomas Döring (06851) 8 18 02