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Bildungsnetzwerk im Landkreis St.Wendel um Erinnerungskultur erweitert

Kostenpflichtiger Inhalt: Neuer Bereich im Bildungsnetzwerk : In Erinnerung an das jüdische Leben von einst

Sich der Vergangenheit bewusst sein — das will das Bildungsnetzwerk mit Hilfe eines neuen Bausteins jungen Menschen außerhalb der Klassensäle vermitteln.

Ein Stein im Pflaster, der sich von den anderen unterscheidet, einen Namen trägt. Eine Stele aus schwarz-glänzendem afrikanischen Grabbo-Gestein, die sich an jenem Platz erhebt, an dem einst eine Synagoge stand. Es sind Spuren jüdischen Lebens – mitten in der Stadt. Sichtbar gemacht, damit es nicht vergessen wird.

Nicht vergessen, das ist seit gut zehn Jahren ein Anliegen des Landkreises St. Wendel und seiner Erinnerungskultur. Diese ist nun  auch Teil des Bildungsnetzwerkes (siehe Infobox). Das Projekt, angedockt an die Kulturlandschaftsinitiative St. Wendeler Land (Kulani) und finanziert mit Leader-Mitteln der Europäischen Union, gibt es seit 2012. Ziel ist es, Schulen und Kindergärten mit außerschulischen Lernorten in Kontakt zu bringen. Dazu wurden dicke Ordner mit Informationen und Kontaktdaten erstellt. Bereiche wie „Natur“ oder „Kulturelles Erbe“ haben sich längst etabliert. Jetzt gibt es 21 neue Lernorte mit reichlich Material. „19 der Angebote sind für Schüler ab Klasse fünf geeignet, zwei schon für Grundschüler“, erläutert Landrat Udo Recktenwald (CDU). Nach Aufassung des Kommunalpoltikers ist Erinnerungsarbeit heute aktueller denn je. Wegen rechtsradikaler Tendenzen, die wieder deutlicher spürbar sind, sei es um so wichtiger, schon junge Menschen aufzuklären. „Was während der NS-Zeit geschah, geschah nicht nur irgendwo in Deutschland, sondern auch hier bei uns“, mahnt Recktenwald.

Passenderweise wird der neue Themenbereich des Bildungsnetzwerkes an der Gemeinschaftsschule in Türkismühle vorgestellt. Denn wie deren Schulleiterin Monika Greschuchna berichtet, begeben sich ihre Schüler in verschiedenen Projekten schon seit 2003 auf die Spurensuche jüdischen Lebens. Seit 2011 gibt es die Arbeitsgemeinschaft (AG) Stolpersteine, betreut von Lehrer Jörg Friedrich. So ist es auch nicht weiter überraschend, dass in diesem Fall mal eine Schule selbst für außerschulische Lernorte wirbt. „Wege der Einnerung“ heißt das Projekt der Schüler für Schüler. Fast 200 Seiten Material haben die Jugendlichen zusammengetragen. Kurz zusammengefasst gibt es diese auch in einem Flyer. Darin sind acht Stationen in der Gemeinde Nohfelden ausgewiesen. Orte, die von jüdischer Kultur zeugen. „An all diesen Orten stehen Stelen“, erläutert Jörg Friedrich. Diese seien auch mit QR-Codes versehen, die zu einer Internetseite mit weiteren Informationen führen. Einzelne Stationen lassen sich bei Wandertagen verbinden. Die ganze Route kann beispielsweise mit Rädern abgefahren werden.  Außerdem steht dauerhaft eine Ausstellung über jüdische Geschichte in der Schule.

Einen Beitrag zur Erinnerungskultur leistet schon seit vielen Jahren der Verein Wider das Vergessen und gegen Rassismus aus Marpingen. Mit sechs Angeboten beteiligt sich der Verein nun auch am Bildungsnetzwerk. Der Vorsitzende Erberhard Wagner erinnert sich daran, dass in seiner eigenen Jugend die Nazi-Zeit kein Thema gewesen sei. Erst durch eine US-Serie in den 1970er-Jahren mit dem Titel „Holocaust“ sei er auf die Thematik aufmerksam geworden, „die mich dann nicht mehr losgelassen hat“. Bis heute nicht. Der ehemalige Lehrer besuchte mehrmals mit Schülern das Konzentrationslager (KZ) Auschwitz. Wie dieses heute aussieht und was während des Nazi-Regimes dort geschah – darüber gibt der Verein in einer Präsentation Auskunft.

