Geschwister im Blute

Neunkirchen/Birkenfeld. Mit einem Strauß Blumen und einem erwartungsvollen, freudigen Lächeln trifft Günter Walsch im Verwaltungsgebäude der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld ein. Nach einer kurzen Begrüßung erklärt der 74-Jährige: "Ich dacht, ich bring dem Mädchen ein paar Blümchen mit

Neunkirchen/Birkenfeld. Mit einem Strauß Blumen und einem erwartungsvollen, freudigen Lächeln trifft Günter Walsch im Verwaltungsgebäude der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld ein. Nach einer kurzen Begrüßung erklärt der 74-Jährige: "Ich dacht, ich bring dem Mädchen ein paar Blümchen mit." Mit dem Mädchen meint er Agathe Schreiner, seine Stammzellspenderin und damit Lebensretterin. "All die Jahre war ich ein Mensch, der nicht umzubringen war: mit 1,85 Meter ein ziemlicher Brocken und immer alles okay; ich stand voll im Leben - bis zum Herbst 2006." Emotional und mit einem Hauch Humor erzählt Günter Walsch aus Neunkirchen vom Verlauf seiner Krankheit. Da seine Blutwerte nicht in Ordnung waren, begann er zunächst eine längere medikamentöse Behandlung gefolgt von Bluttransfusionen. Im Dezember 2007 erhielt der Rentner dann die erschütternde Diagnose: akute Leukämie. Noch am selben Tag wurde er in die KMT-Klinik Idar-Oberstein eingewiesen. Es folgten mehrere Monate Aufenthalt, inklusive dreier Chemotherapie-Zyklen. Auch wenn im hohen Alter eine solche Behandlung kein Zuckerschlecken ist, schlug Walsch sich tapfer: "Die Ärzte sagten, ich wäre ein strammer Kerl, und deshalb wollten sie auch eine Stammzelltransplantation mit einem Fremdspender wagen, obwohl das in meinem Alter nicht mehr selbstverständlich ist." Heute strotzt Walsch wieder vor Vitalität und Lebensfreude; zwei Mal pro Woche geht er ins Fitnessstudio. Seinen Mut und die Kraft zu Kämpfen verlor Günter Walsch nie: "Meine Frau hat mich oft gefragt, wie ich das alles überhaupt schaffe, aber ich habe mich einfach nicht hängenlassen; ich wollte leben." Nicht zuletzt gerade wegen seiner Frau, denn diese sitzt im Rollstuhl und ist pflegebedürftig: "Mein ganzes Streben war: Ich muss wieder gesund werden, denn ich werde gebraucht." Heute, zwei Jahre später, kann er sich mit vollem Einsatz um seine große Liebe kümmern. Gesund, sportlich und humorvoll stellt er sich den Mitarbeitern der Stefan-Morsch-Stiftung vor. Dass er noch vor zwei Jahren todkrank war, kann hier niemand glauben, so fit wirkt der Saarländer. "Ich habe eine neue Schwester und dafür bin ich so dankbar", freut sich der ehemalige Patient, als er auf seine Lebensretterin trifft. Auch diese ist beeindruckt: "Es freut mich wirklich sehr zu sehen, wie gut es ihm geht", so Agathe Schreiner aus Ober Kostenz. Im Jahr 2000 ließ sich die heute 53-Jährige als potenzielle Stammzellspenderin in die Datei der Stefan-Morsch-Stiftung aufnehmen. Acht Jahre später kam die Nachricht, dass sie als Spenderin für einen Patienten in Frage kommt. Dessen Identität kannte sie damals nicht - aus Datenschutzgründen. Erst jetzt war es so weit, und die Stefan-Morsch-Stiftung organisierte ein erstes Treffen. Nach einem kurzen ersten Beschnuppern besichtigen die Blutsgeschwister die Apherese-Station der Stiftung, wo gerade eine Stammzellentnahme durchgeführt wird: "Da hab ich damals gelegen", erinnert sich die Hunsrückerin und erzählt von ihren Erfahrungen. Beim Mittagessen kommt es zu einem intensiven Austausch. Nach einer Besichtigung des Labors und einer Tasse Kaffee verabschieden sich die neugefundenen Geschwister. Sie wollen noch ein wenig Zeit am Nachmittag unter sich verbringen. Beide haben sich viel zu erzählen. Den Kontakt wollen sie aufrecht erhalten. red "Ich habe mich einfach nicht hängenlassen; ich wollte leben." Günter Walsch

Auf einen BlickRund 20 Menschen erkranken jeden Tag allein in Deutschland an Leukämie oder einer ähnlichen Krankheit. Für manche ist eine Stammzelltransplantation die letzte Überlebenschance. Da gerade bei älteren Patienten der Gesundheitszustand kritisch ist und die Heilungsaussichten geringer sind, wurde früher häufig auf eine Transplantation verzichtet. Die heutigen medizinischen Möglichkeiten erlauben den Ärzten, mehr zu wagen - mit Erfolg, wie man an Günter Walsch aus Neunkirchen-Wiebelskirchen sehen kann. red