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Melbourne/Namborn: Süße Grüße aus Melbourne

Melbourne/Namborn : Süße Grüße aus Melbourne

Arno Backes hat sein Leben der Schokolade verschrieben. Mittlerweile lebt und arbeitet der Namborner am anderen Ende der Welt.

Seine Liebe zur Schokolade ließ ihn die Welt entdecken: Mehr als 40 Länder hat Arno Backes schon bereist. Immer auf der Suche nach der perfekten Praline. Mittlerweile lebt und arbeitet der Chocolatier in Melbourne. Oder wie er die australische Metropole bezeichnet: „Im Paradies der südlichen Hemisphäre“. Dort gebe es zahlreiche Spitzenrestaurants und die Menschen seien sehr kultiviert. „Melbourne hat Klasse und ist die lebenswerteste Stadt der Welt“, schwärmt der Auswanderer. Er hat es geschafft. Seit mittlerweile zwölf Jahren betreibt der Namborner die Konditorei Gânache Chocolate, hat 40 Mitarbeiter und mehrere Läden. In Australien kennt und liebt man ihn – und vor allem seine Pralinen.

Bereits im Alter von 15 Jahren, während seiner Lehre im St. Wendeler Brückencafé, entfachte bei Backes die Leidenschaft für die glücklich machende Schöpfung aus dem Pulver der Kakaobohne. Schokolade zu verarbeiten, sei eine Herausforderung. Da könne viel schiefgehen. „Die Praline ist am schwierigsten herzustellen und am einfachsten zu versauen“, bringt er es auf den Punkt. Das habe ihn gereizt. Von Anfang an richtete Backes seine Karriere daher auf das Konfekt aus. Und bekam nach seiner Zeit bei der Bundeswehr die Gelegenheit, sein Wissen in London zu vertiefen. Dort arbeitete er für den Pralinen-Hersteller Marasus Peti Fours, betrieben von einem Saarländer namens Rolf Kern. „Das war damals ein großer Schritt, von Namborn nach London zu gehen“, blickt der 50-Jährige zurück. Die Firma habe an noble Hotels wie das Ritz, The Dorchester und Gleneagles verkauft sowie die Königsfamilie beliefert.

Nach eineinhalb Jahren in Großbritannien zog es Backes schließlich in die Schweiz. Dort arbeitete er für das Hotel St. Gotthard, richtete in erster Linie Desserts an und durfte abends einen Kurs bei Zucker-Künstler Ewald Notter besuchen. „Zu lernen, wie man Zucker modelliert, war ganz wichtig für mich. Denn aus Zucker kann man tolle Figuren zaubern“, erläutert er. Es folgten Jobs in Berlin und München. Dort schloss er auch die Meisterschule ab – und zwar als bayerischer Landesmeister. „Danach bekam ich ein Jobangebot in Pfaffenhofen“, berichtet Backes. Doch er lehnte ab, um sich einen Traum zu erfüllen. „Als ich zwölf Jahre alt war, erzählte mir die Freundin meines großen Bruders von ihrer Australien-Reise. Seitdem wollte ich dort auch mal hin.“

Im Jahr 1996 packte der Konditormeister seinen Rucksack, machte sein Motorrad startklar und fuhr los. Nach Österreich, Italien, Griechenland, Türkei, Iran, Pakistan, Indien, Nepal, Sri Laka, Singapur, Malaysien, Thailand, Laos und, und, und. Irgendwann erreichte er schließlich Perth, die Hauptstadt des Bundesstaates Western Australia. Er fuhr weiter durch Down Under und setzte mit dem Schiff nach Neuseeland über. „Dort erhielt ich einen Anruf aus Pfaffenhofen. Der Chef fragte mich, wann ich denn endlich kommen würde“, erzählt Backes. Und so verschlug es ihn nach zwei Jahren auf der Straße wieder zurück in die Bundesrepublik. Von 1998 bis 2002 arbeitete er im Café Hipp.

Doch glücklich wurde der Weltenbummler dort nicht. „Deutschland ist ein Land, in dem man richtig ran muss, um irgendwie ein bisschen voranzukommen. Und wenn man da mal eine andere Denkweise hat, kriegt man schon mal Schwierigkeiten“, sagt der Schokoladen-Liebhaber. Außerdem habe er seine eigene Konditorei eröffnen wollen. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland habe das zu dieser Zeit allerdings nicht zugelassen. Er beschloss mit seiner damaligen Partnerin, nach Australien auszuwandern. Doch die Behörden machten ihnen zunächst einen Strich durch die Rechnung. „In Berlin haben sie zu uns gesagt, es würde zwei Jahre dauern, bis der Antrag für die Immigration durch sei“, erinnert sich Backes.

