Ein Blick in die Schul-Zukunft

Neunkirchen/Saarbrücken. Bildungsminister sind die einzigen Landesminister, die mehr Macht haben als ihre Kollegin in Berlin. Während Bundesbildungsministerin Annette Schavan hauptsächlich für den Wissenschaftsstandort Deutschland wirbt, Institute besucht und Schecks verteilt, wird die Basisarbeit in den Ländern gemacht

Neunkirchen/Saarbrücken. Bildungsminister sind die einzigen Landesminister, die mehr Macht haben als ihre Kollegin in Berlin. Während Bundesbildungsministerin Annette Schavan hauptsächlich für den Wissenschaftsstandort Deutschland wirbt, Institute besucht und Schecks verteilt, wird die Basisarbeit in den Ländern gemacht. Jedes Bundesland entwickelt hier ein eigenes Profil, was nicht immer im Sinne der Eltern ist, die umziehen müssen. Dennoch - trotz Länderhoheit wird Deutschlands Bildungslandschaft von zwei Konstanten geprägt: das dreigliedrige Schulsystem und das Gymnasium. "Wer das abschaffen wollte, bräuchte zur nächsten Wahl nicht mehr anzutreten", so der saarländische Bildungsminister Klaus Kessler (Grüne), der SZ-Redakteuren jetzt ausführlich die Richtlinien seiner Schulpolitik erläuterte. Es fände sich weder für das Abschaffen des Gymnasiums noch des dreigliedrigen Schulsystems eine politische und gesellschaftliche Mehrheit. "Aus einer Grundschulklasse streben 41 Prozent der Kinder ans Gymnasium", rechnet Kessler vor. Hier bemühe er sich seit seinem Amtsantritt, die Lehrpläne und Stundentafeln erträglicher zu gestalten, "um Druck aus diesem System rauszulassen". Denn G 8 sei "schneller, verdichtender und belastender" als G 9. So habe er die sechs Mathestunden in der Klassenstufe fünf um eine reduziert, dafür die einzige Stunde Geografie um eine weitere aufgestockt. Außerdem übernahm er die Pläne der Vorgänger-Regierung, "zusätzlich zu G 8 mit der Gemeinschaftsschule eine weitere Säule aufzubauen, um Schülern auch ein Abitur nach neun Jahren zu ermöglichen". Eltern könnten nun wählen, welches Tempo für ihre Kinder besser geeignet sei. Auch die Oberstufe solle bei G 8 "noch einmal überdacht werden". Allerdings sieht Kessler den größten Handlungsbedarf derzeit eher am anderen Ende, nämlich bei den frühen Förderungen, "damit wir alle Kinder zu einem Schulabschluss bringen". Derzeit haben 6,5 Prozent aller jugendlichen Saarländer keinen Schulabschluss, "ich wünsche mir, die Quote auf fünf Prozent zu senken", sagt Kessler. Anfangen müsse man damit bereits im Kindergarten, deshalb gebe es jetzt ein so genanntes Kooperationsjahr an der Schnittstelle zwischen Kindergarten und Schule. Dabei gehe es auch um den Spracherwerb von Migrantenkindern, die bei den Schulabgängern ohne Abschluss immer noch den größten Teil ausmachen, was Kessler in erster Linie auf mangelnde Sprachkenntnisse zurückführt. Allein 160 Grundschulen im Saarland machten mit bei dem Programm "Früher Deutsch lernen". An Programmen aus dem Bildungsministerium mangelt es in der Tat nicht, um möglichst alle Kinder und Jugendlichen zu erfassen - da gibt es Programme für einen frühen Eintritt in die Lehre, für eine sinnvolle Berufsorientierung, für die Einbeziehung der Eltern ins Schulgeschehen. Gleichzeitig zu den verstärkten Bemühungen um die Problemfälle gehen die Schülerzahlen kontinuierlich zurück: um rund 1,8 Prozent pro Jahrgang. Das legt ein Überdenken der jetzigen Schullandschaft nahe. "Aber ich halte nichts von einer formalen Forderung wie die Zwei- oder Dreizügigkeit", betont Kessler. Man müsse auch der Bevölkerungsstruktur Rechnung tragen: "Im dicht besiedelten Umkreis von Saarbrücken kann ich eher eine Schule schließen als im ländlichen Raum, wo die Entfernungen sehr weit sind." Eine Zusammenführung von Gesamt- und Erweiterten Realschulen würde da laut Kessler für eine Entspannung sorgen. Trotz geringerer Schülerzahlen besteht steigender Bedarf an Lehrern für Förder- und Berufsschulen. Hier will Kessler mit zusätzlichen Anreizen für mehr Lehrpersonal werben. "G 8 ist schneller, verdichtender und belastender. Deshalb haben wir eine zweite Säule mit G 9"Klaus Kessler

Die richtigen Schwerpunkte

Von SZ-RedakteurinChristine Maack In Deutschland war das Thema Bildung jahrzehntelang maßlos ideologisch befrachtet. Gleichmacherei oder Elite-Förderung? Das waren die beiden Pole, um die sich alles drehte. Wer für frühkindliche Bildung warb, wollte den Kleinen die unbeschwerte Kindheit verderben. Wer gute Schüler besser fördern wollte, wurde mit dem Argument ausgebremst, man dürfe zwischen den Schülern keine Bildungsgräben aufreißen. Endlich haben wissenschaftliche Erkenntnisse dazu beigetragen, dass diesen unseligen Ideologie-Debatten der Wind aus den Segeln genommen wurde. Auch der saarländische Bildungsminister Klaus Kessler gab sich bei seinem Redaktionsbesuch erfrischend unideologisch. Vielleicht lag das auch am endgültigen Scheitern seines fünften Grundschuljahres, das er monatelang favorisiert, aber wofür er letztlich keine Zustimmung gefunden hatte. Auf dem Boden des Machbaren angekommen, will Kessler nun neue Schwerpunkte setzen. Und es sind die richtigen, nämlich die an der Basis: Für mehr Schulabschlüsse sorgen, bessere Berufschancen eröffnen, Deutschkenntnisse bei Migranten fördern, G 8 verbessern und Ganztagsschulen ausbauen. Ob er für alles die erforderliche Mehrheiten im Landtag erhalten wird, ist allerdings offen. Auf einen BlickAm Mittwoch stellte Bildungsminister Klaus Kessler die Eckpunkte zum Ausbau der gebundenen, also der verpflichtenden Ganztagsschule, vor (wir berichteten). Dieser Ausbau wurde im Koalitionsvertrag von CDU, FDP und den Grünen vereinbart. Kessler betonte die Wahlfreiheit der Eltern zwischen Halbtags- und Ganztagsschulen. Erst ein deutliches Ja der Gesamtkonferenz der jeweiligen Schule ist für ihn Voraussetzung für den Aufbau einer gebundenen Ganztagsschule. Perspektivisch ist es das Ziel Kesslers, dass "jeder Landkreis in jeder Schulform über mindestens eine gebundene Ganztagsschule verfügt". In der gebundenen Ganztagsschule sind alle Schüler verpflichtet, an vier Tagen in der Woche mindestens bis 16 Uhr anwesend zu sein. Dafür gibt es für die Schulen zusätzliche Lehrerstunden. maa