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"Die Leute hier leben den Glauben"

"Die Leute hier leben den Glauben"

Neunkirchen. Im Pfarrbüro von St. Marien sitzt eine Frau ruhig und fast verschüchtert auf einem Stuhl. Pfarrer Michael Wilhelm steht hinter dem Schreibtisch und telefoniert gerade: Es geht um ein zukünftiges Kommunionkind. Als er den Hörer auflegt, geht er lächelnd auf die Frau zu, begrüßt sie und geht mit ihr in einen anderen Raum, damit sie sich ungestört unterhalten können

Neunkirchen. Im Pfarrbüro von St. Marien sitzt eine Frau ruhig und fast verschüchtert auf einem Stuhl. Pfarrer Michael Wilhelm steht hinter dem Schreibtisch und telefoniert gerade: Es geht um ein zukünftiges Kommunionkind. Als er den Hörer auflegt, geht er lächelnd auf die Frau zu, begrüßt sie und geht mit ihr in einen anderen Raum, damit sie sich ungestört unterhalten können. "Es stehen immer Menschen unangemeldet vor der Tür", erzählt Pfarrer Wilhelm. Doch auch wenn der Geistliche mal unter Zeitdruck steht, wird niemand von ihm an der Tür abgefertigt. "Ich bitte jeden zum Gespräch, um zu zeigen, dass ich ihn als Person schätze." Die Frau, für die er sich an diesem Vormittag Zeit genommen hat, hat finanzielle Sorgen. Pfarrer Wilhelm hat sie an die Caritas weiterverwiesen. In solchen Gesprächen, erklärt Wilhelm, sei es wichtig, gut hinzuhören, um zu erkennen, was die eigentliche Not ist. Manchmal kommen aber auch Gemeindemitglieder ohne konkrete Probleme oder Anliegen vorbei. Sie suchen einfach das Gespräch, weil sie einsam sind. "Es ist wichtig, dass man selber auch nicht vereinsamt", sagt Pfarrer Wilhelm lächelnd. Deshalb fährt er regelmäßig mit Freunden in Urlaub. 1991 ist Michael Wilhelm zum Priester geweiht worden. "Ich bin diesen Weg gegangen - mit Höhen und mit Tiefen", erinnert er sich. Für das Leben im Zölibat sieht er wichtige Gründe: "Als Hauptbegründung für das Zölibat sehe ich die Freiheit." Ohne eigene Familie habe er viel mehr Zeit für seine Gemeinde. Als Wilhelm 2003 das Amt des Pfarrers in Neunkirchen annahm, hatte die Gemeinde den Ruf "schwierig" zu sein. "Doch ich war positiv überrascht", erinnert sich Wilhelm. 8000 Katholiken gibt es in seiner Gemeinde, und mit dem Gottesdienstbesuch ist er sehr zufrieden. "Die Leute hier leben den Glauben." Das Telefon klingelt und Pfarrer Wilhelm wird um den Termin zu einem Brautgespräch gebeten. 17 Hochzeitszeremonien konnte er im vergangenen Jahr halten. 85 Taufen gab es und 88 Beerdigungen. "Die Arbeit in der Gemeinde geht von der Wiege bis zur Bahre", erklärt Wilhelm. Fast täglich wird er mit Themen wie Krankheit, Armut oder Tod konfrontiert. "Ich bewältige vieles aus dem Glauben heraus", sagt er. Neben persönlichen Gesprächen und Telefonaten verbringt der Pfarrer am Vormittag auch einige Zeit am Computer, um E-Mails zu lesen. Auch hier wird er um Hilfe bei Problemen gebeten. Die moderne Technik der Kommunikation sieht der Pfarrer positiv. "Es ist eine schnelle Möglichkeit zu kommunizieren." Deshalb hat die Pfarrei auch bei wer-kennt-wen eine Gruppe für ihre Firmlinge angelegt. Für den Pfarrer ist es spannend, dass kein Tag genau wie der andere ist. "Die Begegnung mit Menschen ist das Schönste an meinem Beruf und das Feiern der Gottesdienste". Auch die Begegnung mit seinen jüngsten Schützlingen ist ihm wichtig. Deshalb stattet er an diesem Vormittag mal wieder dem Kindergarten St. Marien einen Besuch ab. Der liegt gerade auf der anderen Straßenseite und der Pfarrer braucht sowieso noch einige Angaben von den Erzieherinnen für eine Gemeindestatistik, die er ausfüllen muss. Die Kinder kennen den Geistlichen und begrüßen ihn schon am Eingang strahlend. "Ich fühle mich sehr wohl hier in Neunkirchen!", sagt Pfarrer Wilhelm und lächelt mit den Kindern um die Wette.

HintergrundArbeit ist ein Räderwerk, das niemals still steht. Rund um die Uhr wird irgendwo gearbeitet. Viele Tätigkeiten greifen ineinander, um die Wirtschaft und unser tägliches Leben am Laufen zu halten.Die SZ geht vor Ort zu den Menschen, die Tag und Nacht arbeiten. So entsteht ein Mosaik der Berufswelt in unserer Region rund um die Uhr. Und im Stundentakt: SZ-Journalisten besuchen Männer und Frauen für je eine Stunde an ihren Arbeitsplätzen und berichten darüber. red