1. Saarland
  2. St. Wendel
  3. Nohfelden

Gespräch mit Glasperlenspiel: Duo kommt am 2. Juni an den Bostalsee

Kostenpflichtiger Inhalt: Glasperlenspiel im SZ-Gespräch : „Wir spüren den Bühnen- und Konzert-Entzug“

Das Duo Glasperlenspiel kommt am 2. Juni zum Strandkorb-Open-Air an den Bostalsee. Im Vorfeld verraten Carolin Niemczyk und Daniel Grunenberg im SZ-Interview, wie sie die Corona-Zeit für neue Musik genutzt haben, was sie am meisten vermissen und wie es war, als das Management von Kelly Clarkson anrief.

Vor einigen Tagen habt Ihr die ersten Termine für Auftritte im Sommer, darunter auch für das Open-Air am Bostalsee, auf Eurer Facebook-Seite gepostet. Welche Gefühle kommen dabei in Euch hoch?

Carolin Niemczyk: Wir spüren den  Bühnen- und Konzert-Entzug. Deshalb freuen wir uns so sehr auf die Konzerte. Gerade auch an so einer schönen Location  wie dem Bostalsee – wir haben uns schon ein bisschen informiert. Das sieht alles so schön aus. Und es ist toll, dass ein Veranstalter sagt, ich versuche  trotz der schwierigen Zeit ein Konzert umzusetzen, das für alle sicher ist. Wir freuen uns auf alle Auftritte, auch wenn es noch nicht viele sind.

Daniel Grunenberg: Die Corona-Pandemie hat die Veranstaltungsbranche und auch unsere Branche extrem hart getroffen. Da ist gerade alles ein Lichtblick. Wir haben richtig Bock und haben über ein Jahr auch viel Energie angesammelt  (lacht).

Ihr wart im Juli 2012 schon mal am Bostalsee, damals  bei Regen und Kälte. Jetzt soll es anders werden – immerhin habt Ihr den passenden Song mit „Sonne“ ja schon dabei …

Caro: Das Konzept mit den Strandkörben schreit nach Sommer, deshalb brauchen wir auch Sommerwetter. Das wäre optimal. „Sonne“ ist unsere  jüngste Single zusammen mit Moe Phoenix.  Mit dem Song wollen wir auch ausdrücken, dass wir uns sowohl zwischenmenschlich als auch  vom Wetter her nach Sonne und Wärme gesehnt haben.  Von beidem brauchen wir wieder mehr.

 Ich hatte den Eindruck, dass Ihr Euch schnell den Begebenheiten der Pandemie angepasst und verschiedene Konzert-Varianten ausprobiert habt. Darunter auch das Format der Auto-Konzerte.  Wie bewertet Ihr das rückblickend? Spannende Erfahrung oder braucht Ihr den direkten Kontakt zu den Fans?

Daniel: Am Anfang wusste niemand, was genau auf einen zukommt. Man hat das auch mitgemacht, weil man es cool fand, überhaupt die Möglichkeit zu haben, vor Menschen aufzutreten.  Ich war im Vorfeld auch skeptisch, was die Auto-Konzerte betrifft. Aber ich muss sagen, trotz der  Situation, dass die Leute in den Autos sitzen mussten und nicht rausdurften,  war es richtig cool. Das war ein „Magic Moment“ für uns, weil man sich mal wieder fallen lassen, feiern und Musik machen konnte. Aber das ist nichts, was wir jetzt noch drei, vier Jahre weiterführen müssen.

Caro:  Bei manchen Konzerten ging es, dass sich die Zuschauer aufs Dach setzen durften. Bei schönem Wetter war das schon toll. Ich bin auch  teilweise während der Konzerte um die Autos rumgelaufen und habe  reingeguckt. Da haben es sich manche schon  richtig gemütlich gemacht. Aber wir haben unser Publikum einfach  lieber Face-to-face nah bei uns.

Könnt Ihr Euch vorstellen, dass bestimmte Konzepte, beispielweise solche Strandkorb-Open-Airs, nach Corona beibehalten und nicht mehr als Alternativ-Variante angesehen werden, sondern fester Bestandteil der Konzertszene werden?

Daniel: Wir hatten im vergangenen Jahr schon Strandkorb-Open-Airs. Das ist eine super-schöne Atmosphäre. Jeder hat seinen Strandkorb, man ist für sich. Aktuell kann man meistens nicht mehr als 600 oder 700 Strandkörbe an eine Location packen. Aber ich kann mir schon vorstellen, eine große Fläche, beispielsweise am Meer, mit Strandkörben zu besiedeln.  Das kann cool sein. Dabei fehlt ja auch nicht die Nähe zu den Menschen wie bei  den Autokino-Konzerten. Da war es so, dass die Leute  hinter der Scheibe saßen und durch die Reflexion quasi gar nicht zu sehen waren. Bei den Strandkorb-Open-Airs sieht man die Gesichter. Klar, mit Abstand. Das sieht von der Bühne aus echt strange aus. Aber das könnte man schon groß skalieren, sodass man eine Art Picknick-Konzert hat. Das macht dann schon Spaß.

