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Bäcker war nicht sein Traumberuf

Bäcker war nicht sein Traumberuf

Wiebelskirchen. Auf dem Grundstück und im Haus von Jürgen Specht weist wenig darauf hin, dass der 72-Jährige Bäckermeister ist und über Jahrzehnte seinen eigenen Betrieb geführt hat. Acht Hühner picken vor sich hin, ein Pferd bettelt im Stall nach Äpfeln und im Schuppen steht sogar noch eine alte Kutsche

Wiebelskirchen. Auf dem Grundstück und im Haus von Jürgen Specht weist wenig darauf hin, dass der 72-Jährige Bäckermeister ist und über Jahrzehnte seinen eigenen Betrieb geführt hat. Acht Hühner picken vor sich hin, ein Pferd bettelt im Stall nach Äpfeln und im Schuppen steht sogar noch eine alte Kutsche."Ich wollte eigentlich Landwirt werden, schon im Kindergarten", sagt Jürgen Specht, "aber meine Familie hatte eine Bäckerei und meine Mutter wollte, dass ich die übernehme." Als der 14-Jährige mit der Lehre anfing, war sein Vater bereits im Krieg gefallen, die wiedergeöffnete Bäckerei wurde von Pächtern zu Grunde gewirtschaftet. 1957 fand sich gar kein Pächter mehr und für den erst 21-jährigen Jürgen Specht gab es keine andere Wahl: Er musste den Betrieb übernehmen. Zur Meister-Prüfung wollte man ihn nicht zulassen, dafür war er zu jung, also fuhr er nach Kaiserslautern: "Zwei Mal in der Woche musste ich dort in die Schule. Die Züge fuhren so ungünstig, dass ich erst kurz vor Mitternacht zuhause war. Und um ein Uhr stand ich schon wieder in der Backstube." Nur ein Jahr später war Specht der jüngste Bäckermeister der damaligen Zeit.Die Bäckerei brachte Jürgen Specht mit ein paar speziellen Grundsätzen aus dem Tief heraus, die er während seiner Wanderjahre in Köln, Güdingen und Basel gelernt hat: "Erstens spare nicht am Material und zweitens verliere lieber Zeit als Kundschaft." Bis zu seiner "Pensionierung" im Jahr 1995 wurden in der Bäckerei Specht nie Backmischungen oder Fertigprodukte verwendet. Aus Köln brachte Specht nicht nur seine Grundsätze, sondern auch Vollkornbrot mit, in Basel wurde er von Kuchen in kleinen Formen und geflochtenen Hefemännchen inspiriert. Und der Meister stand oft 14 Stunden am Tag im Laden in der Neunkircher Wilhelmstraße. Und das hat sich ausgezahlt: Als in den 90er Jahren die meisten Bäckereien Umsatzeinbußen hinnehmen mussten, konnte er die Einnahmen sogar steigern. Bis über die Grenzen Neunkirchens hinaus bekannt wurde er unter anderem für seinen Streuselkuchen. Heute kann sich Specht mit voller Hingabe seinen Tieren und seinem zweieinhalb Hektar großen Grundstück in Wiebelskirchen widmen. Die Nähe zur Natur ist für den Rentner das Größte. Doch das reicht ihm offenbar nicht aus. Seit Jahren engagiert er sich für den Bürgerstammtisch Unterstadt, organisiert den Hinterhofwettbewerb und hat jetzt den ersten Film über die Unterstadt Neunkirchens fertig gebracht - ein Mammutprojekt. Der Ruhestand ist für ihn also eher ein Un-Ruhestand, "aber es ist ein schöner Lebensabschnitt." "Ich wollte eigentlich Landwirt werden, schon im Kindergarten"Jürgen Specht