Begegnungen mit Bonsai-Menschen

Ungewöhnliche Lesung mit Kalligraphie-Vorführungen bei Bücher König: Der Neunkircher Objektkünstler Seiji Kimoto stellte sein Buch „Vom Baum geschüttelt“ mit Haikus und Illustationen vor.

"Allein sitzend, gegenüber der Mond", schreibt oder vielmehr pinselt Seiji Kimoto mit ein paar schwungvollen Strichen auf den großen Bogen Seidenpapier vor ihm auf dem Boden. Dieses Haiku (kürzeste Gedichtform der Welt) trifft die Situation hier im Verkaufsraum von Bücher König nur bedingt. Tatsächlich kniet Kimoto, zünftig bekleidet mit Jimbei, einem Bindegewand, und Tabi, dunklen Socken mit abgeteiltem großen Zeh, allein auf dem Teppich und füllt ein Blatt nach dem anderen mit eindrucksvollen Kalligraphien. Beobachtet wird er dabei allerdings mitnichten von einem Himmelsgestirn, sondern Mitteleuropäern. Denen schenkt der 1937 in Osaka geborene Innenarchitekt, Zen-Maler und Objektkünstler Kimoto an diesem Abend interessante Einblicke in fernöstliche Kultur, die zum Teil auch befremden.

Denn parallel zu seinen künstlerischen Schreibübungen werden in Endlosschleife Illustrationen aus seinem Buch auf eine Leinwand projiziert: menschliche Figuren, deformiert, skelletiert, mit abgehackten, verdrehten Gliedmaßen. "Das sind gequälte Menschen", meint eine ältere Dame verwundert. Von heiter keine Spur.

"Wir gehen neue Wege", hatte Inhaberin Edith Riefer die ungewöhnliche "Lesung" eröffnet. Aber es bot sich ja auch an: Schließlich kommt es nicht oft vor, dass ein in Neunkirchen lebender Japaner ein Buch mit Zeichnungen und Kaligraphien heraus bringt. "Vom Baum geschüttelt - Schrecklich heitere Zwiegespräche" heißt Kimotos neuestes Werk, das sich erneut mit den erstmals 1983 in dem gleichnamigen Buch vorgestellten "Bonsai-Menschen" beschäftigt. Auf schönem hochwertigem Papier setzt Kimoto in Bonsaischnitte gepresste Figuren kalligrafisch gestalteten Haikus und heiteren "Lebendlingen" gegenüber. "Der Kontrast ist gewollt", betonte seine Tochter, Herausgeberin Haruka Isabel Kimoto. Hier die Haikus, die oft von Naturschönheiten handeln, und dort die von außen in eine bestimmte Form gezwungene Pseudo-Naturschönheit der Bonsaibäumchen, die Kimoto unter Beibehaltung der traditionellen Bonsaitechniken und -typen in Bonsai-Menschen umgestaltete.

"Für uns als Verlag war die Beteiligung an diesem Projekt nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Herausforderung", erklärte Stefan Wirtz vom Conte Verlag. Den gewöhnungsbedürftigen Zeichnungen sei er im Laufe des dreivierteljährigen Entstehungsprozesses "immer näher gekommen".

Was ein Großteil der Gäste als sonderbar bis abschreckend empfand, würde in Asien belacht werden. "Der Humor der Japaner ist so." Der Titel des Buchs stammt übrigens von Kimotos Enkelin Himika. Die Sechsjährige war ebenfalls zugegen und lockerte mit ihrem erfrischenden Temperament und Fragen à la "Dauert das noch lange?" die Stimmung auf. Einen heiteren Zug erhielt die Veranstaltung nicht zuletzt durch Haikus wie jenes vom "struppigen Kater", der doch noch eine Frau findet.