40 Tage sein Leben überdenken

Die Fastenzeit sollte nicht mit einer mehrwöchigen Diät verwechselt werden. Wer sein Gewicht deutlich reduzieren möchte, sollte einen Arzt zu Rate ziehen. Wer hingegen herausfinden möchte, was im Leben verzichtbar ist, sollte die kommenden Wochen dazu nutzen.

Am Aschermittwoch ist alles vorbei - so sangen und schunkelten die Fastnachter noch bis einschließlich Dienstag. Geradezu so, als käme danach das dicke Ende: Verzicht üben, sich einschränken, sich etwas bewusst versagen.

Und das auch noch in einer Zeit, in der wir gewöhnt sind, dass alles auf Knopfdruck geliefert wird - vom Handy bis zum Hamburger. Doch wie für so vieles, gilt auch fürs Fasten, dass hinter dem vermeintlich überholten Ritual ein tieferer Sinn steckt: Das Angebot, seine persönliche Freiheit wieder zu finden. In der Fastenzeit haben wir Gelegenheit, unser Leben und unsere Bedürfnisse neu zu überdenken, heißt es in kirchlichen Botschaften.

Die vierzigtägige Fastenzeit der römisch-katholischen Kirche dauert von Aschermittwoch bis Gründonnerstag. Fasten sei immer auch eine Vorbereitung auf eine einschneidende Änderung im Leben, wird in der Fastenbotschaft betont. Nur wer sich frei mache von irdischem Besitzdenken, sei geistig offen, über neue Lebensentwürfe nachzudenken.

Nun könnte man meinen, das Fasten führe nur noch ein Nischendasein für diejenigen Menschen, die sich gewissenhaft an kirchlichen Vorgaben orientieren. Aber weit gefehlt, besonders die Frauenzeitschriften springen auf diesen willkommenen Trend auf und propagieren in der Fastenzeit gerne Diäten. Es gehe aber nicht darum, dass Pfunde verschwinden, ,,sondern dass wir uns bemühen, das Wesentliche für unser Leben zu finden", schreibt der Speyerer Bischof Wiesemann. Dies sei in erster Linie ein spirituelles Angebot.

Aber nicht nur die Kirche, auch die Leiterin der Schule für Diätassistentinnen und Diätassistenten am Uniklinikum, Ute Rost, hat etwas dagegen, dass die Fastenzeit als Diätzeit interpretiert wird.

"Wenn es um reine Gewichtsreduktion geht, ist es der falsche Ansatz, von heute auf morgen sehr wenig bis nichts zu essen.". Wenn man ernsthaft mehrere Kilos abnehmen möchte, "dann gehört dies in die Hände eines Arztes", so Rost, "der stimmt die Gewichtsabnahme auf den individuellen Stoffwechsel ein. Nur damit erlangt man ein nachhaltiges Ergebnis". Völlig verkehrt sei es, einen Fastentag einzulegen, an dem man gar nichts esse, um danach wieder zuzuschlagen. "Am Fastentag haben die Leute ein gutes Gewissen, tun sich damit aber nichts Gutes. Man bringt seinen Stoffwechsel mit den Schwankungen erst recht durcheinander."

Auch Ute Rost stimmt mit den Vorschlägen der Kirche überein: "Ich finde, die Fastenzeit gibt uns Gelegenheit, uns selbst besser kennezulernen. Was passiert mit mir, wenn ich mich einschränke? Wie abhängig bin ich? Was brauche ich wirklich?". Es sei eine Zeit, um auf die eigene Lebensqualität zu achten. Hängt sie wirklich vom Essen ab? Vom täglichen Bier? Vom Sonntagsbraten?

Ute Rost rät dazu, innerhalb der kommenden sechs Wochen seine Gewohnheiten zu überprüfen: Muss ich Knabberzeug vor dem Fernseher essen? Muss ich Alkohol trinken? Es gebe viele Möglichkeiten, sein Essensverhalten zu überprüfen und sich in Selbstkontrolle zu üben. Man solle die Zeit nutzen, mal wieder neue Seiten an sich zu entdecken, rät die Ernährungsexpertin.

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