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Mehr als Heimatlieder singen

Mehr als Heimatlieder singen

Kreis St. Wendel/Saarbrücken. "Kein Wodka." Dieser Hinweis scheint Natalia Meleva wichtig. So als wolle sie sagen: Hier geht es zwar absolut russisch zu, aber wir müssen ja nicht jedes Klischee erfüllen

Kreis St. Wendel/Saarbrücken. "Kein Wodka." Dieser Hinweis scheint Natalia Meleva wichtig. So als wolle sie sagen: Hier geht es zwar absolut russisch zu, aber wir müssen ja nicht jedes Klischee erfüllen. Zur Weihnachtsfeier des Vereins "Russisches Haus", in Saarbrücken dessen Vorsitzende Natalia Meleva ist, werden französischer Chardonnay und weißer Burgunder aus Rheinhessen serviert. Draußen ist es kalt. Sibirische Kälte? Ein älterer Herr winkt ab. So kalt wie in Russland könne es hier gar nicht werden. Drinnen, im Haus des Saarbrücker Roten Kreuzes wärmen sich vorwiegend ältere Menschen vor allem die Seele. Der junge Geiger Simon Levenberg spielt schwermütige russische Weisen. Die nicht mehr ganz so junge Opernsängerin Margarita Levina bringt die Gäste mit ihren russischen Liedern zum Klatschen, viele singen mit. Dazwischen werden die Speisen rumgereicht, die die Gäste mitgebracht haben. Das russische Weihnachtsfest werde zwar erst am 7. Januar gefeiert, aber da sei der Saal beim Roten Kreuz nicht frei. Deshalb wurde bereits am Mittwochabend gefeiert. Da müsse man eben Kompromisse machen, kein Problem, sagt Natalia Meleva - und reicht ihr "typisch russisches Festessen" herum, eine Mischung aus roten Beten, Sauerkraut, gekochten Kartoffeln und Zwiebeln. Kümmel sei drin, deutscher Kümmel. In Russland gebe es keinen Kümmel, aber das Gericht schmecke besser mit Kümmel. So vereinen sich kulinarische Welten. Folklore ist zu wenigDie Opernsängerin genießt ihren Schlussapplaus. Jetzt werde gleich getanzt, erklärt Natalia Meleva. "Nur Heimatlieder zu singen, ist zu wenig", erklärt derweil eines der deutschen Mitglieder des Vereins. Seine russische Putzfrau lebe seit zehn Jahren in Saarbrücken, könne aber kaum Deutsch, sagt er. Das liege daran, dass die Russen gern unter sich sind und viel mit der Heimat telefoniert wird. So könne Integration nicht funktionieren. Es sei ja schon schwierig, die deutschstämmigen Spätaussiedler und die aus Russland ausgewanderten Juden zusammenzubringen. Genau da scheint das "Russische Haus" eine Hilfe zu sein. Nur Folklore ist Natalia Meleva nämlich zu wenig. 50 Senioren aus Russland lernen beim Verein Deutsch. Ein Vereinsmitglied bringt älteren Leuten den Umgang mit dem Computer bei. In einigen Wochen organisiert der Verein ein großes Schachturnier. "Wir haben viele in Russland gut ausgebildete Leute, aber sie finden hier keine Arbeit", sagt Natalia Meleva. Der Verein bietet ihnen Möglichkeiten, wenigstens einen Teil ihres Wissens weiterzugeben, gibt ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden. Und der Verein will den zugewanderten Russen helfen, wirklich in der deutschen Gesellschaft anzukommen. Das sei nicht immer ganz leicht, sagt Natalia Meleva. Die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, falle vielen Russen nämlich schwer. Nicht, weil sie keine Deutschen werden wollen, sondern weil sie den russischen Pass nicht abgeben wollen, erklärt sie. Das wiederum liege daran, dass nur russische Staatsbürger eine russische Rente bekommen, wenn sie im Ausland leben. Russland erlaube im Gegensatz zu Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft, sagt Natalia Meleva. Dafür, dass der deutsche Staat den Russen und anderen Einwanderern mehr entgegenkommt, setzt sie sich auch im Integrationsbeirat ein. Info: Natalia Meleva, Tel. (06 81) 9 40 08 90