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Die letzte Disko-Nacht auf dem Dorf

Die letzte Disko-Nacht auf dem Dorf

Rund 40 Jahre war die Uchtelfanger Diskothek Boccaccio ein landesweit bekannter Treffpunkt für Tanzbegeisterte und Nachteulen. Nun wandeln Gaby und Knut Stullgys das Anwesen in der Josefstraße zu einer Pflege-Einrichtung um. Bei der Abriss-Party lebte der Charme der alten Dorf-Disko noch einmal auf. DJ Reiner Mark schickte die Gäste musikalisch zurück in ihre Jugendzeit.

"Das gebbt's doch nitt", das entfährt gleich mehreren Besuchern der Boccaccio-Abriss-Fete. Denn statt dem erwarteten Leerstands-Mief mit Staub und Spinnweben gibt es unter der Lichtorgel einen immer noch sehr gastlichen Ort zu erleben. "Kurz durchgewischt", haben Gaby und Knut Stullgys mit ihrer Helferschar, ehe sie zum allerletzten Mal die Tür zu einer heißen Disko-Nacht in der Uchtelfanger Josefstraße aufgeschlossen haben.

Für die Betreiber-Familie Schorr, die 1971 aus dem ehemaligen Sanitär-Betrieb von Rudi Baltes eine Diskothek machte, gehörte eine qualitativ hochwertige Ausstattung einfach zu ihrem gastronomischen Konzept dazu. Halbrunde Sitzecken mit blumigem Samt, strukturierte Tapeten mit goldenen Ornamenten, Lampen und Lämpchen, ein Tresen, der auch heute noch eine prima Figur macht, eine Kaffeebar und natürlich die polierte Tanzfläche mit der funkelnden Loge des DJ - das ist das Boccaccio. Mehr als vier Jahrzehnte war es eine feste Größe im Nachtleben der Region. Unter den Gästen des Abschiedsabends ist auch Uwe Schorr. Er ist mit dem Boccaccio aufgewachsen, hat 18 Jahre auch das im unteren Geschoss gelegene Lokal "Zum Uwe" betrieben. Die gediegene Einrichtung trägt seine Handschrift, schließlich ist professionelle Raumausstattung auch sein Metier. Dass seine Mutter Elfie (sie kann wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit am letzten Tag ihres Boccaccio nicht dabei sein) Versicherungsprämien herunterschrauben konnte, weil es in den Tischen eingelassene wasserbefüllte Metall-Aschenbecher gab, erzählt er. Auch zeigt er die Besonderheiten der langen Theke mit ihren Aufkantungen, die verhindern, dass Gläser abstürzen. Ein Stilmittel auch die Plastikblumen-Arrangements. Festgeklebt, versteht sich. "Irgendwann waren zu wenig Gäste da, das Geschäft hat sich nicht mehr rentiert", erinnert er sich an die Gründe für Schließung und Verkauf an Familie Stullgys. Aber jetzt sei er froh, dass aus dem guten alten Boccaccio etwas Gutes für alte und behinderte Menschen werde. Derweil drängen sich die Gäste um die alte Registrierkasse aus seligen D-Mark-Zeiten im Durchgang zu den Toiletten. Kaum einer kann der Versuchung widerstehen, an den Knöpfen und Hebeln zu spielen. Auch die mehr als 40 Jahre alte Zapfanlage tut noch ihre Dienste. Anne und Jonas Stullgys kommen kaum mit dem Füllen der Biergläser nach. Die Stimmung steigt, die Tanzfläche füllt sich, wahrend vor den Regalen voller Schallplatten, Musik-Kassetten und CDs Reiner Mark die Musikwünsche erfüllt. Zu diesem Zweck werden Kärtchen herumgereicht, auf denen die ersehnten Titel zu vermerken sind. Nostalgie pur, auch wenn Mark die "Mucke" aus seinem Klapprechner zaubert. Fröhliches Kreischen seitens der tanzenden Damen bei "Rama Lama Ding Dong" oder "You are always in my mind".

Mittendrin im Trubel die Neu-Discothekenbesitzer Gaby und Knut Stullgys. "Ich habe mir immer gewünscht, eine Kurzzeitpflege in meinem Heimatort anbieten zu können; es gibt eine große Nachfrage danach", ist Gaby Stullgys glücklich über ihren Coup. Michael Leinenbach (Illipse!) hat die Ideen zur architektonischen Gestaltung geliefert, was einige Erwartungen weckt.

Es soll schon gedämmert haben, als die letzten Gäste das Boccaccio verließen. Als Dorf-Treffpunkt, vielleicht mit dem Namen "Café Bo", wird es nach dem Umbau (siehe Info) wieder eröffnet werden. "Wir wollen Teile der Einrichtung erhalten", hat Knut Stullgys angekündigt, damit etwas bleibt von dem Charme des Hauses, so wie ihn die Leute kennen, die im kommenden Jahr die Stullgys'sche Kurzzeitpflege nutzen werden.

 Discjockey Reiner Mark sorgte für beste Stimmung.
Discjockey Reiner Mark sorgte für beste Stimmung.

Zum Thema:

Auf einen BlickDas Ehepaar Gaby und Knut Stullgys - sie Betreiberin eines Pflegedienstes in Uchtelfangen, er spezialisiert auf den barrierefreien Umbau von Wohnungen für Senioren und Menschen mit körperlichen Einschränkungen - hat das Boccaccio-Anwesen von Familie Schorr erworben. Elfie Schorr hat mit ihrem damaligen Mann Werner Anfang der 70er Jahre den Diskotheken-Betrieb gestartet. Später wurde Elfie Schorr auch von ihrem Sohn Uwe in der Gastronomie unterstützt. Bis 2012 war das Boccaccio geöffnet, zuletzt nur noch einmal wöchentlich. Jetzt planen die neuen Eigentümer eine Kurzzeitpflege-Einrichtung für rund 20 Menschen, dazu zwei barrierefreie Wohnungen und ein Café als Treffpunkt für die Betreuten und alle Leute, die Lust auf gepflegte Gastlichkeit haben. Im Frühjahr nächsten Jahres soll der Umbau fertig sein. sl