Der Engel von der Scheib

Neunkirchen

Neunkirchen. Ihr Mann hatte es vor zwei Jahren vorweggenommen: Alex Zang dankte seiner Frau dafür, dass sie ihn 30 Jahre lang aufopfernd gepflegt hat, mit einer Visitenkarte, auf der steht: "Für mich bist Du Bundesverdienstkreuz-Trägerin!" Am heutigen Montag wird Christel Ruth Zang tatsächlich ein Orden angeheftet: Der saarländische Sozialminister Gerhard Vigener verleiht ihr im Neunkircher Rathaus das "Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland".Zwei Tage vor ihrem 70. Geburtstag im September kam das Verleihungsschreiben von Ministerpräsident Peter Müller. "Mir ist fast der Verstand stehen geblieben", so Christel Zang im Gespräch mit der SZ. Sie hatte keinen Schimmer davon, dass ihre Schwester Elke Schmickler und deren Lebensgefährte Willi Meier sich bereits ein Jahr zuvor um die Ehrung für die Scheiberin bemüht hatten. "Für mich ist meine Schwester eine stille, wahre Heldin!" schrieb Elke Schmickler an die Saarbrücker Staatskanzlei. Und führte auf, warum: Ab 1975 verlief das Leben von Christel Zang schlagartig in anderen Bahnen, nachdem ihr Mann beim Urlaub in Österreich einen tragischen Badeunfall hatte. Er war danach querschnittsgelähmt ab dem Brustbereich. In der langen Zeit der folgenden Krankenhausaufenthalte war Christel Zang fast rund um die Uhr in der Klinik ("Die Mittagsschicht hat mich manchmal heimgeschickt"). Sie eignete sich medizinische und pflegerische Fähigkeiten für die Betreuung ihres Mannes an - eine Aufgabe für den Rest ihres Lebens. Nur dadurch sei es möglich gewesen, dass Alex Zang nicht in eine Pflegeeinrichtung musste, meint ihre Schwester.Damit nicht genug, nahm sie sich auch der zuletzt aufwändigen Pflege der Schwiegereltern an - bis zu deren Tod. Auch zwei Tanten ihre Mannes "adoptierte" sie als Pflegeperson. Um eine davon - mit 98 Jahren im Altersheim - kümmert sie sich nach wie vor. Davon halten sie auch eigene gesundheitliche Rückschläge wie zwei Knieoperationen und Wirbelbrüche nicht ab. Damit immer noch nicht genug. Warum sie Pfarrer Heinz Walbrodt einmal "Engel von der Scheib" genannt hat, wird daran deutlich, dass sie immer auch für die komplette Nachbarschaft in der Vogelschlagstraße genau dieser hilfreiche Engel ist. Noch im Mai dieses Jahres hat sie einem Nachbarn wohl das Leben gerettet, als sie ihn nach einem Schlaganfall zusammengesackt fand und alles Nötige veranlasste."Manchmal kann ich nicht begreifen, wie ich das alles geschafft habe", sagt sie selbst. Seit 33 Jahren war sie nicht mehr im Urlaub. Vor kurzem erhielt sie die erste Massage ihres Lebens. Und sie kocht für die ganze Familie - dazu zählen Sohn Jürgen und Partnerin Heike, Tochter Inge und Schwiegersohn Ernst sowie die Enkel Raffale und Manuel. Und dennoch: "Wenn ich von heute auf morgen keine Aufgabe mehr hätte, wüsste ich nicht, was ich mit mir anfangen sollte."

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