Das Rekord-Rathaus

Nach ständigen Querelen haben sich die meisten Parteien im St. Ingberter Rathaus aufgespalten. So saßen zeitweise neun Fraktionen im Stadtrat. Angefangen hat alles mit der Bürgermeisterwahl 2011.

Kommunalpolitik ist nichts für schwache Nerven. Wenn im St. Ingberter Stadtrat etwa der Sprecher der Unabhängigen Christdemokraten (UCD), Markus Gestier, zu einem Redebeitrag ausholt, lehnt er sich gerne in seinem Sessel zurück und beginnt ganz sonor mit den Worten: "Wir als Christdemokraten." In den Reihen der CDU-Fraktionäre werden da schon mal die Ohren rot. Der Satz ihres ehemaligen Fraktionschefs und heutigen Widerparts ist ihnen ein Scherbenstück in der kommunalpolitischen Seele. Nach der Wahl 2009 war die CDU mit 17 Mandaten klar stärkste Kraft im St. Ingberter Rathaus, gefolgt von der SPD (zehn Sitze) und der Familien-Partei (sechs Köpfe stark). Das ist lange her. Die CDU hat dieser Tage zwölf Mitstreiter, die Abspaltung UCD fünf. Die SPD ist ebenfalls entzweit in fast gleich starke Blöcke. Die Familien-Partei ist mit einem Ex-Linken verstärkt auf Platz zwei vorgerückt, die Linke hat sich atomisiert. Nur ein Ratsmitglied ist verblieben, der Fraktionsstatus passé. Zwischenzeitlich waren neun Fraktionen im Stadtrat. Saarlandrekord. Diese Vielfalt sorgt für teils lange Diskussionen, der Ton im Rat kann schon mal ausgesprochen rau werden.

Wie kommt's? Wer die St. Ingberter Stadtpolitik verstehen will, muss auf die Oberbürgermeisterwahl 2011 zurückschauen. Die CDU ging mit dem damaligen Amtsinhaber Georg Jung ins Rennen. Doch der war umstritten wegen seines autoritären Führungsstils. Deshalb trat der damalige Fraktionschef Gestier gegen ihn in der parteiinternen Kandidatenkür an - und unterlag. Die Partei verlor schließlich nicht nur den OB-Posten, sondern auch den inneren Zusammenhalt. Mit Gestier spaltete sich ein Teil der alten Garde ab. Bei der SPD riss ebenfalls die OB-Wahl einen tiefen Graben auf. Sven Meier, der die Stichwahl knapp verpasste, schlug sich auf die Seite des heutigen Oberbürgermeisters Hans Wagner (Familien-Partei). In beiden Volksparteien sorgte der Zwist für tiefe persönliche Wunden. Der heutige OB Wagner wiederum war als politischer Spätstarter zunächst Christdemokrat und hatte die Mehrheit im Ortsrat des Stadtteils Rohrbach - er war dort Ortsvorsteher - bei den Wahlen 2009 von der CDU zu seiner neuen Partei mitgenommen. Ex-OB Jung und er lieferten sich in der Folge erbitterte Auseinandersetzungen.

Mit Wagners Amtsübernahme 2012 formierte sich ein bunter Zusammenschluss ("Bündnis der Vernunft"), der alle Fraktionen außer der CDU-Alt und SPD-Alt einschloss. Doch die Vernunft hat die ungleichen Partner nicht lange vereint. Eine gemeinsame Linie ist höchstens bei der Alten Baumwollspinnerei zu erkennen: Die St. Ingberter Kommunalpolitik macht zunehmend Front gegen die Politik des Oberbürgermeisters - eines bekennenden Kritikers des Umbaus in ein Kulturzentrum. Jetzt stehen die Kommunalwahlen vor der Tür. Ob sich viel ändert, ist ungewiss: Acht Parteien und Bürgerlisten wollen in den Rat. Mit ihnen viele bekannte Gesichter.