In Namborn erklingt jetzt ein elektronisches Glockengeläut.

Glockenturm : In Namborn ruft jetzt Gabriel zur Messe

Aufgrund des maroden Kirchturms schweigen die Glocken in Namborn. Nun lädt ein elektronisches Geläut die Gläubigen zur Andacht.

„Selbst Gott braucht Werbung. Er hat Glocken.“ Dieses Zitat wird dem französischen Schriftsteller und Journalisten Aurélien Scholl zugeschrieben. Und es stimmt: Ein weithin hörbares Zusammenspiel  von Klöppel und gegossenem Klangkörper weiß in aller Welt Christen zum Gebet zu locken. Doch wenn die Glocken schweigen, weil der Kirchturm marode ist – wie will Gott dann die Schäfchen in sein Haus locken? Diese Frage stellte sich in Namborn. Seit rund zwei Jahren rufen dort keine Kirchenglocken mehr zur Heilgen Messe. Weil am Glockenturm der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt nicht nur der Zahn der Zeit nagt, sondern die Glocken auch am falschen Joch hängen. Genauer gesagt ist das Namborner Geläut an einem Stahl-Joch aufgehängt. Das leitet die Schwingungen der drei Glocken ungedämpft ins Mauerwerk und zerbröselt es nach und nach (wir berichteten).

„Wir müssen uns jetzt zusammensetzen und reden, wie es weitergeht“, hatte Jörg Benz vom Verwaltungsrat der Kirchengemeinde Mariä Himmelfahrt Namborn der SZ im Juni 2017 gesagt. Wir, das waren der Architekt des Bistums, Pfarrer Volker Teklik, Architekt Stefan Klein, das Landesdenkmalamt und der Namborner Verwaltungsrat. Doch wer sich von der Zusammenkunft eine schnelle Lösung des Problems erwartet hatte, sieht sich spätestens jetzt eines Besseren belehrt. Denn bis heute ist der Kirchturm von Rissen durchzogen, hängen die drei Glocken mit einem Gesamtgewicht von rund zwei Tonnen in dem einstöckigen Stahlglockenstuhl und schweigen vor sich hin – außer bei der viertelstündigen Zeitangabe. Dabei schwingt keine Glocke, sondern sie wird mit einem Hämmerchen angeschlagen. „Das geht“, sagt Benz bei einem erneuten Ortstermin in der Namborner Pfarrkirche, während er gemeinsam mit den Verwaltungsratsmitgliedern Albert Thinnes und Gerold Hoffmann den Autor dieser Zeilen auf die Empore führt. Dort, neben dem Aufgang zum Turm, wurde vor kurzem ein Schaltschrank eingebaut. Und der hat es in sich – das Glockenläuten. „Wir haben seit ein paar Wochen ein elektronisches Geläut“, berichtet Benz, und Verwaltungsratsmitglied Albert Thinnes öffnet den Schaltschrank.

Hinter der Schranktür kommt ein metallisch glänzender Kasten zum Vorschein. Darauf abgebildet sind ein Kirchenturm, eine Uhr und es stecken mehrere grüne Leuchtioden darin. Aus dem Kasten führen Elektrokabel. Die versorgen einerseits die Anlage mit Strom. Andererseits schließen sie vier große Trichter-Lautsprecher an. Die wurden unmittelbar vor den Schall-Luken im Glockenstuhl eingebaut. „Die Mitglieder vom Verwaltungsrat haben die Kabel gelegt und alles installiert – auch die Lautsprecher. Nur der Schrank selbst mitsamt der  Anlage wurde von einer Fachfirma eingebaut und angeschlossen“, berichtet der Kirchenverwalter.

Dann erläutert Benz, wie die Elektro-Glocken funktionieren: „Wir haben zunächst ein spezielles Aufnahmegerät besorgt, mit dem wir das Läuten jeder unserer Glocke einzeln aufgenommen haben.“ Diese Audio-Datei habe man dann der Firma Phoenix, dem Hersteller des elektronischen Glockenläutsystems mit Namen Gabriel, zugesandt. Das Unternehmen habe die Aufnahmen aufbereitet, „und beispielsweise das Rauschen raus geholt“, erzählt der stellvertretende Vorsitzende des Namborner Verwaltungsrates. Dann seien die Aufnahmen digital auf die Festplatte aufgespielt und hernach Gabriels Läuten programmiert worden.

Nun schallt morgens, mittags und abends wieder das Angelusläuten über die Dächer Namborns. Und auch zur Messe werden die Gläubigen wieder per Glocke geladen. „5000 Euro“, berichtet Benz, „hat die Anlage insgesamt gekostet.“ Genutzt werden soll sie so lange, bis der Turm saniert und die realexistierenden Kirchenglocken wieder frei schwingen dürfen. Was, wie Benz, Thinnes und die anderen Mitglieder des Verwaltungsrates hoffen, nicht mehr ewig dauern werde. „Am 24. Januar ist wieder ein Treffen mit allen Beteiligten angesetzt, dann besprechen wir das weitere Vorgehen.“

Um eine fundierte Gesprächsgrundlage zu haben, war der Kirchturm im vergangenen September eingerüstet worden. „Da dachten viele, dass es mit der Sanierung los geht“, berichtet Thinnes. Doch weit gefehlt. Es wurden lediglich Bohrproben vom Turm genommen, um einschätzen zu können, wie gut oder wie marode das Gemäuer tatsächlich ist. Denn davon hängt ab, was getan werden muss, und was der ganze Spaß voraussichtlich kosten wird.

„Wann es mit den Arbeiten wirklich losgehen kann, ist aber gar nicht absehbar“, sagt Gerold Hoffmann, ebenfalls Mitglied im Verwaltungsrat. „Fakt ist, dass wir den Turm sanieren wollen. Das elektronische Läuten soll keine Dauerlösung sein“, ergänzt Benz. Klar sei auch, dass die Schäden nicht geringer würden, je weiter sich der Beginn der Sanierung verzögere. Im Gegenteil, wie an den sogenannten Rissplomben zu sehen ist. Die wurden, als der Turm im vergangenen Spätsommer eingerüstet war, ins Mauerwerk gesetzt. Und zwar an Stellen, die bereits von einem Riss durchzogen waren. Inzwischen ist an einigen Plomben abzulesen, dass die Spalten immer weiter auseinander klaffen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung