„Am Ende sind alle Verlierer“

„Am Ende sind alle Verlierer“

Teils scharf kritisieren Lehrerverbände den Entwurf des Bildungsministers zur Inklusion. Für unrealistisch halten sie dessen Vorgabe, die Eingliederung tausender behinderter Kinder kostenneutral zu gestalten.

Inge Röckelein nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um den Gesetzentwurf zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention an Schulen von Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) geht: "Als Fortschritt verbrämt, handelt es sich in Wahrheit um einen Rückschritt für die behinderten Kinder", teilt die Landesvorsitzende des Verbands Deutscher Realschullehrer im Saarland (VDR) nach der externen Anhörung des Entwurfs mit. Es würden nicht die notwendigen Rahmenbedingungen für die Inklusion behinderter Schüler an Regelschulen geschaffen. Daher lehnt der VDR den Entwurf in der jetzigen Form ab. Hauptkritikpunkt ist die Ankündigung des Ministers, keine zusätzlichen finanziellen Mittel in die Inklusion zu stecken. "Die Umsetzung der Inklusion soll mit dem vorhandenen Personal - unter Berücksichtigung des Einsparziels von 588 Lehrerstellen bis 2020 - bewältigt werden", heißt es in einem Vorblatt zum Gesetzentwurf. Doch wenn die Förderschullehrer auf die Regelschulen verteilt werden, reiche deren Anzahl nicht aus, so der VDR. Der Saarländische Philologenverband (SPhV), Vertreter der Gymnasiallehrer, begrüßt zwar die Inklusion, aber auch er sieht einen Mangel an Förderschullehrern. Im Entwurf gebe es gute Ansätze, etwa den Erhalt der Förderschulen sowie die stufenweise Einführung der Inklusion. Doch werde bei der Finanzierung auf Mittel aus der demographischen Rendite spekuliert, "die irgendwann einmal in unbestimmter Höhe frei werden". Auch der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband kritisierte die Pläne als "Inklusion zum Nulltarif". Die Vorsitzende Lisa Brausch fürchtet, dass die Grundschullehrer allein gelassen werden. Denn es sei nicht geplant, den 162 Grundschulen mehr als die derzeit 105 Förderschullehrer zuzuweisen.

Stufenweise Einführung

Ab dem Schuljahr 2014/15 sollen "grundsätzlich" alle Kinder im Einzugsbereich einer Grundschule in die Klasse 1 aufgenommen werden. Vom Schuljahr 2015/16 an soll dies für Gemeinschaftsschulen gelten, ab dem Schuljahr 2020/21 auch für die beruflichen Schulen. Aktuell sind 46,4 Prozent der behinderten Kinder an Regelschulen integriert (vgl. Grafik).

Die Verbände stören sich an den Plänen, Förderschullehrer überwiegend als Berater einzusetzen. Die beste Förderung sei, wenn der Förderlehrer selbst mit den behinderten Kindern arbeiten könnte, meint der VDR. Problematisch sei es, dass Regelschullehrer nicht im gleichen Ausmaß für die Beratung freigestellt würden, so der SPhV. "Wen sollen die Inklusionsberater denn beraten, wenn die Regelschullehrkräfte keine Zeit dafür haben?", fragt SPhV-Vorsitzender Marcus Hahn. Ähnliche Schwierigkeiten sieht sein Verband im Bereich der Sachausstattung. "Ganz abgesehen von der Barrierefreiheit der Schulen, die schätzungsweise noch mindestens fünf bis zehn Jahre Investitionstätigkeit der Schulträger erfordert, gibt es für sehr viele Schulfächer noch gar kein inklusionstaugliches pädagogisches Material", findet Hahn. Er fordert, die vorhandenen Mittel konzentriert für "qualitativ überzeugende und gut durchdachte Maßnahmen" einzusetzen.

"Am Ende sind alle Verlierer", sagt Röckelein, sollte der Entwurf so bleiben, "die Lehrer der Förderschulen, die ihre Fachkompetenz nicht mehr in die gezielte Förderung der Kinder einbringen könnten ebenso wie die Lehrer der Regelschulen, die die Erwartungen der individuellen Förderung aller Kinder so gar nicht erfüllen können, die behinderten Kinder und insbesondere auch die Nichtbehinderten, die unter Umständen in ihrem Lernfortschritt gehindert und deren Toleranz und Empathie überstrapaziert werden." Inklusion an Gymnasien

Sie fürchtet, die neuen Gemeinschaftsschulen könnten zur "Restschule" werden, wenn Eltern, "die der Inklusion entgehen wollen, ihre Kinder am Gymnasium anmelden". Die Arbeitskammer kritisierte, dass die Gymnasien und Schulen in privater Trägerschaft im Entwurf von der Inklusion ausgenommen sind. Bundesweit gebe es Ansätze erfolgreicher inklusiver Gymnasien.

Der SPhV weist die Kritik als "ziemlich weltfremd" zurück. "Selbstverständlich wird am Gymnasium niemand aufgrund äußerer Merkmale benachteiligt", sagt Hahn. Im ganzen Land engagierten sich Gymnasiallehrer bereits heute für ihre behinderten wie nicht behinderten Schüler. Doch sei das Gymnasium ab Klasse 5 auf das Abitur hin ausgerichtet. "Es kann und soll nicht Schule für alle sein", betont Hahn.

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