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Auf der Suche nach dem perfekten Wurf

Auf der Suche nach dem perfekten Wurf

Saarbrücken. Beim Betreten der Bowling-Arena in Saarbrücken-Güdingen wird mir schnell klar, dass diese Anlage rein gar nichts mehr mit den muffigen Kegelbahnen diverser Mehrzweckhallen zu tun hat, die in den Achtzigern ein Anlaufpunkt für Kindergeburtstage waren. Hier ist High-Tech angesagt. Dutzende Monitore informieren über Spielstände und ersetzen lästiges Gekritzel auf Schiefertafeln

Saarbrücken. Beim Betreten der Bowling-Arena in Saarbrücken-Güdingen wird mir schnell klar, dass diese Anlage rein gar nichts mehr mit den muffigen Kegelbahnen diverser Mehrzweckhallen zu tun hat, die in den Achtzigern ein Anlaufpunkt für Kindergeburtstage waren. Hier ist High-Tech angesagt. Dutzende Monitore informieren über Spielstände und ersetzen lästiges Gekritzel auf Schiefertafeln. Lady Gaga begrüßt mich aus den Boxen als "Alejandro". Und allein die Namen der Bowling-Kugeln, die es im Shop zu kaufen gibt, er- innern eher an ein Heavy-Metal-Konzert als ans Schieben einer ruhigen Kugel. "Jigsaw Trap", "Hardcore Grind" und "Raw Hammer Jacked" wecken zwar mit ihrem psychedelischen Design mein Interesse, aber 200 Euro möchte ich in Anbetracht meines spielerischen Unvermögens lieber noch nicht investieren. Also begebe ich mich auf die Suche nach Christian Krämer.Der Vorsitzende der Saarländischen Bowling Union hat mich eingeladen, um mir eine Sportart näher zu bringen, die zwar jeder relativ flott irgendwie ausüben kann, die aber nur wenige richtig gut beherrschen. "Zuerst brauchst du Schuhe mit glatten Sohlen, damit du auf der Bahn gut gleiten kannst", teilt mir Krämer mit und führt mich zur - wie soll man sagen: Schuhausleihstelle vielleicht? Es ist zwar nicht unbedingt jedermanns Sache, in Sportschuhe zu schlüpfen, die zuvor von zig Personen getragen wurden, aber mir wird versichert: "Die sind tip top und werden nach jedem Gebrauch desinfiziert." Also Nase zu und rein.Auf Bahn acht erwarten uns neben René Filor und Lars Jacobi auch Thorsten Filor, einer der Bahnbetreiber und Spieler in der 2. Bundesliga. Alle haben natürlich ihre eigenen Kugeln dabei, von den Schuhen ganz abgesehen. Sagt man überhaupt Kugeln? "Statt Kugel sagt man Ball, statt Kegel sagt man Pin, statt Runde sagt man Frame, statt Rinne sagt man Gutter. Und am Ende der Bahn stehen auch keine neun, sondern zehn Pins", klärt Christian Krämer auf. Na dann: Gut Holz. Dieser Satz wurde von den Keglern übernommen. "Schuhe hast du ja, jetzt suchen wir noch den passenden Ball aus. Männer spielen meistens mit einem 14er oder 15er, die wiegen so knapp sieben Kilo. Dir würde ich einen 13er empfehlen", rät mir Krämer. Bitte? "Der ist für Anfänger ganz gut geeignet." Ach so, na gut dann. Die Art und Weise, mit der man mittels Daumen, Ring- und Zeigefinger den Ball in seinen Bohrungen festhält, erinnert erneut an Metal-Konzerte, auf denen jener Satansgruß oft gen Himmel gestreckt wird. Thorsten Filor kommt zu uns und gibt mir Tipps. "Die Knie leicht beugen, Handgelenk gerade halten und locker bleiben. Etwa drei Schritte anlaufen und dabei den Ball frei an der Schulter pendeln lassen und so abwerfen, dass er etwa 40 Zentimeter hinter der Linie aufkommt. Der Spieler muss den Ball beherrschen, nicht umgekehrt. Alles klar?"Alles klar. Kann ja auch nicht so schwer sein, zehn Pins zu treffen, die am Ende einer 20 Meter langen und 108 Zentimeter breiten Bahn stehen. Also volle Konzentration und möglichst den vordersten, den Headpin, treffen, damit der seine Kollegen mit in den Abgrund reißen kann.Vor lauter Konzentration verkrampfe ich dermaßen, dass der Ball nach geschätzten drei Metern im Gutter landet und freundlich an den Pins vorbei kullert. Zweiter Versuch, gleiches Ergebnis. Statt einen Bogen zu den Pins hin zu drehen, macht mein Ball das genaue Gegenteil und entscheidet sich erneut für den barrierefreien Weg durch die Rinne. Mein Ball ist ein Feigling. "Dein Anlauf ist schon ganz gut", baut mich Krämer auf und fügt hinzu: "Genauigkeit ist schwierig."Nach vier Versuchen und noch immer keinem Punkt wechsele ich Ball und Taktik. Wie lautet die alte Fußballweisheit: Volles Rohr, Mitte Tor. So wird's gemacht. Ich werfe erneut, und ein Pin fällt. Mit einer fairen Geste klatschen die anderen mit mir ab und geben zu: "Je höherklassiger man spielt, desto weniger wird abgeklatscht." Im neunten Frame passiert es dann: Das Licht in der Halle geht aus, und der Scheinwerfer richtet sich auf mich. In Zeitlupe visiere ich mein Ziel an und gleite grazil zur Abwurflinie. Der Ball wirbelt über den dünnen Ölfilm der Bahn und donnert in die hölzerne Zehner-Abwehrkette. Strike! Jubel bricht aus, Menschen liegen sich in den Armen, und Konfetti regnet von der Decke. Na gut, bis auf den Punkt mit dem Strike war das leicht übertrieben, aber mir kam es zumindest so vor. Am Ende habe ich 85 Punkte auf der Haben-Seite und liege damit gut 100 Punkte hinter dem Dritten. Macht aber nix, denn der Termin für die Revanche steht schon. Und auch wenn Bowling kein Heavy Metal ist, bleibt mir die Erkenntnis: Bowling ist auf jeden Fall Rock'n'Roll. "Der Spieler muss den Ball beherrschen, nicht umgekehrt."Thorsten Filor, Spieler in der 2. Bowling-Bundesliga, gibt SZ-Mitarbeiter Marc Prams (Foto: spektrum) einen Tipp