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Aus voller Lunge gegen das Trauma

Aus voller Lunge gegen das Trauma

Der Beckinger Peter Mittermuller reist seit zehn Jahren in Krisengebiete und unterrichtet traumatisierte Menschen in Yoga und Atemtechniken. Dabei musste er auch Skeptiker erst einmal überzeugen.

Nach dem Erdbeben konnte die Samoanerin nicht mehr in ihrem eigenen Bett schlafen. Die Angst war zu groß, der Schock zu nah. Nach drei Tagen konnte sie wieder schlafen. Geholfen haben Atemtechniken, die Peter Mittermuller der Frau beibrachte. Auch ein erneutes, kleineres Erdbeben brachte sie nicht aus der Ruhe.

Der 53-Jährige arbeitet für die "Art of Living Foundation" (die Kunst des Lebens), eine der größten unabhängigen humanitären Organisationen der Welt. Er reist in Krisengebiete und gibt dort Kurse für die Einheimischen - Meditation, Yoga und eben Atemtechniken. Er war 2009 nach dem Erdbeben in Samoa, nach einem Tsunami auf den Fidschi-Inseln und drei Jahre lang in Christchurch, Neuseeland, ebenfalls nach einem Erdbeben. "Die Häuser stehen dann wieder, Essen ist genug da. Aber die psychischen Schäden bei den Menschen sind geblieben", erklärt der gebürtige Beckinger.

Atemtechniken, so sagt er, sind eine Methode, um die erlebten traumatischen Ereignisse zu verarbeiten und den Geist zu beruhigen. Ein Werkzeug, um mit Stresssituationen umzugehen. "Je nach Stimmungslage verändert sich die Atmung des Menschen. Sie wird schneller, wenn er aufgeregt ist, langsamer, wenn er traurig ist. Doch das funktioniert auch umgekehrt", betont Peter Mittermuller. Durch das bewusste Regulieren der Atmung könne der Geist beruhigt werden. Zusätzlich würden die erlebten Traumata durch die Techniken reduziert. Eine Erklärung gibt es dafür nicht. "70 Prozent der Kursteilnehmer sagen, dass ihnen die Techniken helfen. Viele werden von ihren Ängsten befreit", erklärt Mittermuller.

Als Peter Mittermuller vor zehn Jahren als Umweltingenieur in Neuseeland arbeitet, wird er zunehmend gestresst, der Job macht ihm zu schaffen. Als ihm ein Freund von einem Kurs über Atemtechniken erzählt, nimmt er das Angebot nach eigenen Worten zunächst nicht ernst. "Ich habe darüber gelacht, wusste aber, dass ich etwas ändern muss." Schon nach der ersten Sitzung habe er ein Erfolgserlebnis gehabt. "Ich konnte den Stress beiseiteschieben." Der Erfolg wird zu Begeisterung und Mittermuller lässt sich zum "Art of Living"-Lehrer ausbilden.

Weil seine Mutter krank wird, lebt er im Saarland und in Hamburg, kehrt aber wieder nach Neuseeland zurück. Dort arbeitet er zunächst mit Gefängnisinsassen und mit Opfern von Gewaltverbrechen. Dabei ist der erste Kontakt zu den Menschen das Schwierigste. Mittermuller und seine Kollegen sprechen mit Zeitungen, Stammesführern und Dorfältesten. Oft wird mit Übersetzern gearbeitet. Dann bieten sie Vorträge an, um anschließend zu den Kursen einzuladen - in von Schulen oder Firmen zur Verfügung gestellten Räumen oder draußen, wenn der Andrang zu groß wird.

"Es reicht, zwei oder drei der Teilnehmer zu überzeugen und zu begeistern, die anderen ziehen dann mit", sagt er. Schon nach zehn Stunden merkten die Teilnehmer positive Effekte. So auch ein Maori aus Neuseeland, ein Nachkomme der Urbevölkerung, der bei Mittermuller einen Kurs im Gefängnis besuchte. "Er war volltätowiert, baute sich vor mir auf und sagte, er sei wütend auf mich. Ein bisschen Angst hatte ich schon, aber er fragte: Warum warst du nicht schon vor 20 Jahren hier?" Der Maori habe seinen aufgewühlten Geist nicht beruhigen können, habe zu Drogen gegriffen und sei auf die schiefe Bahn geraten.

Solche Momente sind Mittermullers Motivation für den Job. Die Nachfrage nach Kursen und Ausbildung sei derzeit so hoch, dass er oft nicht nachkommt. Im Moment ist Peter Mittermuller in Bengalore, Indien, wo er weitere Lehrer ausbildet. Und wenn der Stress zuviel wird, macht er Atemübungen. "Denn Atem ist Leben."