Die Chemie muss stimmen

Bei der Betreuung von Senioren durch Pflegekräfte aus Osteuropa sind die Rahmenbedingungen oft schwammig und in vielen Fällen noch eine Grauzone. Wie es zu Gunsten aller Beteiligten und ganz legal funktionieren kann, zeigt eine Familie aus Merchweiler.

Sie kennen sich erst seit dem Winter und doch sind sie zu einem eingespielten Team geworden: Adolf König aus Merchweiler und Amarzena Okroj aus Polen.

Nach einem Herzinfarkt, einem Krankenhaus- und einem Reha-Aufenthalt war Adolf König auf einen Rollstuhl angewiesen, und es wurde klar, er brauchte eine Rundumbetreuung. "In ein Altenheim wollte ich ihn nicht schicken", erzählt Adolfs Sohn Andreas König. "Dort wäre er untergegangen, er braucht Menschen um sich herum und vor allem Aufmerksamkeit", so König Junior weiter. Doch eine 24-Stunden-Betreuung ist alles andere als günstig - und zu Recht, der Job ist anspruchsvoll und fordert sehr viel. Dann kam Andreas König auf die Schiffweiler Firma Pflegeherzen. Die Pflegekräfte-Vermittlungsfirma arbeitet mit einem Partnerunternehmen aus Polen. Dort werden die Frauen ganz regulär angestellt und dann nach Deutschland entsendet. So kam auch Amarzena zu den Königs nach Merchweiler. "Dass sie richtig gut Deutsch spricht, war mir wichtig, aber vor allem, dass sie mit meinem Vater klar kommt", erklärt Andreas König nach welchen Kriterien er die Betreuerin für seinen Vater aussuchte. Wenn man 24 Stunden am Tag miteinander verbringt, muss eben die Chemie stimmen.

Von seiner Familie wird Adolf König täglich besucht. Andreas wohnt im Nachbarhaus und sein anderer Sohn im obersten Stockwerk. Doch beide sind berufsstätig und können also nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Es geht nicht nur darum, den Alltag zu meistern und "Opa", wie ihn Amarzena Okroj nennt, beim Anziehen und Duschen zu helfen. "Wir gehen an die frische Luft spazieren, wir singen zusammen oder spielen ‚Mensch-ärger-dich-nicht'", erzählt sie weiter. Da leuchten Adolf Königs Augen. Die Spielstunden gefallen ihm besonders gut, und auch mit ihren Kochkünsten hat es ihm seine neue Mitbewohnerin angetan: "Sie kann nicht nur gut Deutsch sprechen, sondern auch gut Deutsch kochen."

Woher die gute Ausdrucksweise und die kulturellen Kenntnisse stammen? Im Fall von Amarzena Okroj, eindeutig "learning by doing". Seit über zehn Jahren pendelt die examinierte Pflegekraft zwischen Deutschland und ihrer Heimat in der Nähe von Danzig. "Ich war schon öfter in Berlin und in Bonn, wurde auch in Augsburg eingesetzt und nun bin ich zum ersten Mal im Saarland", sagt sie. Warum sie ihren Job lieber hier Tausende von Kilometern von zu Hause ausübt als in Polen, ist klar. Es liegt an die Bezahlung. Ihr Arbeitgeber - die polnische Firma - zahlt ihr für den Einsatz im Saarland einen Lohn, der doppelt so hoch ist, wie für eine ähnliche Tätigkeit in Polen. Natürlich sei es nicht einfach, so weit weg von zu Hause zu arbeiten. Manchmal zerre es schon an den Nerven, vor allem jüngere Kolleginnen kämen mit der Situation manchmal nur schwer zurecht. Sie habe schon längst keine Probleme mehr damit, erzählt Amarzena Okroj. Verheiratet sei sie nicht und ihr 28-jähriger Sohn sei längst ausgezogen.

Bei jeder der rund 100 von der Firma Pflegeherzen betreuten Familie arbeiten zwei Pflegekräfte aus Polen, die sich abwechseln. Jeweils nach zwei Monaten Arbeit packt Amarzenas Kollegin ihren Koffer, um nach Hause zu fahren. Zu diesem Zeitpunkt sitzt Amarzena bereits im Bus, auf einer 20-stündigen Reise Richtung Merchweiler.

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