Wie lange liegt denn aktuell Euer letztes Live-Konzert vor Publikum zurück?

Caro: Wir hatten 2020 bis in den Spät-Sommer Auftritte. Seither nicht mehr.  Stattdessen haben wir viel im Studio gearbeitet. Was für uns dabei neu war, war die Tatsache, dass wir uns  ausschließlich auf die Songs konzentrieren konnten und nicht noch nebenbei Konzerte gespielt haben.  

Könnt Ihr den Einschränkungen durch Corona vielleicht sogar einen positiven Effekt abgewinnen, weil Ihr die Zeit nutzen konntet, Euch tatsächlich mal auf eine Sache zu fokussieren?

Daniel: Absolut. Ich glaube, man muss auch einfach das Positive aus der ganzen Situation rausziehen. Wenn man zu viel  nachdenkt, auch darüber, was mit unserer Branche passiert, wird man depressiv. Wir sind generell sehr optimistische Menschen. Wobei wir, wie wohl auch der Rest der Welt, nicht damit gerechnet haben, dass das alles so lang dauert. Wir dachten eher, nach einem halben bis dreiviertel Jahr haben wir die Sache überstanden. Wir sagen uns einfach: Hey, jetzt fokussieren wir uns auf  Songs – ohne die Angst haben müssen, etwas zu verpassen.  Die aktuelle Situation hat für eine gewisse Ruhe in einem selbst gesorgt. Aber es bleibt einfach eine ganz seltsame Zeit, in der wir uns gerade befinden.  

Ihr arbeitet viel an neuer Musik. Könnt Ihr schon was in Sachen Album verraten?

Daniel: Wir haben das Album schon mehr oder weniger fertig. Momentan sind wir am Überlegen, wann der richtige Zeitpunkt zur Veröffentlichung ist. Denn wir würden gerne auf Tour gehen, wenn ein neues Album am Start ist. Wir haben viele neue Songs und werden am Bostalsee sicherlich den einen oder anderen dabei haben.

Hat Corona denn ein bisschen Einfluss auf Songinhalte genommen, ganz  stark  oder ganz bewusst nicht?

Caro: Unbewusst hat es extrem Einfluss genommen. Wir lassen immer gute Freunde unsere Songs zuerst hören, und es war so, dass sie dann gesagt haben: Krass, das klingt alles total traurig. Uns ist erst nach einer Zeit bewusst geworden, dass alles etwas depri ist, was wir da geschrieben haben.  Beim Schreiben fließen eigene Gefühle und der Gemütszustand ein. Für mich war es nicht immer einfach. Vor allem das Nicht-Wissen, wie es weitergeht, lag mir schwer auf dem Herzen und ich glaube, das hört man auch an den Songs. Wir haben jetzt weitergeschrieben und sind aktuell immer noch im Studio. Ich glaube, dass wir es auch schaffen werden, den einen oder anderen positiven Song mit draufzupacken. Das ist schon wichtig. Wir sind ja grundsätzlich Menschen, die das Glas lieber halb voll als halb leer sehen. Es wird am Ende wohl eine Mischung sein. Ein kleines Gefühlschaos vielleicht. (lacht)

Ihr seid ja nicht nur beruflich ein Duo, sondern auch privat ein Paar.  Ist das in Zeiten von Corona ein Vorteil im Vergleich zu Bands, die mit Blick auf strikten Lockdown und Kontaktbeschränkungen, neue Wege finden mussten, zusammen an Songs zu arbeiten?

Daniel:  Das ist ein Riesenvorteil gewesen.  Es war ganz lustig, wir haben auch einige TV-Shows gemacht. Der  Produktionsleitung war es dabei  immer noch nicht so ganz klar, dass wir ja auch zusammen sind und zusammenleben. Ich habe dann mal zu einem Redaktionsleiter gesagt: Warum darf ich  nicht neben ihr stehen, wir leben doch  auch zusammen. Dann fragte er nach: Wie, Ihr lebt zusammen? Na, dann ist es okay. Dann dürft Ihr auch zusammenstehen.  Er hat sich bestimmt gesagt: Komm, das verkauft sich gut.  Das sind bestimmt Fake News.  (lacht)

Zur Veröffentlichung eines Songs gehört auch ein Video. Wie lief das mit Corona ab? Ein Hauch Normalität beim Dreh  oder auch ganz anders?

Caro: Das war völlig anders.  Zu „Immer da“ haben wir zuhause ein Video gedreht.

Daniel:  Teilweise mit Material aus alten Videos. Da muss man anders kreativ werden.

Caro: Das Video zu „Sonne“ entstand zusammen mit Moe in Kassel. Es gab strenge Sicherheitsvorkehrungen beim Dreh und wir  haben uns alle testen lassen. Das ging dann auch. Aber, wenn man sich überlegt, wie wir früher gedreht haben … Vor Corona. Da sind wir  teilweise ins Ausland gereist, was echt schön war. Das fällt jetzt erstmal weg. Ich hoffe aber, dass es bald wieder  andere Videos von uns zu sehen gibt, in denen  wir auch wieder in ein anderes Land reisen.  