Vom Fernweh getrieben, ließen die beiden ihre Motorräder daher nach Los Angeles verschiffen. Auf der Suche nach dem Ursprung von Kaffee und Schokolade tourten sie nach Panama, lernten Spanisch in Guatemala und fuhren mit dem Schiff nach Chile. Von dort ging es weiter nach Brasilien, Peru und Bolivien. „Ich habe in dieser Zeit viele Arten gesehen, Schokolade zu verarbeiten, die ich bis dahin gar nicht so kannte“, erinnert sich Backes. In Deutschland zum Beispiel werden die Mandeln meist total zerhackt und eine Paste daraus gemacht. Die Argentinier hingegen verwenden die Mandel in ihrer Ursprungsform. „Mir gefällt es gut, wenn man sieht, was man isst“, beschreibt der Konditormeister. Diese und weitere Erfahrungen, die er auf der Tour sammelte, schrieb er in einem Buch mit dem Titel „Motoqueros“ nieder. Innerhalb von sechs Monaten verkaufte er 2500 Exemplare. Eine gute finanzielle Grundlage, um den nächsten Schritt zu wagen: die Immigration nach Australien.

Im Jahr 2004 flog Backes nach Melbourne und suchte nach einem Job. „Ich bin in einer Verkaufsmeile rumgelaufen und habe den Schokoladenladen Koko Black entdeckt“, blickt er zurück. Der Inhaber der erst neun Monate alten Firma habe ihn sofort eingestellt. „Er gab mir die Aufgabe, das Ganze groß aufzuziehen“, schildert der Namborner. Für ihn die perfekte Gelegenheit, sich in Down Under einen Namen zu machen, Kontakte zu knüpfen und die australische Geschäftswelt kennenzulernen. Vier Jahre und fünf neueröffnete Läden später war für Backes endlich der richtige Zeitpunkt gekommen. Er war bereit, seine eigene Konditorei aufzubauen – und taufte sie auf den Namen Gânache Chocolate. Zunächst startete er mit einem Laden im Vorort South Yarry, wenig später kam ein zweiter in der Collins Street, mitten in der Innenstadt, hinzu. „Da haben wir auch begonnen, Hotels zu bedienen. Mittlerweile beliefern wir 80 Prozent der Fünf-Sterne-Hotels in Melbourne“, berichtet der Auswanderer.

Makronen, Pralinen, Trüffel, Kuchen, Gebäck, Desserts – etwa 500 Produkte zählt sein Sortiment. Rund 60 Prozent der Ware sei Schokolade, und die importiert Backes aus Europa. Seine 40 Angestellten verarbeiten bis zu einer Tonne des kakaohaltigen Genussmittels pro Woche. Allerdings gebe es schon Unterschiede zwischen den europäischen und den australischen Schokoladen-Vorlieben. „Da ist Marzipan ein ganz wichtiger Punkt“, weiß Backes. Am Anfang habe er fünf Sorten Marzipan-Pralinen angeboten. Die hätten jedoch nur die Österreicher, Schweizer und Deutschen gekauft. Australier seien von Marzipan ganz und gar nicht begeistert. Nougat hingegen käme bei Kunden aller Nationen gut an. Auch bei den Chinesen. Und die spielen seit zwei Jahren eine ganz besondere Rolle in Backes’ Geschäften.

„Im Juni 2018 hatte ich die große Möglichkeit, in der Fernsehshow ,Shark Tank’ aufzutreten“, berichtet er. Die Show sei vergleichbar mit der Vox-Produktion „Die Höhle der Löwen“ und habe ihm die Chance geboten, nach einem Investor zu suchen. Es fand sich ein Geschäftsmann aus China. Er übernahm Gânache Chocolate zu 80 Prozent. „Ich wollte nicht mehr für die Läden verantwortlich sein und mich wieder mehr auf die Küche konzentrieren“, erklärt Backes seine Motivation für den Schritt. Neben der Produktion, kümmert er sich nur noch um den Verkauf an die Hotels und die Logistik. Kunden habe er inzwischen nicht mehr nur in Australien, sondern auch in Taiwan und Japan. „Das ganz große Ziel ist es, nach China zu exportieren“, hofft der Konditormeister.

Dieses Foto zeigt Arno Backes mit seiner Maschine in Australien. Foto: A. Backes
Das Karamell-Mousse. Foto: Michelle Bridges
Kuchen, Pralinen, Desserts – mehr als 500 Produkte zählen zum Sortiment von Gânache Chocolate. Konditormeister Arno Backes präsentiert eine kleine Auswahl davon. Foto: Stephane Spatafora Michelle Bridges

Er genießt sein Leben am anderen Ende der Welt. Melbourne, sagt er, sei inzwischen zu seinem Zuhause geworden. Dennoch reise er alle ein bis zwei Jahre zurück nach Namborn. „Ich habe noch guten Kontakt zu meiner Familie und zu Leuten, mit denen ich in die Schule gegangen bin“, berichtet der Auswanderer. Auch seinen deutschen Pass habe er noch nicht abgegeben. Zu sehr fühle er sich noch mit seiner Heimat verbunden. „Ich habe einige Nachteile, weil ich keinen australischen Pass besitze, aber ich möchte meinen deutschen nicht verlieren“, betont Backes. Er kämpft nun darum, eine doppelte Staatsangehörigkeit annehmen zu dürfen. Denn: „Wenn ich irgendwann einmal aufhöre, so viel zu arbeiten“, blickt er in die Zukunft, „will ich wieder mehr Zeit im St. Wendeler Land verbringen.“ Dort wo die Suche nach der perfekten Praline vor 35 Jahren begonnen hat.