„Ein weiters Angebot ist eine Führung entlang der Stolpersteine in St. Wendel“, sagt Wagner. 20 seien bislang verlegt. Sie tragen die Namen jüdischer Opfer. Über deren Schicksal berichten die Vereinsmitglieder vor Ort. Ebenfalls als Führung möglich sind die Themen „Jüdisches Leben in den 1930er-Jahren“ oder spezieller „Die jüdischen Geschäfte“ in dieser Zeit. Davon gab es ab 1860 einige in der Kreisstadt. Darunter das Kaufhaus Daniel, später bekannt als Kaufhaus Stier, heute ist steht an der Stelle die Dom-Galerie. Das blühende wirtschaftliche Leben der Juden endete abrupt nach der Angliederung des Saar-Gebiets an Hitler-Deutschland. Die meisten jüdischen Unternehmer mussten ihre Geschäfte unter Wert verkaufen. „Darüber gibt es noch Notaraufzeichnungen“, sagt Wagner. Wahlweise behandelt der Verein beide Themen auch in Form einer Präsentation. Gleiches gilt für den Komplex „Zerstörung der St. Wendeler Synagoge“. Sie wurde im November 1938 geschändet und zerstört. Als letztes Angebot nennt Wagner Führungen über den 1871 angelegten jüdischen Friehof in Urweiler.

Diesen haben auch die Heimatfreunde Urweiler in ihrem Bildungsnetzwerks-Programm. Aber mit anderem Schwerpunkt. Wie deren Vorsitzender Franz Josef Marx berichtet, hat der Verein das Schicksal von Zwangsarbeitern erforscht, die dort namenlos begraben wurden. 32 an der Zahl. „28 waren Russen, vier Polen“, sagt Marx. 17 von ihnen waren unter 30 Jahre als sie starben, der Älteste 64. Inzwischen hat der Verein eine Gedenkstätte errichtet, die Schulklassen besuchen können.

Der vierte wichtige Partner in Sachen Erinnerungskultur ist das Adolf-Bender-Zentrum in St. Wendel. „Wir haben keine Lernorte, die statisch sind“, sagt Geschäftsführer Jörn Didas. „Wir kommen vor Ort.“ Zum Beispiel zusammen mit Zeitzeugen, die von der NS-Zeit berichten. Im Landkreis verteilt gibt es sieben „Orte gegen das Vergessen“. Stelen erinnern dort mit Fakten an das jüdische Leben.  Das Schicksal von Willi Graf und die Ereignisse der Reichspogromnacht im Saarland sind weitere Themen, die das Adolf-Bender-Zetrum für Jugendliche aufbereitet hat. Vor Ort ist die Dauerausstellung „Moorsoldatenzyklus“ zu sehen, wandern kann hingehen eine Schau mit dem Titel „Hass ist ihre Attitüde“.

An Grundschüler richtet sich das Programm „Kinderrechte, Menschenrechte“. Zunächst, so erläutert Didas, gehen Mitarbeiter des Zentrums an die Schulen und besprechen mit den Kinder, was Menschen- und Kinderrechte überhaupt bedeuten. Zu einem zweiten Termin schaut dann ein Richter vorbei. Dem können die Schüler Fragen stellen.

Stolperstein in der St. Wendeler Schloßstraße zum Gedenken an Erna Berl. Foto: B&K/Bonenberger/

Mit dem Bereich Erinnerungskultur  ist das Bildungsnetzwerk nochmal um 21 Lernorte reicher. „Es wird wohl nicht der letzte Baustein sein“, glaubt Landrat Recktenwald. Denn er hält es für wichtig, dass die jungen Menschen ihre Wurzeln kennen, etwas von ihrem Zuhause wissen. „Heimatverbunden und weltoffen zu sein, ist kein Gegensatz.“ Im Gegenteil.