Ihr habt es gerade schon in verschiedenen Bereichen beschrieben. Seit Corona ist vieles anders. Seit Ihr dadurch nachdenklicher geworden? Was macht diese Zeit ganz persönlich mit Euch?

Caro: Ich glaube schon, dass man mehr über sich,  die Welt und die eigene Zukunft nachdenkt, weil man auch mehr Zeit hat.  Mir ging es definitiv so. Ich bin es nicht gewöhnt, mal länger als zwei/drei Wochen an einem Ort zu sein. Wenn ich drüber nachdenke, klingt das irgendwie bescheuert, aber es war bei uns so. Wir wohnen in Berlin und am Bodensee und sind immer  hin- und hergependelt. Ich kannte es nicht anders. Am Anfang konnte ich die Zeit gut zum Runterkommen nutzen – mal Pause zu machen von der Musik und dem Rumreisen.  Aber zwischendurch war es auch mal schwierig. Ich sehne mich zurück auf die  Bühne. Das Reisen fehlt mir extrem. Ich glaube, ich habe es für mich geschafft, etwas mehr Ruhe zu finden. Es ist auch okay, mal nichts zu machen. Jetzt wächst die Vorfreude auf das, was hoffentlich kommt: Das Reisen auf alle Bühnen der Welt. (lacht)

 Im Frühjahr 2020 gab es bei dem Song „I dare you“ eine Zusammenarbeit mit Kelly Clarkson. Wie kam es dazu?

Caro: Das kam tatsächlich total unerwartet. Ich muss sagen, ich habe als Teenie immer ihre Musik gehört und total abgefeiert. Auch ihre Stimme – die ist der Hammer.  Ich wurde von ihrem Management angefragt, ob ich die  deutsche Version von „I dare you“ singen möchte. Ich war erstmal  verwirrt. Ich neben Kelly  Clarkson…?

Daniel: Also, was ehrlich passiert ist … Caro ist komplett ausgeflippt, durch die Wohnung gerannt und hat gesagt: Weißt Du, was gerade passiert ist? Und dann hat sie es mir erzählt… Das war ein schöner Moment.

Caro: Ja, das war so unrealistisch, von Kelly  Clarkson gefragt zu werden. Aber es  war cool. Ich habe das Lied  hier  eingesungen. Das Verrückte war, dass sie mich auch eingeladen hatte  in ihre TV-Show in den USA.  Alle Feature-Artists (es gibt das Lied in mehreren Sprachen, Anm. der Redaktion) sollten mit ihr den Song perfomen – was ja megakrass gewesen wäre. Wegen Corona ist das leider ins Wasser gefallen. Aber ich freue mich trotzdem unglaublich, dass ich auf ein und demselben Song  mit  Kelly Clarkson zu hören bin.

Nach dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 gab es über den Sommer wieder Veranstaltungen. Nur eine kurze Phase, wie sich herausstellte, dann war es wieder vorbei mit der Kultur. Macht Ihr Euch Sorgen um die  Zukunft der Veranstaltungsbranche und der Kulturszene?

Daniel:  Ich bin felsenfest überzeugt, dass das alles die Kulturbranche radikal verändern wird. Es wird nach Corona nicht so sein wie davor. Viele in der Kultur- und Veranstaltungsbranche wird es einfach  nicht mehr geben. Daher muss es jetzt  langsam für alle losgehen. Wir sind immer so ein bisschen ausgeliefert. Ich glaube, dass die Politik immer noch nicht 100-prozentig versteht, was wir als freischaffende Künstler und die Leute in  der Veranstaltungsbranche so machen. Man versucht optimistisch zu bleiben, aber das fällt nicht immer leicht.  Ich fürchte, dass vieles auf der Strecke bleiben wird. Aber vielleicht entsteht auch viel positives Neues.

Caro: Man muss auch bedenken, wie wichtig  es ist, dass man mit Kultur  in Verbindung kommt. Ich denke da auch an die Jugendlichen. Man kann sich gar nicht vorstellen, was das für Auswirkungen hat, wenn sie keine Chance haben, Kultur zu erleben.  Ich glaube, dass die Wichtigkeit der Kulturbranche gerade gar nicht in den Köpfen der Politiker wahrgenommen wird. Aber ich hoffe, dass sich schnell etwas ändert, dass die Bühnen für jede mögliche Art von Kunst geöffnet werden.

Daniel: Und dass es nicht trotz toller Hygiene-Konzepte  am Ende heißt: Es geht trotzdem nichts diesen Sommer. Das wäre für alle frustrierend.

Was macht Ihr als Erstes, wenn die Normalität zurückkehrt?

Caro: Verreisen! Ich habe noch so viele Länder auf meiner Liste, die ich gerade bereisen möchte. 

Termin: Glasperlenspiel tritt am Mittwoch, 2. Juni, 20 Uhr, beim Strandkorb-Open-Air Bostalsee auf.